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Hinter Gittern: Wo Einsamkeit eine andere Rolle spielt

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Wenn die Tür zu ist, ist sie zu: In Gefängnissen wird die Einsamkeit noch einmal zugespitzt, gerade an Weihnachten. Michael King kennt die Sorgen der Inhaftierten als Gefängnisseelsorger im Jugendvollzug – und auch die dunklen Geschichten. Hoffnung findet er trotzdem immer wieder. Einsamkeit an Weihnachten: Da denken viele zunächst an ältere Menschen; Personen, die arbeiten müssen wie Pflegekräfte; vielleicht auch an Singles. Gewagte These: An Menschen im Gefängnis denkt niemand. Selbst schuld, wird manch einer denken. Einer, der diese Menschen im Blick hat, ist Michael King. Seit 2013 arbeitet der Theologe im der Jugendvollzug Herford als Gefängnisseelsorger.

Michael King im Gespräch mit einem Gefangenen. Foto: Andreas Wiedehaus

Was hat ihn an dieser Arbeit gereizt? „Ich habe im Gefängnis schnell gemerkt, das sind existentielle Themen. Da kann man sich nicht verstecken oder irgendwelche Glaubensformeln aufsagen, sondern muss bodenständig bleiben“, so King über seine Motivation. Sein Tag beginnt morgens damit, die Anträge für Gespräche zu prüfen. Wer von den rund 250 Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren mit dem Gefängnisseelsorger sprechen möchte, kann nicht einfach einen Termin machen. Er schreibt einen Antrag und wird von King in die Kirche geholt. Viele befinden sich tagsüber in Ausbildungsbetrieben oder in der Schule, sodass der Seelsorger schauen muss, wer wann verfügbar ist. „Wir sitzen hier, trinken Kaffee und dann sehe ich, was mir so entgegenkommt.“ In der alten Kirche – die JVA Herford ist 140 Jahre alt – befinden sich die Büros von King und seinem evangelischen Kollegen. Die einzigen Fenster in der JVA, die nicht vergittert sind.

Die eigenen Sichtweise wird nicht zurückgehalten

Die existenziellen Themen, die King an seiner Arbeit so reizen, hat er jeden Tag im Fokus – und sie sind unterschiedlich, wie er erzählt: Familie sei ein großes Thema, die Freundin, Liebeskummer, Kumpels, Vieles aus der Vergangenheit. „Oder auch das, was hier passiert: Schwierigkeiten mit den Bediensteten, dann gibt es Auseinandersetzungen.“ Zudem plagt die Jugendlichen die Frage, was passiert, wenn sie auf dem Gefängnis rauskommen, wie meistern sie dann ihren Alltag und wie soll dieser aussehen? Die Jugendlichen sprechen auch über Sucht oder ihre Straftaten – letzteres aber selten, erzählt King. Dabei geben die Seelsorger eine Rückmeldung, sie hören aktiv zu. „Wir fragen nach, kritisieren und konfrontieren. Ich habe meine Sichtweise und halte diese nicht zurück. Aber wir sind dabei empathisch: Wir verurteilen niemanden mehr.“ King betont, dass er und sein Kollege mit jedem sprechen, auch mit Sexual- oder Gewaltstraftätern.

Ein weiteres großes Thema ist die Einsamkeit. „Wenn abends die Tür zugeht, ist man allein. Man kann nicht raus. Dann hat man nur noch das Guckloch, den Fernseher und das Fenster zum Reden.“ Und dann kämen viele Gedanken: Wo bin ich hier gelandet? Die Corona-Pandemie habe diese Belastung verstärkt, es gebe eine „doppelte Quarantäne“, denn wer neu reinkommt, muss 14 Tage lang allein in eine eigene Abteilung. „Das ist schon heftig. Da muss man aufpassen, dass keine Suizidgedanken aufkommen, was es hier auch gibt.“ Weihnachten rage in dem Zusammenhang noch einmal besonders heraus. „Da haben viele schöne Erinnerungen – oder auch nicht.“ Denn natürlich gebe es auch zerstrittene Familien, in denen das Fest nicht immer so harmonisch war.

„Manches nehme ich schon mit“

Bei solch schweren Themen gelingt es dem Seelsorger nicht immer, die Ereignisse des Tages nach Feierabend abzustreifen: „Manches nehme ich schon mit.“ Was ihm helfe, sei die Supervision, bei der er alle Fälle besprechen kann. Bevor der Seelsorger nach Herford kam, arbeitete er in Sachsen-Anhalt im Gefängnis. Zuvor war er mehrere Jahre in Südamerika und wollte, zurück in seiner Gemeinde angekommen, einen „anderen“ Dienst machen. „Ich war Neuling im Gefängnis. Ich kannte die Abläufe nicht: Wie gehe ich mit dem Schlüssel um? Wie viele Gefangene begegnen mir?“ Auch da halfen ihm Supervisionen – ebenso die Kollegialität unter den Gefängnisseelsorgern sowie den Kollegen vor Ort. Seine Arbeit ist für den gebürtigen Baden-Württemberger mehr als nur ein Beruf: Daneben betreut er die Internetseite der Gefängnisseelsorge, arbeitet bei der Fachzeitschrift „AndersOrt“ mit und ist Vorsitzender der AG Jugendvollzug.

