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Glinka: „Jesus hat den ganzen Menschen gesehen“

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Alexander Glinka ist Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dortmund. Was die Menschen, die Hilfe bei ihm suchen, getan haben, möchte der studierte Theologe gar nicht wissen. Er konzentriert sich auf die Person selbst und begleitet sie ein Stück auf ihrem Weg. GefängnisseelsorgerInnen gehören zu den Schlüsselträgern. Alexander Glinka hat sie an seinem Schlüsselbund, hantiert routiniert mit ihnen herum.

Damit lassen sich alle Schlösser öffnen, auch zu den Hafträumen, wie die Zellen offiziell genannt werden. Deren Türen bestehen aus dunklem Holz, auf den Fluren riecht es nach Staub, kaltem Zigarettenrauch und irgendwie nach Baustelle. Glinka, Jahrgang 1988, gefällt das Bild. Der Glaube sei für viele lnhaftierte so etwas wie eine Baustelle, die seit Jahren brachliege. ,,Jeder Mensch glaubt an Etwas. Hier in Haft wird den Menschen vieles genommen, aber den Glauben an etwas nicht.“ Kritische Äußerungen über den Zustand der Kirche bekomme er „hier drinnen auch zu hören“. Bei Kritik sagt er, „spreche ich Missstände offen an“. Überhaupt ist Offenheit ein großes Thema. Wer im „Lübecker Hof“, wie die Dortmunder das Gefängnis gerne wegen seiner Adresse an der Lübecker Straße nennen, lebt, hat seine Vorgeschichte. Mit der könnte sich Alexander Glinka beschäftigen, er hat einen Zugang zu den – oft sehr detaillierten – Akten. Doch das möchte der Seelsorger nicht, es wäre zu belastend. Und „Jesus hat den ganzen Menschen gesehen“. Da gebe es eben mehr als nur das Verbrechen, das ein Leben prägt.

„Insgesamt ist das Gefängnis ein Querschnitt durch die Gesellschaft“, sagt Alexander Glinka, der in der Justizvollzugsanstalt Dortmund arbeitet.

Nur mit Antrag

Wer zum JVA-Seelsorger möchte, stellt einen Antrag. Der Vorteil: Das Beichtgeheimnis gilt auch hier. „Dadurch haben wir einen großen Vertrauensvorsprung“, so Glinka, der gemeinsam mit Pfarrer Josef Tyc und der evangelischen Seelsorgerin Barbara Pense ein Team bildet. Seelsorge sei in der JVA „vor allem Biografiearbeit“. Es muss etwas passiert, eine große Grenze überschritten sein. „Aber straffällig kann jeder Mensch werden. Oder besitzen sie keine schwarz gebrannte CD?“, betont Glinka, der zwei Jahre lang in der JVA Werl seine Ausbildung gemacht hat. Die Bandbreite sei eben groß. „Sie können ja auch wegen wiederholtem Schwarzfahren ins Gefängnis kommen, nicht nur für Mord.“ Anders ausgedrückt: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Vorurteilen aus dem Weg gehen

Dennoch beschäftigt Glinka das Thema Vergebung seit seinem Studium, während dessen er sich freiwillig für praktische Arbeit in einem Gefängnis gemeldet hatte. „Ein Professor sagte sinngemäß: Wenn Gott den Sündern vergibt, muss man sich an den Gedanken gewöhnen, dass auch Hitler und Stalin im Himmel sein könnten.“ Ein heftiger Satz, der mit menschlichen Maßstäben nicht nachzuvollziehen scheint. Aber er zeigt: Auch für Strafgefangene, die in der Gesellschaft zu Außenseitern wurden, hat Gott Verständnis – wenn sie aufrichtig bereuen. Alexander Glinka versucht, Vorurteilen aus dem Weg zu gehen. Er will die Hilfesuchenden ein Stück weit begleiten. Dabei seien Trauer und Angst wichtige Themen, aber eben nicht die Einzigen. „Es wird auch viel gelacht“, sagt der Seelsorger, der ferner für das Personal Ansprechpartner ist.

Ein Gefangener schreibt noch immer

Prinzipiell tritt Glinka den Menschen freundlich gegenüber – auch denen, die nicht freundlich ihm gegenüber sind, etwa heftige Schimpfworte benutzen. Diesen Umgang musste derTheologe und Erziehungswissenschaftler erst einmal lernen. ,,Eine einfache Sprache ist wichtig. „Eine krasse Umstellung für jemanden, der frisch von der Uni kam. „Hömma“, ,“Mach mal“ -der typische Ruhrgebietsjargon passe. Sonst habe er einen leichten Zugang zu den Menschen: „Offen, ehrlich, direkt und mit Herz.“, sagt er. Mit der Entlassung endet in aller Regel der Kontakt. Nachsorge gehört nicht zu den Aufgaben der JVA-Seelsorger. „Viele wollen dann auch nichts mehr mit dem Gefängnis zu tun haben“ sagt Glinka. Dennoch liegt ein Brief auf Glinkas Schreibtisch. Ein ehemaliger Gefangener schreibt ihm noch immer. Aber das sei eine Ausnahme.

Wolfgang Maas | Mit freundlicher Genehmigung: Der Dom Nr. 37

 

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