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Medien nennen oft Herkunft von Tatverdächtigen

Für ein straffreies Leben „draußen“ vorbereiten
13. Januar 2020

In der Berichterstattung über Gewaltkriminalität nennen deutsche Medien signifikant häufiger die Herkunft der Tatverdächtigen als in den Jahren 2014 und 2017. Zu diesem Ergebnis kommt der Journalismus-Forscher Prof. Dr. Thomas Hestermann in einer Expertise für den Mediendienst Integration. Verglichen mit den Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik erfolgt die Nennung des Herkunftslandes allerdings überproportional häufig, wenn es sich bei dem Tatverdächtigen um einen Ausländer handelt.

Während die Polizei 2018 mehr als doppelt so viele deutsche wie ausländische Tatverdächtige erfasste, stehen in den Fernsehberichten mehr als acht und in Zeitungsberichten mehr als vierzehn ausländische Tatverdächtige einem deutschen Tatverdächtigen gegenüber. So zeichnen die Medien ein verzerrtes Bild der Gewaltkriminalität durch ausländische Täter. Seit der Kölner Silvesternacht 2015/16 sind Medien in Deutschland verstärkt dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden Straftaten von Eingewanderten und Geflüchteten verschweigen oder verharmlosen.

Einige Redaktionen sind deshalb dazu übergegangen, die Herkunft von Tatverdächtigen öfter zu nennen, der Deutsche Presserat änderte die entsprechende Richtlinie. Journalistik-Professor Dr. Thomas Hestermann hat an der Hochschule Macromedia dazu Fernseh- und Zeitungsbeiträge aus dem Jahr 2019 untersucht – und mit Daten der Fernsehforschung aus 2014 und 2017 verglichen. Die Studie wurde unterstützt von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. In einer Expertise für den Mediendienst Integration fasst Studienautor Thomas Hestermann die Ergebnisse zusammen.

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Medienanalyse zur Berichterstattung über Gewaltkriminalität

Fernseh- und Zeitungsbeiträge erwähnen Herkunft

Die Studie zeigt: 2019 verweist jeder dritte Fernsehbeitrag und fast jeder zweite Zeitungsbeitrag über Gewaltkriminalität auf die Herkunft der Tatverdächtigen. In der Fernsehberichterstattung hat sich der Anteil, verglichen zu 2017, fast verdoppelt: Damals wurde die Herkunft noch in jedem sechsten Beitrag erwähnt. Vor der Kölner Silvesternacht spielte die Herkunft von Tatverdächtigen in der TV-Berichterstattung praktisch keine Rolle. Die Herkunft wird aber vor allem dann genannt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind. „Die Berichterstattung kehrt die Erkenntnisse der Polizei komplett um“, schreibt Hestermann. Ausländische Tatverdächtige werden in Fernsehberichten 19-mal so häufig erwähnt, wie es ihrem statistischen Anteil laut Polizeilicher Kriminalstatistik (2018) entspricht. In Zeitungsberichten sind sie sogar 32-fach präsent.

Grundlage der Analyse 2019 von Thomas Hestermann waren 199 Beiträge über Gewaltkriminalität in Deutschland aus Fernsehnachrichten und TV-Boulevardmagazinen von ARD, ZDF, RTL, Sat.1, ProSieben, Kabel Eins, Vox und RTL Zwei, die sich in vier Programmwochen Januar bis April 2019 auf Gewaltdelikte im Inland beziehen sowie 256 Beiträgen über Gewaltkriminalität in Deutschland aus dem überregionalen Teil der Bundesausgaben von Bild, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt und Die Tageszeitung taz aus vier Wochen Januar bis April 2019.

Messerdelikte: Mediensicht und Polizeistatistik

Die Verzerrung der statistischen Daten werde insbesondere am Beispiel sogenannter Messerdelikte deutlich, so Hestermann. Laut einem Lagebild der saarländischen Polizei sind rund 70 Prozent solcher Delikte Deutschen anzulasten. Doch nur in drei Fernsehberichten und in keinem einzigen Zeitungsbericht aus vier Wochen werde eine Messertat einem Deutschen zugeordnet. Hestermanns Fazit: Seit der Kölner Silvesternacht 2015/16 seien Medien getrieben von dem Anspruch, genauer und umfassend hinzusehen. In der Berichterstattung über Gewaltkriminalität sei jedoch das genaue Gegenteil eingetreten: ein einseitiger Fokus auf ausländische Tatverdächtige.

Untersuchungsgrundlage und -methodik bei Mediendienst Integration

 

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