In der JVA Herdorf kümmert er sich auch um Angehörigengespräche, vermittelt Besuche – wenn sie Corona-bedingt stattfinden können – und hält Kontakt zur Anstaltsleitung. Auch gibt es mit muslimischen Seelsorgern einen interkulturellen Dialog sowie Zugangscafés für neue Inhaftierte, die so erst einmal ihre neue Umgebung kennenlernen können. Neben Arbeit und Schule gibt es für die Jugendlichen verschiedene Angebote wie eine Musikband oder Seminare für junge Väter. Daher sei auch der Kontakt mit den Mitarbeitern wichtig. In der Absprache mit den Fachdiensten und Sozialarbeiter werde die Schweigepflicht jedoch nie gebrochen – auch wenn die Inhaftierten von Drogenkonsum oder Wut auf Mitarbeiter erzählen.

Bei seiner Arbeit können auch dunkle Geschichten hervortreten, erklärt King. „Ich muss schon schauen, dass ich nicht alles mit nach Hause nehme, sondern sagen kann: Jetzt ist Feierabend. Die Mauer schützt mich, aber auch die Gefangenen. Nähe und Distanz ist sehr wichtig als Gefängnisseelsorger.“ Und doch sei King sich bewusst, dass die Gefangenen Schuld auf sich geladen haben. „Manche sagen auch, sie seien unschuldig und versuchen uns zu testen. Aber da habe ich gute Erfahrungen gemacht in den letzten Jahren, da kann ich gut mit umgehen.“

Kein Kirchenbezug „große Chance“

Vorbehalte ihm gegenüber, weil er katholisch ist, erlebt King weniger. „Keiner hier hat Kirchenbezug, aber das ist eine große Chance. Also werden sie überhaupt keine Vorbehalte haben, weil sie es nicht erfahren haben.“ Kirchenskandale wie der sexuelle Missbrauch seien im Gefängnis kein Thema. Die Inhaftierten könnten auch nicht unterscheiden zwischen Evangelisch und Katholisch. „Sie können sich entscheiden, mit wem sie reden, aber da heißt es für sie: King oder Thünemann? – so heißen die beiden hier – oder sie gehen zur muslimischen Seelsorge.“ Der Glaube spiele trotzdem eine Rolle, da biographisch gearbeitet werde, so King. „Lebensthemen kommen immer wieder vor.

Und das ist immer göttlich oder hat mit der Frage nach Sinn oder Unsinn zu tun und ob es noch etwas Anderes gibt.“ Jemandem etwas aufzwingen möchte er aber nicht: „Ich renne nicht mit der Bibel durch die Anstalt und drücke jedem ein Glaubensgespräch auf.“ Das Ziel sei nicht zu missionieren, sondern für die Jugendlichen da zu sein und ihnen als Vertrauensperson einen Hinweis zu geben. Veränderung findet bei den Gefangenen während ihrer Zeit in der JVA statt, glaubt King: „Es ist ihre Aufgabe, das zu erkennen. Sie können mir oft sagen, dass sie keine Drogen mehr nehmen, doch die Erkenntnis muss von den Jugendlichen selbst kommen – und das passiert auch mal.“

Die Sehnsucht nach einer heilen Welt ist auch im Gefängnis da, so King. In der Anstalt wird eine eigene neue Knast-Krippe aufgebaut – nicht irgendeine, sondern eine sozialkritische. Josef als Großvater – Großeltern spielen bei den Inhaftierten eine große Rolle –, Jesus als Gefangener, die Mutter eines Gefangenen als Maria, die auf einem Bett sitzt, ein Gefangener mit Sonnenbrille als Engel, alles in einem Haftraum: Die Krippe soll die Lebensrealität der Jugendlichen zeigen, die an der Gestaltung mitgewirkt haben. Dass Jesus in „erbärmlichen Zuständen“ geboren wurde, helfe den Jugendlichen. „Da können sie sich mit identifizieren: Wenn Gott da zur Welt kommt, dann ist er auch ‚ganz unten‘ im Knast.“ Ein weiteres Novum: An Heiligabend bekommen die Häftlinge eine Kerze für ihren Haftraum – ausnahmsweise. Auch Tannenbäume werden aufgestellt – obwohl sich einige der Jugendlichen beschweren, das erinnere sie zu sehr an die Familie oder eine heile Welt. Einen Gottesdienst gibt es an Heiligabend bereits nachmittags, da um 16 Uhr Einschluss ist. Heiligabend sei in dieser Hinsicht kein besonderer Tag, sondern so wie jeder Sonntag oder Feiertag auch. Man wolle das Fest nicht zu hoch hängen, erklärt King.

Jedes Gespräch ist hoffnungsvoll

Die Hoffnung: ein wohl leitendes Motiv im Gefängnis, insbesondere im Jugendvollzug. Wo nehmen die Gefangenen diese her? „Jede Begegnung, jedes Gespräch ist hoffnungsvoll“, erklärt King. Jeder werde angenommen, wie er ist. Nicht die Defizite, sondern die weiteren Ressourcen stehen im Zentrum. Und wo schöpft der Gefängnisseelsorger Hoffnung? „Dass es immer wieder auch helle Momente gibt und freudige Sachen.“ King beschreibt etwa das Telefonat mit einem ehemaligen Gefangenen, der von seiner Ausbildung erzählte und dass er sein Leben nun im Griff habe. „Natürlich gibt es auch immer wieder Rückschläge, aber gerade im Jugendvollzug sind Menschen, die ja noch formbar und nicht so eingefahren sind.“ Und das schenke dem Gefängnisseelsorger in seiner Arbeit Hoffnung.

Melanie Ploch | Mit freundlicher Genehmigung:  #jetzthoffnungschenken

 

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