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Herzlich Willkommen Knast-Etappe: Rein-Drin-Raus

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Etappen – Das Wort kommt vom franz. Étape, was Abschnitt, Phase bedeutet. Das klingt nach Unterwegssein, nach Lebensabschnitten und Rückschlägen. Es gibt Etappenziele und sogar Etappenhasen. Wir kennen die erste, die letzte, die Zwischenetappe…. Menschen in Haft, Gefangene sind meist nicht freiwillig aufgebrochen. Meist hat diese besondere Etappe ihres Lebensweges (die für manche durchaus eine letzte sein kann) ziemlich unfreiwillig begonnen. Eher unvorbereitet sind sie irgendwo aufgegriffen worden, weggezerrt und festgesetzt. Soll ich als Gefängnisseelsorger einem erneut in Haft genommenen Menschen ein „Herzliches Willkommen“ zuwerfen, der zum dritten Mal einsitzt?

Manchmal verlief das Willkommen durchaus dramatisch – gegen erheblichen Widerstand und unter massivem Zwang. Jetzt sind sie untergebracht hinter Schloss und Riegel, weggesperrt hinter Mauern und Gittern, mit Akte und Buchnummer eingestellt auf die lange Bahn der Knast–Abläufe und der Justizmühlen. Für die meisten ist ihre Gefangenschaft eine erhebliche Demütigung: Chaos, Schock, Wut und Aggression gegen sich selbst und gegen andere, Ohnmacht und Scham, Hilflosigkeit oder Depressionen. Das Hin und Her zwischen Auflehnung und zwangsläufige Anpassung an das Unvermeidliche. „Dumm gelaufen!“ Der beliebte Spruch ist eine in vieler Hinsicht verharmlosende und unangemessene Verlegenheits–Ansage. „Es ist halt passiert!“

Willkommen in der Knastkirche. Ein Ort hinter Mauern, an dem es einwenig Freiheit gibt.

Jede und jeder ein Orginal

Freiheitsentzug. Oder treffender Freiheitsberaubung? Der Knast diktiert dir dein Leben, von morgens bis abends, von A bis Z, bis auf die Unterhose. Und der Knast separiert dich von deinen Lieben, von deinem Job, von allem, was bisher wichtig war für dich und dein Leben. Und er sperrt dich ein mit Menschen, die dir vollkommen fremd sind, anders und oft unberechenbar, manchmal bedrohlich. Und all das spielt in einer eigenen Welt, in einem System mit ganz eigenen Regeln, mit einer eigenen Sprache und Kultur, die oft eher als Gegen-, vielleicht sogar Un-Kultur wirkt. Manche richten sich ein: gewieft und verschlagen… Besser hier im Milieu und mit einer Menge innerer und äußerer Sicherheiten als draußen, wo alles ungewiss ist und ein täglicher Kampf. Manche leiden ein Knastleben lang an den Zumutungen, am inneren und äußeren Druck, an den Verrohungen, an den Demütigungen, an der Kälte, an der offenen oder verdeckten Gewalt.

Manche bleiben ein Knastleben lang auf der Flucht: vor sich selbst, vor ihrer Geschichte, vor ihrer Verantwortung, vor anderen Menschen, denen sie nicht (oder nicht mehr) trauen und denen sie erst recht nichts zu-trauen. Manche können sich öffnen, finden den Mut, sich anzuschauen, ringen mit sich und mit der Wahrheit ihres, oft so verpfuschten, beschädigten Lebens. Manche lernen: Gutes und weniger Gutes, Nützliches und ziemlich viel Unsinn. Manchmal sind Entwicklungen möglich, Wachstumsprozesse – innen oder außen, lebenspraktische Schritte oder auch Aufbrüche zu einem reiferen Menschsein. Es gibt viele Haft–Wege. Und diese Wege sind wie die Inhaftierten: Männer und Frauen, junge und alte, schlaue und dumme, sympathische und unsympathische Typen. Jede und jeder – mehr als die Buchnummer, mehr als die Akte; keiner wie der andere; jede und jeder ein Original.

Zwischen Anpassung und Widerstand

Und jede und jeder mit seiner eigenen Art, mit der jeweils eigenen Kraft oder Schwäche, den Haft-Weg zu gehen und zu bestehen. Haft–Wege verlaufen fast immer zwischen Anpassung und Widerstand. Unterwegs begegnen einem Aufbrüche und Stagnation, Hoffnung und Zweifel, Niederlagen und Siege, Not und Elend, Erfolg und Versagen, Würde und Erbärmlichkeit. Auf diesen Wegen sehen wir Vieles: Haft – Schäden und Regressionen. Typisches Haft-Verhalten. Typischen Umgang. Typische Milieus. Kultur und Sub-Kultur. Wir sehen Drogen und Gewalt. Wir sehen Falschheit und Illusionen, Lüge und Versagen – nicht nur bei Gefangenen, auch und nicht selten in der Institution, bei denen, die das Sagen haben, die es wissen müssten und die Verantwortung tragen.

