Kämpferin für die Abschaffung der Todesstrafe

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Am 31. März 2021 ist Tamara Chikunova im Alter von 72 Jahren überraschend im italienischen Novara verstorben. Über 20 Jahre hat sie sich unermüdlich dafür eingesetzt, dass die Todesstrafe weltweit geächtet und abgeschafft werde. Im Jahr 2005 erhielt sie für ihre Leistungen – neben anderen internationalen Preisen – den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis. Tamara Chikunova war Russin und wurde 1948 im Kreis Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, geboren. 1999 wurde ihr einziger Sohn Dimitri zum Tode verurteilt und am 10. Juli 2000 im Alter von 29 Jahren im Gefängnis von Taschkent erschossen.

Er war zu Unrecht beschuldigt worden, zwei Menschen umgebracht zu haben. Tamara Chikunova unternahm alles in ihrer Macht stehende, um die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen. Ihre Bemühungen waren umsonst, weil die Regierung einen Schuldigen brauchte, um sich nicht vorwerfen lassen zu können, einen Mord nicht aufgeklärt zu haben. Tamara erlebte persönlich, wie unmenschlich der Umgang der Behörden mit den zum Tode Verurteilten und ihren Angehörigen war. In Vorträgen hat sie später immer wieder davon berichtet, wie ihr Sohn gefoltert wurde und wie man ihm am Ende seine Schuld unterschrieben ließ, indem man ihm eine Handyaufnahme vorspielte, auf der zu hören war, dass seine Mutter von der Polizei geschlagen wurde. „So unterschrieb mein Sohn sein eigenes Todesurteil, um mich damit zu retten.“

Sohn nachträglich rehabilitiert

Als sie ihren Sohn am 10. Juli 2000 besuchen wollte, wurde ihr der Besuch trotz vorheriger offizieller Bestätigung verweigert. Später stellte sich heraus, dass an diesem Tag die Hinrichtung ihres Sohnes durchgeführt worden war. Nachdem sie seine Sterbeurkunde erhalten hatte, ging sie zur Gefängnisleitung, um ihn beerdigen zu können. Dort erfuhr sie, dass laut Gesetz die Leichname von Hingerichteten nicht zur Beerdigung freigegeben werden. Ihr wurden weder seine persönlichen Gegenstände ausgehändigt noch wusste sie jemals, wo ihr Sohn beerdigt worden war. Einige Jahre später wurde das Urteil gegen ihren Sohn zurückgenommen. Sie sagt über die Bedeutung dieses offiziellen Aktes: „Im März 2005 wurde mein Sohn nachträglich rehabilitiert, seine Unschuld wurde anerkannt, sein Prozess wurde als Unrecht erklärt. Doch die Todesstrafe ist unumkehrbar. Unumkehrbar ist nicht nur der Schrecken der Strafe selbst, sie ist unumkehrbar, weil auch eine Rechtfertigung nach dem Tod den Verurteilten nicht mehr ins Leben zurückbringt.“ Wenn Tamara Chikunova von der Hinrichtung ihres Sohnes berichtete, sagte sie oft: „Mit dem Leben meines Sohnes haben sie auch mein Leben zerstört. Ich wollte nicht mehr leben. Doch der letzte Brief meines Sohnes war wie ein Testament für mich.“

Mütter gegen Todesstrafe und Folter

Tamara Chikunova verstand es als letzten Wunsch ihres Sohnes, sich immer an ihn zu erinnern und zu leben und anderen zu helfen, die im Todestrakt sind. Sie wollte nicht, dass der Tod ihres Sohnes und ihr eigenes Leid, von dem sie – auch gesundheitlich – tief gezeichnet war, umsonst waren. Deshalb gründete sie noch im Herbst 2000 die Organisation „Mütter gegen Todesstrafe und Folter“. Mitglieder der Organisation sind vor allem Angehörige von Menschen, die gefoltert oder zum Tode verurteilt wurden. Die „Mütter“ arbeiteten von Tamara Chikunovas Wohnung und später von einem kleinen Büro aus. Die Arbeit der Organisation basiert auf ehrenamtlichem Engagement und finanziert sich durch Spenden.

