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Auf gesellschaftliche Konflikte einlassen. Hörbare Stimme sein

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Die Kirchen und Corona. Eine systemrelevante Kritik
18. Januar 2021

Die Gesellschaft und die Kirche ist in einer Krise, die die ganze Welt beschäftigt: Corona. Diese Krise stellt vor enorme Herausforderungen und bringt binnenkirchlich plötzliche Veränderungen mit sich, mit denen die Gemeinden umgehen müssen. Die auferlegte Zeit der Unterbrechung ist eine Zeit des Nachdenkens, die eine Chance darstellt. Anstatt darauf hinzuarbeiten, dass das Leben sich seiner bisherigen Gestalt, seinem „Normalzustand“ möglichst schnell wieder annähert, sollten die AkteurInnen den offenbarenden Charakter der Corona-Pandemie wahr- und ernstnehmen. Denn diese plötzlich akute Krisensituation bringt v.a. das ans Licht, was schon vorher bestehende gesellschaftliche und innerkirchliche Missstände oder Instabilitäten, Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten waren und noch sind.

In Anlehnung an Walter Benjamins Befund, „[…] dass der ´Ausnahmezustand´, in dem wir leben, die Regel ist“, sollten wir den gegebenen Anlass nutzen, um zu untersuchen, ob wir zu unserem alten „Normalzustand“ zurückkehren wollen, oder nicht viel lieber auf neue Verhältnisse hinwirken wollen – sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche. Es gilt zu fragen: Was lehrt uns Corona über die gesellschaftlichen Machtverhältnisse? Um die staatlichen Reaktionen und ihre ideologischen Grundannahmen zu verstehen, müssen wir als Christ*innen nach einer Analyse der momentanen Situation suchen. Anders als manche behaupten, ist Analyse in dieser Situation kein Zeichen der Ohnmacht, sondern sollte alle unsere Versuche in der Krise handlungsfähig zu bleiben begleiten. Auf diese Weise eröffnet sich uns die Möglichkeit, den herrschenden Diskursen nicht selbst auf den Leim zu gehen, sondern eine kritische Distanz zu entwickeln, die uns wirksame Interventionen kirchlicher Praxis erlaubt. Kritikfähigkeit im Sinne einer grundlegenden Kritik des Bestehenden im Lichte des Evangeliums, die auf das gesellschaftliche Ganze zielt, wiederzugewinnen, muss das Ziel politisch-theologischer Analyse und Ausgangspunkt unserer Praxis sein. Das umfasst auch, sich mit der eigenen Rolle als Christ*innen kritisch auseinanderzusetzen: Wem dienen wir in diesem System? Wozu dient Kirche?

Kapitalismuskritik

Durch die Corona-Krise kommt es zu Verschärfungen bzw. zu dem Sichtbarwerden von Problemlagen in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft, wie Bildung, Prekarisierung der Arbeit, Gesundheit, Familie, Primat der Produktion etc. Die Leidtragenden der Krise sind keine „zufälligen Opfer“ der Pandemie. Sowohl deren wirtschaftlich-soziale Folgen als auch die staatlichen Reaktionen darauf offenbaren die strukturellen Logiken des globalen neoliberalen Kapitalismus. Die Gesellschaft ist konfliktiv strukturiert, denn es ist keinesfalls so, dass in der Gesellschaft alle in einem Boot sitzen mit gemeinsamen Interessen, wie z.B. die Corona-Krise zu managen: Den machtvollen Interessen, die auf Profitsicherung und -maximierung drängen, werden die Bedürfnisse der großen Mehrheit der Menschen untergeordnet. Die Gesellschaft ist geprägt von permanentem Wettbewerb, Gewalt und einer Vereinzelung der Subjekte. Ansatzpunkt pastoraler Praxis im Horizont einer Reich-Gottes-Spiritualität ist die Kritik an den Logiken des neoliberalen Kapitalismus. Gegen die machtvollen Interessen von oben gilt es, eine Solidarität von unten aufzubauen. Wenn die Menschen dazu bestimmt sind, in ihren Tätigkeiten Mit-SchöpferInnen Gottes zu sein, dann folgt daraus eine neue Bewertung der verschiedenen Arbeitstätigkeiten. In der kirchlichen Praxis sollten schöpferische Arbeiten aufgewertet werden: Arbeiten, die auf Sorge, Gemeinwohl und auf die politische Gestaltung des Gemeinwesens im Sinne des Lebens in Fülle für ALLE ausgerichtet sind.

