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Die Weisheit der Säfrau: Denkgewohnheiten hinterfragen

11. Juli 2026

Das berühmte Evangelium von der Säfrau. Säfrau? Ist es nicht der Sämann? So steht es doch geschrieben, so wird es immer erzählt, so muss es wohl sein. Wenn wir eine kleine Anfrage in den Vatikan senden würden in dieser Sache, dann wäre die Antwort eindeutig: Es kann nur ein Sämann sein! Was aber, wenn die Säfrau zum Sämann wurde, weil wir sie immer schon als einen solchen sehen wollten?

Die Gewohnheiten im menschlichen Denken können so festgefügt sein, dass sogar die göttliche Wandlungskraft, die stets neu schafft, sich schwer tut dazwischenzufunken. Trotzdem versucht sie es unentwegt. Genau davon erzählt das Gleichnis von der Säfrau.

Zusammenstehen bei der Gefangenenwallfahrt in Werl. Foto: Ralf Litera

Festgefahrene Denkgewohnheiten

Es lohnt sich, zunächst den Acker in den Blick zu nehmen, in den hinein der Same des Evangeliums soll: der Acker menschlicher Denkgewohnheiten. Da gibt es einige Furchen, die immer wieder gezogen werden. Es sind Glaubenssätze wie: „Das können wir nicht ändern, das war schon immer so! Frauen dürfen nicht predigen! Alle in Sachsen-Anhalt wählen blau! Es gibt keinen Klimawandel! Nur Männer können Priester werden! Nur in Deutschland Geborene sind echte Deutsche! Wenn wir Frieden haben wollen, müssen wir mehr Waffen haben! Alle Muslime sind Islamisten! Politik hat in Kirche nichts zu suchen!“ Das sind einige der Furchen im Acker menschlicher Denkgewohnheiten. Sie werden unterschiedlich beackert: manche Menschen bewegen sich tagtäglich in ihnen und – merken nichts. Andere bewegen sich ebenfalls tagtäglich in ihnen, nur um gegen sie anzukämpfen, sie kommen gehörig ins Schwitzen und – ändern nichts. Und dann gibt es welche, die sind es leid, sich tagtäglich in ihnen zu bewegen, sie lassen sie links und rechts liegen und erlauben dem Denkapparat ganz neue Wege. Denn obwohl unsere Denkgewohnheiten wie automatisch einzurasten scheinen, sind wir ihnen doch nicht ausgeliefert. Immer können wir auch anders.

Trotz aller Widrigkeiten

Auch die Säfrau im Gleichnis kann anders als gewöhnlich. Sie wirft den guten Samen einfach überall hin, auf den Weg, auf felsigen Boden, auf die zu dünne Erdschicht, in die Dornen und auf guten Boden. Jeder ordentliche Sämann würde fachmännisch den guten vom steinigen Boden trennen und eine Mauer dazwischen errichten. Die Säfrau aber schreitet grenzenlos alle Böden ab und wirft in weitem Bogen das Saatgut um sich herum als würde sie sagen: wer weiß, womöglich wird irgendwo doch was draus. Denn im Gleichnis des Evangeliums Jesu geht es bei dem Saatgut um Gottes Wirkkraft, und die ist maßlos. Da muss nichts gespart, berechnet oder kalkuliert werden. Und tatsächlich: es gibt reiche Frucht, hundertfach, sechzigfach und dreißigfach. Diese Zuversicht, dass trotz aller Widrigkeiten stets auch etwas aufgeht und Frucht trägt, lebt in der Säfrau und lässt sie kreuz und quer durch ihre Welt laufen, immer wieder guten Samen verstreuend.

Göttliche Wirkkraft

So ist das Gleichnis von der Säfrau eine Ermutigung zu Gelassenheit und Zuversicht. Immer gibt es auch steinigen, unfruchtbaren Boden und Dornengestrüpp, wo das Gute im Keim erstickt wird. Wenn die Feindbilder im Kopf fest geworden sind oder aus Bequemlichkeit eine Veränderung nicht mehr angenommen wird, kann nichts Neues werden. Doch es gibt auch den guten Boden, der Frucht bringen kann. Es lohnt sich in jedem Fall, überall reichlich guten Samen zu streuen. Denn Gott lässt die Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte, wie es in Jesu Bergpredigt heißt. Es ist nicht an uns, da von vornherein die einen oder anderen auszuschließen. In unserer von aggressiver Abgrenzung und gegenseitiger Abwertung geprägten Zeit bedeutet das, in jede Begegnung bewusst mit Freundlichkeit zu gehen, und – selbst, wenn diese mal nicht zurückkommt – es in der nächsten Begegnung sofort wieder zu probieren. Das mag besonders gelten für Begegnungen jenseits des eigenen Freundeskreises. Gottes überraschende Wirkkraft sollten wir nie völlig ausschließen. Und es ist nicht schlimm, wenn diese Weisheit der Säfrau hin und wieder auch von einem Sämann gelebt wird.

Christoph Kunz

 

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