Wir sehen, wie ein überwiegend an Sicherheitsinteressen orientierter Verwahrvollzug den Gefangenen einen Großteil alltäglicher Verantwortung abnimmt und so ihre Lebensuntüchtigkeit fördert. Nicht selten werden am Ende Menschen „in die Freiheit entlassen, die in nichts gebessert (sind), sondern lebensuntüchtiger und aggressiver als vorher.“ Etappen des Justizvollzuges in Anspruch und Wirklichkeit!? Wo sind wir auf all diesen Wegen? Wo stehen, wo und wie laufen wir auf diesen Etappen? Wir: die SeelsorgerInnen, die Kirchenleute. Wie und wozu sind wir da? Wie geht es uns? Und was macht das mit uns? Die Gesichter. Die Geschichten. Die Begegnungen. Die Erfahrungen und Einsichten, die sich einstellen hinter Mauern und Gittern und später, wenn wir nach Hause fahren. Wie geht unser Weg zwischen all den Etappen und Stationen des Vollzugsweges?

An Abgründen dran bleiben

„Weg“ ist ein religiöses und ein zentrales christliches Schlüsselwort. „Der Weg der Kirche ist der Mensch.“ So hat es Johannes Paul II. einmal gesagt. Menschenwege können großartig sein, spannend und voller Leben. Aber Menschenwege können sich auch verlaufen. Sie können in die Irre gehen. Und sie können scheitern. Bibel und Tradition lehren uns: Glauben, gottes- und menschenverbunden leben, das geht immer in Weg – Beziehungen, in Weg – Erfahrungen, in Weg–Existenz. Christen sind Menschen des Weges: Anhänger und Nachfolger dessen, von dem der Johannes Evangelist sagt, er sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh. 14,6) SeelsorgerInnen sind Menschen, die andere auf ihrem Weg begleiten. Frauen und Männer, die Zeit haben, ein offenes Ohr und ein wohlwollend gestimmtes Herz. Zuhören und zu verstehen suchen; trösten und ermutigen; da sein und Anteil nehmen; standhalten und herausfordern; ermahnen und widerstehen; dabei bleiben und aushalten – an den Abgründen, auch wenn scheinbar nichts mehr geht… Das sind unsere Professionen.

Kunst der Hebamme

GefängnisseelsorgerInnen sind Leute mit reichlich Weg–Erfahrungen, schönen und schweren, mit einem schönschweren Beruf; gerufen und beauftragt, die Botschaft vom Leben zu verkünden, das Lied der Freiheit zu singen, von der unverbrüchlichen Würde und vom aufrechten Gang. Und das ohne Hochmut, bitte sehr! Und ohne Selbstüberschätzung, weder die klerikale noch die professionelle! Wahrscheinlich ist das, was wir tun und wozu wir da sind am ehesten mit der Kunst der Hebammen zu vergleichen. Wahrscheinlich sind wir Weg–Weiser in dem Maße wie wir Maieutiker sind: Gesprächspartner und Wegbegleiter, Menschen, die anderen helfen, den Weg zu sich selbst, zu und mit anderen und in all dem zu und mit Gott zu suchen und – wenn es gut geht – zu finden. Es klingt vielleicht etwas hochfahrend und emphatisch. Und es reibt sich, m.E. durchaus produktiv, mit eher nüchtern daher kommenden Etappen des Justizvollzuges, wenn ich im Sinne eines vom Evangelium inspirierten Kommentars Tiemo R. Peters, einen Wegbegleiter meiner Studienzeit, zitiere. In seinem Büchlein „Gott ist ein Zeitwort“ schreibt er: „Dieser Weg ist wirklich… das Ziel, als das ihn eine inflationäre Redensart so gern und gedankenlos bezeichnet. Auch er will bereitet werden, immer neu, sonst ist er nicht Weg, sondern Sackgasse: Ihm (Christus) nachfolgend, bahnt man ihm den Weg, der er ist, und es doch nur zusammen mit uns sein kann, seinen ChristInnen, die nicht zufällig AnhängerInnen des neuen Weges (Apg 9,2) genannt wurden.“

Dietmar Jordan

 

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