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Monotheistische Religion: Jesidentum

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Woran glauben Jesiden? Was zeichnet das Jesidentum vor dem Hintergrund ihrer langen Verfolgungsgeschichte aus? Das Jesidentum ist eine eigenständige, monotheistische Religion, deren Wurzeln bis ca. 2000 Jahre v. Chr. zurückreichen. Nach dem Jesiden-Experten Philipp Kreyenbroek liegen diese in einer alt-iranischen Ur-Religion, die ähnlich überlieferte Schöpfungsmythen sowie ebenfalls die Engellehre und die Verehrung der Sonne beinhaltet.

Im Jesidentum gibt es keine Missionierung, aber auch eine Konversion hierzu ist nicht möglich. Jesiden glauben an die Seelenwanderung und die Wiedergeburt (kurdisch: Kiras Guhartin). Das Leben endet nicht mit dem Tod, sondern es erreicht nach einer Seelenwanderung einen neuen Zustand. In der Literatur existieren zahlreiche Namensbezeichnungen für Jesiden. In älteren Publikationen aus dem deutschen Sprachraum wurde vielfach von den “Jesiden“, “Jezidi/s“ oder auch “Yaziden“ gesprochen.

Viele haben erstmals durch Karl Mays populäre Bücher “Durch die Wüste“(1881) und “Durchs wilde Kurdistan“ (1882) aus dem sechsbändigen Orientzyklus von den Jesiden erfahren, die in diesen Schriften “Dschesidi“ genannt werden. In den letzten Dekaden waren die Begriffe “Yeziden“, “Jesiden“ und “Eziden“ in deutschsprachigen Publikationen am prominentesten vertreten. Im englischen Sprachraum wird meist der Name “Yezidis“ oder “Yazidis“ verwendet (Tagay & Ortac, 2016).

Die in Deutschland lebenden Jesiden gebrauchen inzwischen mehrheitlich den Begriff “Eziden“. Dies spiegelt sich in der Namensgebung zahlreicher Vereine, Organisationen und Gemeinden wider, die in den letzten zwei Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland gegründet wurden. Der Begriff “Eziden“ ist die etymologische Ableitung vom kurdischen Wort “Ezidi“ beziehungsweise “Ezdai“, was mit “der, der mich erschaffen hat“, also “Schöpfer“, übersetzt werden kann. Damit wird der Gottesbezug in der Namensgebung besonders deutlich (Tagay & Ortac, 2016).

Zentrale Figur neben dem Schöpfergott “Ezid“ ist der “Engel-Pfau“ (kurdisch: Tausi Melek), der von den Jesiden besonders verehrt wird. Nach jesidischer Mythologie hat Gott ihn mit sechs weiteren Engeln aus seinem Licht erschaffen, wobei Tausi Melek von Gott zum obersten der sieben Engel erkoren wurde. Entgegen der vielfachen Behauptung von einigen Muslimen im Nahen Osten symbolisiert Tausi Melek weder den Teufel noch ist er der in Ungnade gefallene Engel. Tausi Melek wird von Jesiden als Stellvertreter Gottes auf Erden verehrt, der Gottes Plan und Werk ausführt.

Das Jesidentum kennt die Vorstellung von einem Teufel als Widersacher Gottes nicht. Vielmehr ist Gott einzig, allmächtig und allwissend und gilt als der Schöpfer des Universums und allen Lebens. Jesiden lehnen daher den Dualismus von Gott und Teufel ab; damit einher geht auch die Verneinung einer Höllen-Paradies-Vorstellung. Die Aussprache des Namens des Teufels ist gleichbedeutend mit der Akzeptanz der Existenz dieser Kraft und stellt aus jesidischer Sicht einen blasphemischen Akt dar, der die göttliche Autorität infrage stellt. Daher wird der Begriff von Jesiden nicht ausgesprochen. Der wichtigste Feiertag der Jesiden ist der Îda Êzî (Fest zu Ehren Gottes ), der im Dezember zelebriert wird.

Jesidentum kennt keine verbindliche religiöse Schrift wie etwa die Bibel oder den Koran. Die Vermittlung religiöser Traditionen und Glaubensvorstellungen beruht seit Jahrhunderten ausschließlich auf mündlicher Überlieferung. Es gibt verschiedene Kategorien heiliger Texte (Gebete), die überwiegend in Kurdisch-Kurmancî verfasst sind. Aufgrund der ausschließlich oralen religiösen Praxis hatten die Jesiden in ihrem vorwiegend muslimisch dominierten Umfeld nicht den Status von “Leuten der Schrift“, also Anhängern einer Offenbarungsreligion, wie etwa die Juden oder Christen. Sie galten damit vielmehr als “Ungläubige“, “Götzen-“ oder “Teufelsanbeter“. Diese falschen Darstellungen und Vorurteile waren immer wieder die Grundlage für die lange Verfolgungs- und Leidensgeschichte der Jesiden, die bis in die Gegenwart hineinreicht. Mehr lesen (bpb)…

Das Yezidische Forum e.V.

Das Yezidische Forum e.V. wurde am 31. Oktober 1993 als Initiative von mehreren Oldenburger Familien gegründet. Das Ziel der Gründer war ursprünglich die Aufrechterhaltung und Weitervermittlung der religiösen und kulturellen Inhalte und der Werte und Bräuche der yezidischen Gesellschaftsform. Seit der Gründung hat sich die Arbeit des Vereins ständig auf verschiedene Bereiche ausgeweitet.