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Feierlicher Moment: Fred entzündet seine Taufkerze. Foto: Garnet Manecke.

Der Weg in die kleine Gefängniskirche führt über lange Gänge, an deren Ende immer eine Tür erst aufgeschlossen werden muss. Wenn man durchgeht, muss man kurz stehenbleiben, weil hinter einem die Tür wieder verschlossen wird. Es ist ein ungewohntes Gefühl in so einem Gefängnis, und es steht in einem großen Widerspruch zu dem Gefühl, das man hat, wenn man eine Kirche zu einem festlichen Anlass betritt. Von der stimmungsvollen Atmosphäre ist hier noch nichts zu spüren. Eine der Ehrenamtlichen, die bei der Firmung die Aufgabe der Patin übernehmen wird, atmet tief durch und geht dabei auf und ab. Enge, geschlossene Räume machen ihr Angst.

Jedes Jahr werden in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg Inhaftierte getauft und gefirmt. In diesem Jahr haben sich sechs junge Männer dazu entschlossen, den Schritt zu gehen. Sechs Monate haben sie sich mit dem Gefängnisseelsorger darauf vorbereitet. In Gesprächen haben sie über das Christentum, ihren Glauben, ihre Zweifel und die Bibel gesprochen.

Fred wird getauft

Das Foyer vor der Gefängniskirche wirkt wie ein normales Pfarrzentrum in der Architektur der 1970er Jahre. Leon, Rick, Anton, Paul, Fred und Ben * warten schon. Fred wird heute auch getauft und zum ersten Mal die heilige Kommunion empfangen. Draußen ist das ein Familienfest, bei dem man sich schon vor der Kirche trifft. Bis hier die Gäste hereinkommen, dauert es: Angehörige und Freunde werden kontrolliert, um zu verhindern, dass Drogen, Mobiltelefone oder Waffen in das Gefängnis geschmuggelt werden. Im Kirchenraum baut Andreas Immekeppel, Leiter des Kirchenchors Cantiamo, sein Keyboard auf. Die Frauen und Männer des Chores begleiten die Tauffeier jedes Jahr musikalisch. Wenn die Sänger die Lieder anstimmen, haben auch die Gottesdienstbesucher keine Hemmungen, mitzusingen. Das wird sich später während der Messe zeigen. Kleine Hefte mit den Liedtexten und Hinweisen zum Ablauf liegen dafür auf jedem Platz.

Mit der Taufe wird Fred in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen.

Die Tür geht auf, und Bens Mutter betritt das Foyer. Der junge Mann umarmt sie zur Begrüßung, er ist sichtlich froh, seine Familie zu sehen. Leon kann seine Freundin begrüßen, er wird sie später in seine Fürbitte einschließen. Nicht alle haben das Glück, jetzt von Verwandten oder Freunden besucht zu werden. Die Patenschaften werden von zwei Ehrenamtlichen, die die jungen Männer regelmäßig im Gefängnis besuchen, übernommen. Auch Max, der vor zwei Jahren selbst hier gefirmt wurde, wird Pate sein. Die Messe beginnt, alle haben ihre Plätze eingenommen. Die erste Reihe ist für die Firmlinge, dahinter nehmen die Gäste Platz. Begleitet von den Messdienern von St. Lambertus Dremmen betreten Weihbischof Karl Borsch und der Gefängnisseelsorger Rüdiger Hagens den Kirchenraum. Die Stimmen von Cantiamo erfüllen den Raum. Dass man sich hinter hohen Mauern im Gefängnis befindet, ist in diesem Moment vergessen.

Im Glauben gibt es nur Gewinner

Zum ersten Mal liegt der Termin der Firmung in der Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft. Deshalb liegt vor dem Altar ein Ball auf Samttüchern. „Ist der Ball nicht aufgepumpt, kann man damit nicht spielen. Und wenn wir im Christsein nicht begeistert sind, dann kann man nicht glauben“, macht Borsch die Symbolik des Balls an diesem Ort klar. Aber es gebe einen wichtigen Unterschied zwischen dem Spiel, das weltweit begeistert, und dem Glauben, der weltweit praktiziert wird: „Beim Fußball gibt es immer Gewinner und Verlierer“, sagt Borsch. „Im Glauben gibt es nur Gewinner. Im Glauben bekommen wir das ganze Leben. Nicht immer ein einfaches Leben, aber ein Leben in seiner ganzen Fülle.“ Im Gefängnis ist das Leben nicht einfach. Man muss damit zurechtkommen, dass man sich nur auf einem begrenzten Raum bewegen kann. Immer bewacht. Die Wände der Gebäude im Innenhof sind glatt, der freie Blick in den Himmel wird von einer Rolle Stacheldraht auf der Mauer durchtrennt. „Wenn Alarm losgeht, schließen sich automatisch alle Türen“, erzählt eine der Ehrenamtlichen. „Dann muss man da bleiben, wo man gerade ist. Niemand kommt rein, niemand kommt raus.“

Stark ist der, der den Kreislauf durchbricht

An der Gestaltung des Gottesdienstes haben die Firmlinge mitgewirkt. Paul begrüßt die Besucher. Dafür hat er sich extra Notizen gemacht, seine Stimme vibriert leicht vor Aufregung. Auch die anderen werden später sprechen, ihre Stimmen sind leiser, als man vermuten würde. In ihren Fürbitten, die sie selbst verfasst haben, spielt das Wohl ihrer Familien eine wichtige Rolle, auch wenn viele nicht anwesend sind. Auch der Wunsch, sein Leben in den Griff zu bekommen, wird in den Worten der Häftlinge deutlich. Eine Glasschale ist das Taufbecken für Fred. Während seine Patin ihm die Hand auf die Schulter legt, beugt er sich über das Becken.

Es ist ein feierlicher Moment, als Weihbischof Borsch das geweihte Wasser über Freds Kopf laufen lässt. Nachdem Fred seine Taufkerze entzündet hat, folgt die Firmung. Hinter jedem Firmling steht ein Pate und legt ihm die Hand auf eine Schulter, Borsch geht von einem zum anderen und zeichnet ihm mit gesalbtem Chrisamöl ein Kreuz auf die Stirn. In der Gefängniskirche entsteht die gleiche Atmosphäre wie in jeder anderen Kirche auch, diese Mischung aus Feierlichkeit und ernsthafter Einkehr. „Stark ist der, der den Kreislauf von Schlag und Gegenschlag durchbricht und dem Frieden und der Versöhnung eine Chance gibt“, sagt Borsch zu den Firmlingen. „Die Taufe ist die Verbindung zwischen Jesus und mir. Der Heilige Geist ist die WhatsApp-Gruppe von Gott. Bringt den Frieden dahin, wo ihr seid. Frieden fällt nicht vom Himmel, Frieden will getan werden.“

* Alle Namen der Inhaftierten wurden von der Redaktion geändert

Garnet Manecke | KirchenZeitung Aachen

 

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