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Gefangen: Junge Häftlinge in einer Familie

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„Aber es gab Opfer.“ Richard erkannte erst im Leipziger Seehaus seine Schuld – und dass es ein neues Leben ohne Hass und Gewalt geben kann. Daran arbeitet er jetzt auch ganz praktisch.

Bahn für Bahn zieht Richard die weiße Tapete glatt. Dass sie nur keine Wellen schlägt, dass die Kanten bündig werden. Wie gern würde er auch sein Leben so glatt ziehen. „Aber die Schuld“, sagt Richard leise, „ist schon eine krasse Frage“. Richard ist 18 und nicht frei. Nicht frei von seiner Geschichte und kein freier Mann. Genau genommen ist er ein Gefangener, mit Urteil. Und doch wirkt dieser schmale, jungenhafte Mensch mit der Schirmmütze auf dem Baugerüst wie entfesselt. Obwohl Tapezieren über Kopf ein Geduldsspiel mit guten Karten für schlechte Laune oder Wut ist. Aber Richard, der in Wahrheit anders heißt, sagt: „Über diesen Punkt bin ich hinaus. Mittlerweile lache ich drüber.“

Richard darf sich nicht entfernen, ohne seinen Begleiter zu fragen. Einfach so gehen, geht nicht. Die kahlen Räume des mit Holz verkleideten Hauses am Hainer See südlich von Leipzig sollen künftig ein Zuhause sein für 14 junge Gesetzesbrecher wie Richard, die eigentlich im Jugendstrafvollzug einsitzen würden. Richard blickt auf den See vor dem Fenster. Der trägt noch die Wunden eines Tagebaus, doch er heilt. Im November fuhr Richard in das Jugendgefängnis Regis-Breitingen ein. Er hatte versucht, ein Flüchtlingsheim anzuzünden. In seiner Zelle saß auch ein Araber. Sein ganzer rechtsextremer Glaube, seine ganze Welt, sagt Richard, brach da zusammen. Denn der Araber war auch nur ein Mensch. Das war gut. Und es war schlecht, denn da war nichts Neues in diesem Vakuum. „Im Knast wäre ich nachher viel schlimmer gewesen als vorher“, sagt Richard. „Du wirst dort kein besserer Mensch. Da geht es nur darum: Wer reißt die krassesten Dinger und wer ist stärker?“

Gefangenen-WG mit Kindern: Die Hauseltern Steffi und Franz Steinert leben mit Malu, ihren zwei Geschwistern und bis zu sieben Inhaftierten zusammen.

Familie und straffe Regeln

Hinter Gittern bewarb sich Richard für einen Ausweg. Seit einigen Jahren bieten ihn die sächsische Justiz und ein Verein an. Seehaus, heißt er, oder auf Amtsdeutsch: Jugendstrafvollzug in freien Formen. Ein Experiment. Die Anstaltsmitarbeiter empfehlen geeignete Häftlinge. Bedingung: keine Sexualstraftäter, keine akute Drogenabhängigkeit, mindestens neun Monate Haft. Und der Wille, sein Leben wirklich ändern zu wollen. Richard dachte: „Da hast du dein Handy wieder, yeah.“ Es kam ein bisschen anders. An der Wohnungstür des Seehauses am Dorfende von Störmthal empfing ihn eine ganz normale Wohnungstür mit einem ganz normal überfüllten Schuhregal. Am hölzernen Klingelschild steht: „WG Steinert“, denn eine Wohngemeinschaft ist dieses christliche Projekt. Oder besser eine Familie. Die Hauseltern heißen Steffi und Franz Steinert (beide 33). Und drei kleine Kinder haben sie auch. Aber nirgendwo Gitter. Höchstens unsichtbare.

Das sind die Regeln des Hauses. Und der straffe Tagesablauf. 5.45 Uhr Frühsport zum Beispiel, dann Frühstück, Putzen, Arbeit oder Schule, Pause, Arbeit oder Schule, Lernen, Abendessen, 22 Uhr Licht aus. Das Gelände nicht verlassen. Kein Handy. Das zeitige Aufstehen und pünktlich Sein fiel Richard am schwersten. An der langen Tafel des großen Wohnküche im Seehaus kommen alle zusammen. Steinerts einjährige Tochter Malu galoppiert mit drei kleinen Zöpfen und Plastepferdchen um den Tisch, eine Spielzeugkrippe liegt auf dem Boden, der Weihnachtsbaum steht noch. „Wichtig ist den Jungs zu zeigen, dass es konstante Beziehungen gibt – auch wenn es knirscht und knackt“, sagt Steffi Steinert und tröstet die hingefallene Malu. Das kennen die meisten der bis zu sieben jungen Straftäter, die bei ihnen wohnen, nicht. Sie kennen oft nicht einmal ein Familienfrühstück.

