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Gesichter Geflüchteter mit ihrer Geschichte

In der Justizvollzuganstalt Herford wurde in der Anstaltskirche die Ausstellung mit dem Titel „Gesicht einer Flucht” präsentiert. Sie richtet sich an die jungen Gefangenen sowie an Bediensteten. „Flucht” meint nicht das Entweichen aus dem Gefängnis. Es werden Gesichter und Geschichten von Menschen dargestellt, die aus anderen Kulturen und Ländern nach Deutschland geflüchtet sind. Davon sind im Jugendvollzug auch einige in Haft.

 

Die Initiative für das Projekt ergriffen die zwei Gefängnisseelsorger der JVA Herford. Zusammen mit dem Integrationsdienst, dem pädagogischen sowie erziehungswissenschaftlichen Dienst versuchen sie Brückenbauer zwischen den verschiedenen Welten zu sein. In der Spannung des Systems „Gefängnis” hat dies eine besondere Brisanz. Die ursprüngliche Idee und die erste Umsetzung der Ausstellung von Menschen mit ihren Fluchtgeschichten stammen vom Asylkreis in Haltern am See. Die JVA Herford hat die Idee aufgegriffen und erweitert.

Vier inhaftierte junge Erwachsene haben über Wochen in Gesprächen mit Ansprechpartnern der Fachdienste sowie Ehrenamtlichen von sich und ihrer zum Teil dramatischen Flucht erzählt. Den vorhandenen Titel der Ausstellung kehrten die Gefangenen um in „Sieh nicht weg!” anstelle von „Schau mich an”. Es geht darum nicht wegzuschauen und nicht im Plural von Inhaftierten, Nationalitäten oder Religionszugehörigkeiten zu sprechen. „Jede Person hat eine Geschichte”, sagt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, die regelmäßig im „Knast” Jugendliche besucht, die keinen Besuch bekommen.

Das Gefängnis ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Hier leben Jugendliche und junge Erwachsene aus verschiedenen Nationen, Kulturen und Migrationshintergründen nahe zusammen. Geflüchtet und Straffällig werden oft in einem Atemzug genannt. Jedoch sind es Menschen mit jeweils verschiedenen Schicksalen, die ganz individuell von ihren guten und schlechten Erfahrungen und ihren Traumata berichten. Manche der Teilnehmer aus Marokko, Eritrea, Afghanistan und dem Münsterland überraschte das ehrlich gemeinte Interesse an ihren Erzählungen. Der 20-jährige Hakim (Name geändert) aus Afghanistan schöpft Vertrauen und erzählt:

„Als ich 16 Jahre alt war, kamen Leute von der Armee in die Schule. Sie boten mir eine Stelle als Berufssoldat in den Afghanistan Partner Unit, einem Zusammenschluss von Nato sowie afghanischen und schwedischen Truppen, an. Ich ging mit ihnen in den Kampf gegen die Taliban. Nach einer Verletzung erkannte mich eine Krankenschwester, die mit den Taliban sympathisierte. Zusammen mit meiner Oma und meinen Geschwistern floh ich zunächst in den Iran, teils zu Fuß, teils mit dem Bus und Auto. Meine Oma und meine Geschwister blieben dort zurück, während ich mich auf den langen Weg nach Deutschland machte.”

Die Kriminalstatistik verweist darauf, dass es sich bei den Zuwanderern primär um junge Männer handelt. Bei den in Deutschland geborenen und lebenden Menschen ist diese Altersgruppe der jungen Männer ebenso am höchsten belastet. Die Sozialarbeiterin Bahar Kurban, die im Bereich des Integrationsdienstes arbeitet, fügt hinzu:

„Kriminalität hängt nicht mit einer Staatsangehörigkeit zusammen, sondern in der Regel mit konkreten Lebenslagen. Letztlich sind so genannte Ausländer oder Geflüchtete so unterschiedlich wie andere Menschen auch – weder sind alle nett und harmlos, noch sind alle gemein und gefährlich.”