Auf der Homepage des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg wird ihre Arbeit anlässlich ihres Todes gewürdigt: „Um ihr Ziel, die Abschaffung von Todesstrafe und Folter zu erreichen, leisteten die ‚Mütter‘ auch juristische Hilfestellung für Betroffene. Ein anderer Schwerpunkt der Arbeit war und ist die Information der usbekischen Öffentlichkeit über die Menschenrechte durch die Medien, durch Seminare und Schulungen. Zudem führten die Mütter Statistiken über die Todesurteile und deren Vollstreckung sowie über Folterfälle in Usbekistan. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Tamara Chikunova gelang es den Müttern, eine enge Zusammenarbeit mit internationalen Menschenrechtsorganisationen herzustellen, darunter die UNO, Amnesty International, Murder Victims Families for Reconciliation, Sant’Egidio, Human Rights League, das OSZE-Menschenrechtsbüro ODIHR (Office for Democratic Institutions and Human Rights) und Human Rights Watch. Sie bringen die massiven Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan an die Öffentlichkeit.“

Auf der einen Seite zeigten Nervosität, Traurigkeit und eine gewisse Härte den Schmerz und die Wunden ihres Lebens. Gleichzeitig war sie voller Herzlichkeit und Leben, eine leidenschaftliche Kämpferin und sie strahlte eine große Mütterlichkeit und eine warme Freundschaft aus.

Durch den Einsatz und die Vermittlung ihrer Organisation wurden gute Anwälte angestellt, sodass Tamara Chikunova dazu beitragen konnte, das Leben von 23 Todeskandidaten zu retten, indem ihr Todesurteil in lebenslange Haft oder eine andere Haftstrafe umgewandelt wurde. Bereits im Jahr 2002 wandte sie sich in einem Brief an die Gemeinschaft Sant’Egidio, weil sie gehört hatte, dass diese zum Jahrtausendwechsel eine Kampagne zur Abschaffung der Todesstrafe weltweit auf den Weg gebracht hatte. Daraus entstand eine langjährige und intensive Freundschaft, über die sie folgendermaßen spricht:

„Ich war eine kleine besiegte Frau und arbeitete dafür, dass das Leben siegt. Anfang 2002 schrieb ich einen Brief an die Gemeinschaft Sant’Egidio, um Hilfe für mich und meine Mission zu suchen: die Befreiung der Todeskandidaten. Ich danke dem Herrn, denn seit diesem Tage sind wir immer zusammengeblieben! Im Verlauf der Jahre sind Wunder geschehen, wir konnten das Leben vieler junger Todeskandidaten in meinem Land retten. Ich habe wirklich das Zeichen der Liebe Gottes empfangen! Gott hat mir die Kraft geschenkt, all denen zu vergeben, die für die Hinrichtung meines Sohnes verantwortlich sind! Durch diese Kraft zur Vergebung bin ich selbst stärker geworden!”