Liturgiefixierung und Selbstbezogenheit

Die verschiedenen Lockdown-Maßnahmen im Laufe des zurückliegenden Jahres haben für einschneidende Veränderungen in Gesellschaft und Kirche gesorgt. Bei vielen kirchlichen Engagierten und Hauptamtlichen ließ sich in den letzten Monaten eine Art Schockstarre erkennen, begleitet von einer regelrechten Sinnkrise: Ohne direkte Interaktion im Gemeindeleben und ohne die Feier von [physischen] Gottesdiensten im Kirchraum stellt sich die Frage der Bedeutung von religiösem Leben für die Menschen deutlicher denn je. Eine zweite Frage, die die Pandemie stärker zu Tage bringt, ist die nach der Rolle von Leitung und der Funktion hauptamtlicher MitarbeiterInnen. Die mit diesen Fragen verbundenen Themen von struktureller [Pastoral-]Macht, gottesdienstlichen Angeboten und Versorgung der Gemeinde prägen die starke innerkirchliche Suche nach Bewältigungsstrategien. Das Verständnis von Liturgie als einziger Ausdrucksform religiösen Lebens bedeutet eine Engführung von Gemeinde und fokussiert sich auf die rein priesterliche Funktion als zentralem Element zum Erhalt des „Systems“ Kirche.

Diese Zuspitzung auf die Liturgie als einzig relevant greift zu kurz. Sie macht deutlich, mit welchem Verständnis AkteurInnen in der Kirche in der aktuellen Situation agieren und welche Leitmotive unser kirchliches Handeln prägen. Es fällt auf, dass die Ansätze zur Überwindung der Krise häufig nur innerhalb des binnenkirchlichen Bezugsrahmens gedacht werden. Das zeugt zwar von einem Ringen um Relevanz für die Gesellschaft, ist aber häufig ein Kreisen um sich selbst, dem es nur um den institutionellen Selbsterhalt geht. Es fehlt ein Bewusstsein dafür, was eigentlich gesellschaftlich relevant ist: Was ist mit den Selbstständigen, die vor dem Ruin stehen? Was ist mit den Kleinbauern, die nicht mehr exportieren können? Was ist mit denjenigen, ihre Miete nicht mehr bezahlen können? Was ist mit dem Gesundheitspersonal, dessen Arbeitsrechte mit den Füßen getreten werden? Was wird mit dem ErntehelferInnen, die nicht mehr einreisen dürfen? Was wird aus den Frauen, die während eines Lockdowns der psychischen und physischen häuslichen Gewalt besonders ausgesetzt sind?

Wie erleben junge Menschen diese Phase ihrer Kindheit oder Jugend – gerade dann, wenn sie zu Hause wenig eigenen Entfaltungsraum und gleichaltrige Kontakte haben? Was wird aus dem Klima, wenn von diesem Thema gerade niemand mehr etwas wissen will? Bereits vor der Corona-Krise litten die Kirchen unter einem fundamentalen Bedeutungsverlust. Dieser, so meinen wir, rührt vor allem vom eigenen unprophetischen Selbstverständnis und der daraus resultierenden Praxis her. Kirche soll nicht systemrelevant sein innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Kirche soll Reich-Gottes-relevant sein, d.h. das Bestehende der gesellschaftlichen Verhältnisse transzendieren. Vor diesem Horizont erscheinen die Fragen nach der kirchlichen Relevanz nach außen, die Fragen nach Leitung, das Feiern von Liturgie in einem anderen Licht.

