parallax background

Hungertuch zeigt Knochenbruch inmitten von Corona

Das Justizvollzugskrankenhaus tanzt “Jerusalema”
13. Januar 2021
Bei Frost und Schnee, in Notlagen und sonst: Ich bin da
15. Januar 2021

Ein neuartiges Virus, SARS-CoV-2, hat überall auf der Welt Opfer gefordert und der Menschheit Grenzen aufgezeigt. Die Pandemie hat uns mit unserer Verwundbarkeit konfrontiert und Gewissheiten erschüttert. Wir mussten feststellen: Es ist längst nicht alles plan- und machbar. Die Corona-Krise hat aber auch sichtbar gemacht, was möglich ist, wenn Menschen in einer Situation der Bedrohung Verantwortung füreinander übernehmen: Aufmerksamkeit und Unterstützung für die Schwächsten im eigenen Lebensumfeld, Solidarität der Jungen mit den Älteren, konkrete Hilfe und gelebte Kreativität, Bereitschaft zu Einschränkung und Verzicht im Interesse des Gemeinwohls. Doch nicht immer wurde besonnen und fürsorglich gehandelt.

Nach dem Lockdown kam es mancherorts zu einer brisanten Mischung aus Lagerkoller, Verschwörungstheorien und Widerstand gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten. Die extremen Lager – rechts wie links –, Populisten und Esoteriker nutzten die Situation für ihre Zwecke aus. Und dennoch ist deutlich geworden: Wir können anders. Ein anderer Lebensstil ist möglich – weniger egoistisch, weniger konsumfixiert, weniger gehetzt. Über den Megastädten Asiens schien plötzlich wieder die Sonne, Flugzeuge malten keine Kondensstreifen mehr an den Himmel, das Wasser in den Kanälen von Venedig war wieder klar. Natürlich nur auf Zeit. Ein paar Monate stellen wir Grundfragen stellen: Was zählt wirklich für ein erfülltes Leben – nicht nur für mich selbst, sondern für alle, für die (Welt-)Gemeinschaft? Können wir es verantworten, unseren materiellen Wohlstand auf der offensichtlichen Ausbeutung von Mensch und Natur aufzubauen?

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“

Dieser Psalmvers (Ps 31,9)1 steht als Titel über dem Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez. Er beschreibt in wunderbarer Weise, was im Glauben alles möglich ist. Die Metapher des Fußes lässt uns an Aufbruch, Bewegung und Wandel denken, das Bild des weiten Raumes lässt uns aufatmen, ermutigt zu Visionen. Und der Vers sagt noch mehr: Gott öffnet uns nicht nur einen weiten Horizont, er gibt uns auch festen Stand. Wenn menschlich gesehen alles hoffnungslos erscheint, zeigt Gott uns Auswege. Diese Perspektiven sind nicht zu erschließen ohne die gegenläufigen Erfahrungen von Bedrängnis und Not, die der Psalm ebenfalls zur Sprache bringt: Seine beiden Teile (Verse 2–9 und Verse 10–25) thematisieren jeweils die Bedrohung, der der Mensch ausgesetzt ist, jedoch auch das Vertrauen auf den rettenden Gott und den Dank für die erwiesene Hilfe. Für Christen hat der Halbvers 6a eine besondere Bedeutung: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“ – in der Passionsgeschichte nach Lukas wird er auf den sterbenden Jesus bezogen (Lk 23,46). Der Psalm ist vor rund 2500 Jahren entstanden, wohl in der Zeit des babylonischen Exils; in ihm werden Erfahrungen von Krankheit, Einsamkeit, Unterdrückung und Verzweiflung verarbeitet.

Ein Knochen-Bruch

Immer haben die Menschen Zuflucht bei Gott gesucht und gefunden. Aus der Enge der Angst blickten sie hinaus ins Weite und schöpften Kraft für einen Neubeginn – so wie die Betroffenen der Corona-Krise den Aufbruch wagen und ihr Leben wieder neu aufbauen. Als Grundlage ihres Bildes hat die chilenische
Künstlerin Lilian Moreno Sánchez das Röntgenbild eines vielfach gebrochenen Fußes verwendet. Der Fuß gehört zu einem Menschen, der bei Demonstrationen im Oktober 2019 in Santiago de Chile schwer verwundet wurde. Die Proteste, die jetzt noch weitergehen, sind gegen die soziale Ungerechtigkeit im Land  gerichtet. Die Demonstrierenden benannten die Plaza Italia, auf der sie sich versammelten, 2019 in „Platz der Würde“ um. Über tausend Menschen wurden bei den damaligen Unruhen verletzt, rund 7000 wurden verhaftet.

Die Künstlerin hat ihr Bild als Triptychon angelegt. Als Untergrund verwendete sie Bettlaken aus einem europäischen Krankenhaus und einem ehemaligen bayerischen Frauenkloster, um die körperlichen und die seelisch-spirituellen Aspekte von Krankheit und Heilung anzusprechen. Auf dem Platz der Würde in Santiago de Chile hat sie Erde und Staub eingesammelt und in den Stoff gerieben, der nicht glatt und makellos, sondern mit eingebügelten Falten und Verwerfungen auf die Keilrahmen gespannt wurde. Man erkennt feine eingenähte Goldfäden; sie sind wie Wundnähte, die nach dem Abheilen einer Verletzung sichtbar bleiben. Die zum Schluss aufgebrachten goldenen Blumen greifen das Muster der Kloster-Bettwäsche, eingewebte Blüten, auf. Während das Röntgenbild deutlich die Brüche der Knochen und Gelenke zeigt, die Verletztheit, den Schmerz, symbolisieren die Blumen Schönheit, Zartheit und Kraft – das unbesiegbare und neu erblühende Leben.

Leben ist ein Prozess

Die schwarzen Linien des Röntgenbildes, die verwendeten Materialien Zeichenkohle, Staub und Erde sowie die karge Bildsprache verweisen auf die Passion Christi und die Passionen der Menschen; dagegen stehen Gold und Blumen für das kostbare Leben, für Hoffnung und Liebe. Wir sind gerufen, nicht im Leid zu verharren, sondern „Wege ins Weite“ zu suchen. Die Linien des Röntgenbildes vermitteln auch einen Eindruck von Leichtigkeit, sie scheinen zu tanzen: Leben ist ein Prozess, der immer weitergeht – auch mit verwundeten und gehemmten Füßen vertrauen wir auf die Kraft des Wandels. Das Bild entstand in der Zeit der beginnenden Corona-Pandemie im Augsburger Atelier der Künstlerin. Auch ihr Heimatland Chile wurde schwer von der Corona-Krise getroffen. Existenzängste und die drohende Überforderung des Gesundheitssystems verschärften die bestehenden politischen und sozialen Probleme. Lilian Moreno Sánchez ist in der Zeit der Diktatur groß geworden, die in Chile nicht wirklich aufgearbeitet wurde. Doch sie glaubt an Veränderung, die möglich wird, wenn man sich den Leiden und Gewalterfahrungen der Vergangenheit und Gegenwart stellt.

Petra Gaidetzka und Claudia Kolletzki | Misereor

 

Feedback 💬

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.