Zahlreiche Repressalien

Die internationale Unterstützung stellte für Tamara einen großen Schutz dar, da sie in Usbekistan diversen Schikanen ausgesetzt war. 2003 hatte sie zum Beispiel eine internationale Konferenz vorbereitet, die wenige Stunden vor Beginn verboten wurde. Im September 2004 erschien um 6 Uhr morgens ein Ermittler der Staatsanwaltschaft bei ihrer Mutter, der der 78 jährigen bettlägerigen Frau erklärte, dass er einen Haftbefehl gegen ihre Tochter habe. Der Verdacht lag nahe, dass die Behörden auf diese Weise Druck auf Tamara Chikunova ausüben wollten. Aber weder sie noch ihre Mitstreiterinnen ließen sich einschüchtern, auch nach dem Erhalt von Morddrohungen arbeiteten sie weiter. Mit Unterstützung der Gemeinschaft Sant’Egidio gelang ihr ein großer Erfolg. Denn in Usbekistan wurde dank ihrer Bemühungen am 1. Januar 2008 die Todesstrafe tatsächlich offiziell abgeschafft. Trotzdem lehnte sie sich nicht zufrieden zurück. Denn in der Zwischenzeit hatte sich ihr Blick auf andere Länder der Region geweitet, sodass Tamara Chikunova im Lauf der Jahre auch einen wichtigen Beitrag leistete beim Prozess, der zur Abschaffung der Todesstrafe in Kirgisien, Kasachstan und der Mongolei führte. Zahlreiche Repressalien zwangen sie jedoch, Usbekistan zu verlassen und sie fand im Jahr 2009 bei der Gemeinschaft Sant‘Egidio eine neue Heimat im italienischen Novara, wo sie seitdem lebte.

Gegen eine Kultur des Hasses und der Rache

Tamara wollte sich nie auf ihren Erfolgen ausruhen. Sie spürte vielmehr die dringende Verantwortung, über ihre Geschichte zu sprechen, sich für die Abschaffung der Todesstrafe auf der ganzen Welt einzusetzen wie auch für die Verbreitung einer Kultur des Mitleids und des Lebens und einer Humanisierung der Zustände in den Gefängnissen. Sie besuchte immer wieder Gefängnisse, wo sie zu den Gefangenen sprach, für die sie ein großes Mitgefühl hatte. Im Jahr 2019 besuchte sie auch die JVA Würzburg und gab im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes anstatt der Predigt ein Zeugnis über die Kraft der Vergebung, das die ZuhörerInnen bereitwillig und mit Rührung aufnahmen. Nie wurde sie müde, bei vielen Konferenzen öffentlich zu sprechen bis hin zur Teilnahme an den Kongressen von Justizministern unterschiedlicher Länder, die seit einigen Jahren jährlich von Sant’Egidio in Rom organisiert werden. Vor allem aber wollte Tamara Chikunova zu den Jugendlichen sprechen, um sich gegen eine Kultur des Hasses und der Rache auszusprechen. Unermüdlich ging sie in vielen europäischen Ländern zu Treffen in Schulen oder an Universitäten. Es gibt unzählige Fotos, auf denen sie inmitten von Schülerinnen und Schülern abgebildet ist.

Voller Herzlichkeit und Leben

Als gläubige Frau hinterlässt Tamara Chikunova eine Botschaft des Lebens, der Menschlichkeit und des Friedens. 2010 sagte sie in ihrem Beitrag beim Internationalen Friedenstreffen der Weltreligionen von Sant’Egidio in Barcelona: “Es ist Zeit, um für die Seelen der Menschen zu kämpfen. Sonst wird die spirituelle Leere sehr schnell mit anderen Ideen angefüllt…” Ihre tiefe Überzeugung bestand darin, dass “Gott kein Richter ist, sondern ein vergebender Vater”. Zweimal durfte ich Tamara Chikunova bei Besuchen in Würzburg in meiner Wohnung beherbergen und konnte so eine Frau erleben, die im doppelten Sinne von der Hinrichtung ihres Sohnes gezeichnet war: Auf der einen Seite zeigten Nervosität, Traurigkeit und eine gewisse Härte den Schmerz und die Wunden ihres Lebens. Gleichzeitig war sie voller Herzlichkeit und Leben, eine leidenschaftliche Kämpferin und sie strahlte eine große Mütterlichkeit und eine warme Freundschaft aus. In der Begegnung mit ihr konnte man mühelos erkennen, welche Vergangenheit sie geprägt hat, aber auch für welche Zukunft sie arbeitete und lebte.

 

Doris Schäfer | JVA Würzburg

 

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