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Holzfigur: Wer ist der oder die Heilige in der Knastkirche?

1. November 2026

In der Knastkirche im Jugendvollzug der JVA Herford steht einsam und verlassen auf einem Abstellschrank eine Holzfigur. Niemand weiß, was es damit auf sich hat. Ist es ein Heiliger oder eine Heilige und wenn ja, wer? Die Statue wurde aus einem Holzstamm geschnitzt. Vermutlich ist sie in der Arbeitstherapie gefertigt worden. Vielleicht dachte man, sie passt am besten in die Kirche.

Das Holz hat bereits Risse bekommen. Ob der Mensch, der da dargestellt wird, auch Risse im Leben hat? Am ersten November jeden Jahres feiert die katholische Kirche Allerheiligen. Ein Gedenktag für “die nicht nur vom Papst heiliggesprochenen Frauen und Männer, sondern die vielen Menschen, die unauffällig ihren Glauben gelebt und ihr Christentum unbeirrt verwirklicht haben” sagen die deutschen Bischöfe. Sind es “Heilige” Menschen wie Du und ich oder mit einem “Heiligenschein” versehen und damit abgehoben?

“Geheiligte in Christus Jesus”

In der Bibel wird das Volk Gottes als heiliges Volk bezeichnet und der Getaufte oder von Sünden reingewaschene als heiliger Mensch bezeichnet. Im Neuen Testament adressiert Paulus seine Briefe an die notorisch zerstrittene Gemeinde in Korinth an “die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen” (1 Korinther 1,2). Das zweite Vatikanische Konzil bekräftigt im Dokument Lumen Gentium, dass es eine allgemeine Berufung zur Heiligkeit für alle Christen gibt. Papst Leo XIV. wiederholte im April 2026 in einer Generalaudienz zu diesem Kapitel, dass Heiligkeit kein Privileg für wenige ist, sondern alle Gläubigen betrifft. Als ein Neuheiliger wird Carlo Acutis (* 3. Mai 1991 in London; † 12. Oktober 2006 in Monza) bezeichnet. Er war computeraffiner italienischer Jugendlicher, der mit 15 Jahren an Leukämie starb. Acutis, der in den Medien als Influencer Gottes bzw. Cyber-Apostel bezeichnet wird, wurde 2020 in Assisi selig- und später heiliggesprochen. Für manche ist solch ein Heiligungsverfahren menschengemacht. Wurde Acutis geprägt von seinen Eltern und einer daraus beschriebenen Liebe zur Eucharistie, dass er heiliggesprochen wurde?

Mit “solchen” Menschen Geschichte schreiben

Im Jugendknast damit zu punkten, fruchtet nicht. Versammelt sind Jugendliche und Heranwachsende, die als “unheilig” gelten, die sich strafbar gemacht haben und die ganz und gar nicht als “heilig” beschrieben werden. Sie sind nicht kirchlich sozialisiert und nicht getauft. Sie sind muslimisch, jesidisch oder bekenntnisfrei. Vielleicht ist eine Holzfigur gerade deshalb jemand von den Gefangenen. Einer, der gestrauchelt ist, der scheiterte und der sich neu auf den Weg macht. Schaut man sich einige heilige Personen in der Geschichte an, merkt man schnell, dass sie nicht nur ein heiliges Leben führten. Gott schreibt Geschichte mit “solchen” Menschen. Sei es mit den Propheten Elija, Mose oder Deborah. Sei es Franz von Assisi oder der heilige Nikolaus. Kein Mensch ist nur heilig. Und trotzdem scheint in jedem Menschen ein heilig-göttlicher Funke auf. Auch im Knast bei den Gefangenen.

Nicht alles mit sich machen lassen

Das lässt die Jugendlichen aufhorchen als erzählt wird, dass jeder Mensch heilig ist. Ohne Kriterien erfüllen zu müssen und ohne, dass er dafür etwas tun muss. Das bedeutet nicht, dass jemand keine Verantwortung für sein Handeln trägt und nur ein Gut-Mensch sein soll. “Nicht alles mit sich machen lassen, Kante zeigen und für sein Leben einstehen”, so drückt sich ein 23-jähriger syrisch stämmiger Inhaftierter aus. “Es gibt Menschen, die sind sehr gut zu anderen Menschen. Das heißt: sie sind barmherzig. Die barmherzigen Menschen können sich freuen. Weil Gott auch barmherzig ist zu diesen Menschen”, so lauten die Seligpreisungen Jesu im Evangelium in leichter Sprache. Die Unheiligen/Heiligen, sie sind im Gefängnis, und sie sind ebenso “draußen”. Heiliges passiert gerade an unheilig geglaubten Orten wie auch denen der Gefängnisse. Dafür steht die namenlose Holzfigur in der Anstaltskirche. Sie wurde von Gefangenen gearbeitet. Sie erzählt Geschichten von Menschen, die nicht feierlich heiliggesprochen wurden.

Michael King

 

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