Keine Service- und Versorgungskirche

Wir stellen uns einer kirchlichen Praxis, die sich den eigenen Selbsterhalt zum obersten Ziel macht, entschieden entgegen. Eine Kirche, die sich zur reinen Service- und Versorgungskirche verkommen lässt, um im und für das bestehende System ihre gewohnte Rolle zu behalten – eine Rolle, die sich überwiegend auf Angebote für den Freizeitsektor beschränkt–, diese Kirche verrät ihre tatsächliche Botschaft und verleugnet ihren Auftrag. Gerade dadurch macht sie sich irrelevant. Es gilt nicht, die Kirche über die Krise zu retten, sondern ihre Botschaft. Die Kirche muss in der Gesellschaft für das Reich Gottes Position beziehen. Nur so kann sie ihrem Auftrag gerecht werden, Salz und Licht der Welt zu sein (Mt 5,13f.), und ihrer Berufung zur Freiheit (Gal 5,1) folgen. Jedes pastorale Handeln sollte in einer Reich-Gottes-Spiritualität fußen. Das heißt: Die Kirche muss sich auf eine „solidarisch-egalitär-offene Gemeinschaft von Menschen“ (Urs Eigenmann 1998: Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde) ausrichten. Unsere Pastoral soll zugleich zu konkreter Solidarität anstiften (gelebte Diakonie), als auch prophetisch sein, d. h. sie muss parteilich sein und sich als Anklägerin der bestehenden Verhältnisse einmischen in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, Seite an Seite mit sozialen Bewegungen.

Was willst Du, das ich Dir tue?

Damit weist eine Reich-Gottes-Pastoral notwendigerweise immer über die kirchliche Binnenlogik und Selbstbezogenheit hinaus. Diese Durchdringung von Praxis und Botschaft, von „innen und außen“, von Mystik und Politik, müsste sich in all unserem kirchlichen Handeln wiederspiegeln. Ein Ort, an dem sie besonders erfahrbar werden müsste, wäre die Liturgie als Praxis symbolischer Kommunikation, die dadurch neue Legitimität und neuen Sinn gewinnen würde, anstatt sich in einem rein verinnerlichten und folkloristischen Schauspiel zu verlieren. Mit demselben Anliegen spricht sich auch Papst Franziskus dafür aus, dass „die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient“ [Evangelii Gaudium 27].

Option gegen strukturelle Ungerechtigkeit

Unsere Optionen – für die Armen und für die Schöpfung, mit einer fragenden Haltung, mit parteilicher Positionierung und einem konkreten Lebensweltbezug. Wenn wir als ChristInnen uns für das Reich Gottes einsetzen wollen, dann können wir in gesellschaftlichen Konflikten keine neutrale Rolle einnehmen. Dies zu versuchen, hätte zur Folge, den Status Quo zu bewahren und die Machtposition der von ihm profitierenden Menschen zu stützen. Inspiriert aus einer Reich-Gottes-Spiritualität trifft eine Pastoral hingegen eine klare Option für die Armen, d.h. sie ist parteilich-solidarisch mit den Opfern struktureller Ungerechtigkeit, den Marginalisierten, den Notleidenden. Eine solche pastorale Praxis fragt nach den Gründen und Bedingungen ihrer Situation, setzt sich prophetisch-anklagend für die Rechte der Rechtlosen ein und arbeitet mit ihnen gemeinsam an der Überwindung ungerechter Strukturen, wobei sie nach dem Vorbild Jesu eine fragende Haltung einnimmt: Was willst du, das ich dir tue? (Lk. 18,41)

Anstelle von Weihwasser ist Desinfektionsmittel wichtig geworden.