Dass es kritische Töne und Vorurteile seitens der Gefangenen wie auch von Bediensteten gibt, zeigen die kontroversen Auseinandersetzungen im Rahmen dieser Ausstellung. Die Ausstellung will genau dies bewirken und für die „Zwischentöne” sensibilisieren. „Flucht” ist kein neues Phänomen. Dies zeigt ein berührender Kurzfilm, in dem ein syrischer Junge und einen alter Mann die fast dieselben Worte für ihre Erinnerungen aktuell und nach dem 2. Weltkrieg verwenden. Mit der Würdigung der Geschichten kommen Menschen von „draußen” und „drinnen” zu Wort. Sie verbindet ihre Sehnsucht nach einem guten Leben und ihre individuelle Fluchtgeschichte. Es betrifft und berührt – auch hinter den Mauern. 

Michael King | JVA Herford

 

Deutschland

Mein Name ist Nico, ich bin 20 Jahre alt und komme aus dem Münsterland. Ich bin in Deutschland geboren und habe zwischenzeitlich drei Jahre bei meinen Großeltern in Griechenland gelebt. In meiner Freizeit bin ich mit Freunden häufig zu einem stillgelegten Baggersee gefahren, dort haben wir gegrillt und über Gott und die Welt gequatscht. Über „Flüchtlinge“ wurde noch nie geredet. Ich persönlich habe mich bewusst mit diesem Thema nicht beschäftigt, weil ich eigene „Baustellen“ hatte und mir nicht um andere Menschen Sorgen machen wollte. Als ich inhaftiert wurde, habe ich das erste Mal in meinem Leben mit einem Flüchtling gesprochen. Mittlerweile hat sich meine Haltung geändert. Ich möchte nicht mehr wegschauen und mich mehr mit Asylbewerbern beschäftigen bzw. ins Gespräch kommen. Meiner Meinung nach hat Deutschland genügend Ressourcen und Kapazitäten, um vielen Flüchtlingen gleichermaßen und gerecht zu helfen.

Marokko

Ich komme aus Marokko und heiße Hamdan. Aufgewachsen bin ich bei meinen Großeltern. Mittlerweile habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Familie und vermisse sie sehr. In Marokko gab es keine Zukunft mehr für mich. Deshalb habe ich mich alleine auf den Weg nach Deutschland gemacht. Mir wurde viel über Deutschland erzählt, auch, dass einem in Deutschland geholfen wird und ich eine gute Zukunft in Deutschland haben kann. Nachdem ich hier angekommen bin, habe ich schnell gemerkt, dass ich nicht von allen willkommen bin. Mit der Zeit habe ich mich immer fremder gefühlt. Mir wurde von verschiedenen Menschen gesagt, dass ich zurück soll und, dass keine Ausländer gebraucht werden.

Nun bin ich seit drei Jahren in Deutschland. Seit einigen Monaten bin ich im Gefängnis. Vorher habe ich in einer Asylbewerberunterkunft gelebt. Ich spreche relativ gutes Deutsch. Die Sprache habe ich überwiegend draußen auf der Straße und im Deutschkurs im Gefängnis gelernt. In meiner Freizeit habe ich gerne Fitness gemacht und gerne Freunde besucht, mit denen ich viel lachen konnte. Für meine Zukunft wünsche ich mir eine große eigene Familie und Arbeit. Ich möchte gerne alles richtig machen. Dafür bete ich und hoffe auf Gottes Hilfe.

Die vier Gesichter und Porträts Inhaftierter sind der Ausstellung “Gesicht einer Flucht” mit auf den Weg gegeben worden. Diese Wanderausstellung „Schau mich an – Gesicht einer Flucht“ wird gegen eine Gebühr verliehen. Kontakt per E-Mail: gesicht-einer-flucht(at)gmx.de

 

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