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Gefängnisseelsorge hat kein Besuchsrecht in Pandemiezeiten

Hygieneregeln eingehämmert und beim Impfen keine Lösung
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Es wird nicht immer dunkel sein. Songwriter aus dem Knast
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“Erlöse mich von allem Bösen”, eine Tätowierung eines Straftäters im Untersuchungsgefängnis in Rio des Janerio. Foto: Adveniat.

Die Pandemie hat verheerenden Folgen in den brasilianischen Gefängnissen, in denen auch ohne Covid-19 menschenunwürdige Verhältnisse herrschen. Die medizinische Versorgung in den Haftanstalten ist wenig oder gar nicht vorhanden. Ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis, Krätze, HIV, Dauerdurchfall, Hautausschläge etc. gehören zum Alltag bei den Männer und Frauen in Haft. Wenn einmal ein Arzt vorbeikommt und ein Rezept ausstellt, wird nur von der Haftanstalt „Paracetanol“ und Aspirin für alle Krankheiten ausgegeben. Andere Medikamente müssen die Angehörigen selbst ins Gefägnis bringen.

In den total überfüllten Zellen mit viel Ungeziefer aller Art, ohne ausreichende Wasserversorgung und wenn, dann ohne sauberem Wasser, ungenügende und schlechte Ernährung, da verbreiten sich diese Krankheiten in diesem tropischen Land ganz schnell. Und jetzt, in der Zeit der Corona, ist die Situation noch schrecklicher. Die Hygieneregeln, die für uns „hier draussen“ gelten, sind unmöglich im Gefängnis umsetzbar, dementsprechend haben sich viele Gefangene angesteckt und starben auch. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil fast keine Coronatests gemacht werden. So starben die Häftlinge eben an Lungenentzündung oder Tuberkulose. Seit März 2020 ist jeglicher Besuch in den Haftanstalten verboten, weder Familienangehörige noch die Gefängnisseelsorge hat Besuchsrecht. Das sind 10 lange Monate der Ungewissheit für die Angehörigen und auch für die Häftlinge selbst, die somit keine Nachricht von ihrer Familie haben und auch keine materielle Unterstützung bekommen, d.h. es gibt mehr Hunger, kaum oder keine Medikamente, Seife, Zahnpasta, Bekleidung… Alles fehlt, da der Staat diese Dinge nicht verteilt. Rechtsanwälte können nur mit grossen Schwierigkeiten ab und zu ihre Klienten besuchen. Durch den vielen „Homeoffice“ sind die Prozessakten noch mehr zum Stillstand gekommen.

Hecatombe – große Opfer

Die wenigen Nachrichten, die trotzdem nach aussen gelangen sind schrecklich, vor allem die anonymen Beschwerden von Folterungen und Misständen aller Art, die uns erreichen haben, haben sich seit März verdoppelt. Es ist keine leichte Zeit in dieser „Pandemie“, die sich zu einer „Hecatombe“ entwickelte – das Wort kommt aus dem griechischen und bedeutet im übertragenem Sinn eine erschütternd grosse Zahl von Menschen, die einem Massaker oder Unglück zum Opfer gefallen sind. Wir von der Gefängnisseelsorge nützen die Zeit für Fort- und Ausbildungskurse – natürlich alles online, die Technik macht es möglich, sich mit Menschen aus allen Ecken Brasiliens zu verbinden. Auch versuchen wir, möglichst viele Familienangehörigen zu unterstützen. Einerseits konkret mit Lebensmitteln, oder einfach mit Dasein und Zuhören, Solidarität und Unterstützung bei Protestveranstaltungen (vor allem online) und einreichen von Anklagen auf nationaler und internationaler Ebene.

Sr. Petra Pfaller | Irmãs Missionárias de Cristo, Coordenadora Nacional Pastoral Carcerária do Brasil – CNBB

 

Restaurative Justice und Friedenskreise

Die Nationale Gefängniseelsorge hat eine Arbeitsgruppe, um die Restaurative Justice, die sich immer mehr in Brasilien und anderen Ländern durchsetzt – auch als eine Alternative zur Gefängnisstrafe – bekannt zu machen und MitarbeiterInen in restaurative Praktiken einzuführen. Sehr hilfreich und wichtig ist dabei die Methode der „Friedenskreise“, die wir vor der Krise Covid-19 in Gefängnissen angeboten haben. Dabei versammeln sich die Teilnehmer in einem Kreis, erleben Gemeinschaft, bauen und stärken Beziehungen untereinader und lernen gewaltfrei zu kommunizieren. Dabei werden sie von zwei geschulten Moderatoren begleitet.

Die Coronapandemie hat uns provoziert, diese „Friedenskreise“ online anzubieten, um die GefängnisseelsorgerInnen und Familienangehörigen der Gefangen zu unterstützen. In den Monaten Juli, August und September 2020 haben wir als Moderatorinnen 35 Friedenskreise online begleitet und dabei ca. 250 Personen aus 15 verschiedenen Bundesstaaten errreicht. Durchschnittlich nehmen 7 bis 10 Personen teil. Jeder Friedenskreis hat ein Thema und dauert ca. zwei Stunden. Friedenskreise „Peacemaking Circles“ gehen auf Kay Pranis zurück, eine Lehrerin aus den USA, die diese zirkulären Prozesse bei einer Indigenen Bevölkerung in Kanada kennengelernt und anschliessend bekannt gemacht hat. Es ist eine Methode des Dialogs und der Kommunikation, die Menschen ermöglicht, Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu erfahren.

Gesundheit in Gefängnissen: Eine Pandemie? Mit deutschen Untertiteln

Sensibilität für die Würde

Die Coronokrise trifft die Menschen hart durch Arbeitslosigkeit Unsicherheit, Krankheit, Tod von Angehörigen, Trauer, Isolierung, Kontaktsperre zu Familienangehörigen, die im Gefängnis sind, Angst und Schmerz. Was hilft? Dass die Menschen in einer vertrauten „Umgebung“ über ihre Erfahrungen sprechen können und dass Ihnen zugehört wird. Die zirkulären, friedensschaffenden Prozesse, ermöglichen den Ausdruck von Gefühlen und menschlichen Bedürfnissen in einer Atmosphäre echten Respekts und Angenommenseins. Es werden Lebenserfahrungen und Lebenssituationen zu einem bestimmten Thema erzählt – das bewegt und verbindet alle Teilnehmer. Das Zuhören und das Teilen der Erfahrungen schenken ein Gefühl des Angenommenseins und können die Sensibilität für die Würde jedes Menschen stärken. Darüber hinaus fördern zirkuläre Prozesse die Kommunikation und eine Kultur des Friedens im Alltag, in der Familie, in einer Jugendgruppe, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Gefängnis. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen und erlebe mich jedes Mal als Schülerin, als Lernende zusammen mit den TeilnehmerInnen der Friedenskreise.

Sr. Barbara Kiener

 

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