Zusätzlich zu einer Option für die Armen trifft sie eine Option für die Bewahrung der Schöpfung, deren Ausbeutung die ohnehin schon benachteiligten Menschen des globalen Südens am härtesten trifft. Aber auch vor Ort: Geflüchtete, Familien in prekären Verhältnissen und Kinder und Jugendliche, die wegen der Klimakatastrophe um ihre Zukunft gebracht werden, Geflüchtete an den Außengrenzen, Internationale Studierende, denen ohne Arbeit eine Existenzgrundlage fehlt, eine Mutter im Homeoffice mit mehreren Kindern zu Hause ohne Geld für die digitale Ausstattung sowie Alleinerziehende… In der pastoralen Arbeit gilt es, das eigene Handeln immer wieder in Anlehnung an die Metz’schen Fragen (siehe J.B. Metz: Glaube in Geschichte und Gesellschaft, Mainz 1992, S. 71) zu reflektieren, wer wann, wo, in wessen Interesse und mit wem Theologie treibt. Das eigene Tun muss dahingehend überprüft werden, ob es v.a. dem Erhalt des Bestehenden oder der kirchlichen Schadensbegrenzung dient, oder aber auf die Reich-Gottes-Perspektive abzielt. Eine in der Corona-Krise getroffene klare Option für die Armen und für die Schöpfung wäre gleichzeitig auch eine Option für eine visionär-prophetische Kirche, die sich aus der Krise heraus neu gestaltet.

Erste „Aufbrüche“

Auf lokaler Ebene gab es im Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Krise vielversprechende, ermutigende Aufbrüche, in denen Menschen der Reich-Gottes-Perspektive und der Option für die Armen entsprechend gehandelt haben. Viele Menschen in der Kirche haben konkret ihre Hilfe und Unterstützung angeboten. Sie haben dadurch (wie viele andere auch) zu Solidarität und zu einem positiven Miteinander beigetragen, punktuell, improvisierend, spontan. So haben sich in einer Gemeinde am Niederrhein die unterschiedlichen Jugendgruppen, die bis dahin kaum zusammengearbeitet haben, zusammengeschlossen und einen Einkaufs- und Besuchsdienst eingerichtet. An verschiedenen Orten in Deutschland haben sich Jugendgruppen der CAJ getroffen, um über die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen zu sprechen und im Sommer kleine Aktionen zu starten. Viele Aufbrüche sind in neuen Initiativen und Projekten entstanden, die unabhängig von den festen Leitungsstrukturen der Institutionen agiert haben. So hat die Lagerleitung eines Ferienlagers in Münster ein Ferienlager Zuhause auf die Beine gestellt und hat ihre Entscheidungen subjektorientiert und basisdemokratisch getroffen.

Prophetisch da sein

Die Initiative „Die Kirchen(n) im Dorf lassen“ hat im rheinischen Braunkohlerevier für den Erhalt der Dörfer und Kirchen gekämpft und Gottesdienste am Tagebaurand durchgeführt. Hier fanden und finden Neuformierungen von Kirche statt – auch wenn es vielerorts erst anfängliche Schritte sind. Die Initiativen solidarischen Handelns vor Ort fühlten sich für viele Beteiligte sehr sinnvoll an, weil hier gesellschaftliche Konflikte und Themen aufgegriffen wurden und eine Brücke zur Lebenswelt der Menschen geschlagen wurde. Es wurde ansatzweise von den „Opfern“ her gedacht und die Perspektive der besonders Betroffenen und der Risikogruppen eingenommen. An anderen Stellen ist es gelungen, Themen und Konflikte, in denen kirchliche Akteure schon seit Jahren prophetischen Einspruch einlegen, stärker ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins zu rücken. Ein gutes Beispiel dafür ist die gesellschaftliche Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie, die bereits erste politische Veränderungen nach sich zieht. Diese zarten Pflänzchen von Solidarisierung und kollektiver Befreiung sind zu hüten und zu fördern. Es braucht gerade in Krisenzeiten wieder eine starke inhaltlich-theologisch fundierte wie auch tatkräftig umgesetzte prophetische Praxis von ChristInnen, die bereit sind, sich auf gesellschaftliche Konflikte einzulassen, darin eine hörbare Stimme zu sein und konkrete Solidarität zu üben. Nur so kann angesichts einer globalen Corona-Pandemie aber auch angesichts der gegebenen globalen Verhältnisse Hoffnung sichtbar werden.

 

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