Gefängnis oder Schulabschluss

Kuschelpädagogik? Ist das hier nicht. Jeden Tag bekommen die jungen Männer Kopfnoten. Und verstoßen sie gegen Regeln, hat das Konsequenzen. Die stehen auf roten Zetteln, an den Kühlschrank geheftet. Für schlechtes Aufwaschen gibt es eine Woche Extra-Küchendienst, für eine Schokoladenschlacht dreimal die Woche Flurfegen. Darunter aber hat Steffi Steinert die Sätze geschrieben: „Du bist doch eigentlich auf einem tollen Weg. Es steckt so ein toller Kerl in dir.“ Solche Worte kannten die meisten jungen Männer hier vorher auch nicht. Ihnen trauen die Seehaus-Leute mehr Kraft zu als Strafen. Doch die gibt es auch. Vor zwei Tagen erst musste einer der jungen Männer nach einem Monat in der Seehaus-WG wieder zurück ins Gefängnis. Er hatte sich nicht an die Regeln gehalten, immer wieder. Bleiben am Ende also doch nur Druck und Angst?

Nein, sagt Richard. „Jetzt weiß ich, dass der Mensch ohne Regeln viel leichter in alte Verhaltensmuster zurückfällt. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine eigene Motivation habe zum Lernen und Arbeiten. Und wir Jungs unterstützen uns untereinander dabei.“ Richard hat im Seehaus seinen Hauptschulabschluss gemacht, jetzt sitzt er am Realschulabschluss. Gutes Verhalten wird hier mit mehr Telefonzeit, mehr Besuchszeit oder Ausgang belohnt. 36 junge Männer haben bisher im Seehaus gelebt. Ein Drittel von ihnen musste wegen Regelverstößen zurück hinter Gitter. Die erfolgreich Entlassenen „haben im Vergleich zu anderen Jugendstrafgefangenen ein höheres Schul- und Ausbildungsniveau erreicht und sind stabiler integriert“, heißt es im sächsischen Justizministerium.

 Werkzeugkasten für die Seele

Arbeiten statt Absitzen: Morgendlicher Aufbruch zur Baustelle und in die Werkstatt auf dem Hof.

Fast alle konnten in Ausbildung oder Arbeit vermittelt werden – auch wenn sich dieses Modell nur für eine kleine Gruppe an Gefangenen eigne, schränkt das Ministerium ein. Und auch wenn sich aus diesen kleinen Zahlen keine großen Schlüsse ziehen lassen. Teurer als ein normaler Gefängnisplatz ist das Seehaus mit seinen Sozialarbeitern, Lehrern und Betreuern auch. Doch noch teurer für den Staat sind rückfällige Straftäter. Nur von zwei Ex-Seehäuslern weiß das Ministerium, dass sie wieder hinter Gittern gelandet sind. Und nur einer ist jemals aus dem Seehaus geflohen. Er wurde schnell gefasst. Richard floh nicht. Erst konnte er nicht, dann wollte er nicht. Nicht vor der Leere in ihm, und auch nicht vor seiner Schuld.

In den ersten drei Wochen im Seehaus gibt es für jeden Inhaftierten einen „Grundkurs“ in Sachen Bibel und Glauben. Richard widersprach und stritt. Dieser Jesus, das war für den Ex-Nazi, der ein Heim anzündete, etwas für Schwächlinge. „Es gab keine Toten, das Feuer konnte gelöscht werden“, sagt Richard zögernd. „Aber es gab Opfer.“ Ein Wachmann habe danach nicht mehr arbeiten können. Mit dieser Schuld kämpft er jetzt. Sie ist ihm in den Gesprächen im Seehaus erst deutlich geworden. „Manche Dinge habe ich mir selbst noch nicht verziehen. Aber ich bin fest überzeugt, dass man mir vergeben kann.“ Er will etwas gutmachen. Deutschunterricht geben in einem Flüchtlingsheim, das wäre gut. Dafür würde es auch Ausgang geben.

Anfang Mai wird Richard frei sein. Wenn alles gut geht. Er weiß, dass es auch danach nicht einfach wird mit dem neuen Leben. Was nimmt er mit aus dem Seehaus? Eine Familie, die er um Rat fragen kann, antwortet er. Und den Glauben. Dazu einen Werkzeugkasten in der Seele. „Früher hatte ich nur die Keule, wenn es Probleme gab – jetzt habe ich da mehr Werkzeuge.“ Und vielleicht nimmt er auch diesen Bibelvers mit, der groß an die Wand gemalt ist, vor der Richard im Morgengrauen bei der Seehaus-Andacht betet. Es ist ein Vers aus dem Römerbrief. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden”, steht da, „sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Andreas Roth. Fotos: Steffen Giersch | Mit freundlicher Genehmigung: Der Sonntag

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