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Offener Käfig führt auf holprigen Weg. Inhaftierte gestalten Krippe

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Die Figur eines Inhaftierten, der Handschellen um seine Hände trägt, nimmt in diesem Jahr eine zentrale Rolle in der Krippe im Hohen Dom in Paderborn ein. Zwei Gefangene der JVA Bielefeld-Senne gestalteten die Krippen-Landschaft mit hohem handwerklichem Geschick. Im Mittelpunkt ihres Arrangements stehen Gedanken zum Leben eines Gefangenen. Mit großer Freude und auch ein wenig Stolz stellten die beiden Strafgefangenen nun Dompropst Monsignore Joachim Göbel ihre Arbeit vor. Die Gefängnisseelsorge begleitet in diesem Jahr die Krippenaktion mit dem Leitwort „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen“ (Hebr 13,3).

Inhaftierte aus dem Gartenbetrieb des Offenen Vollzuges der JVA Bielefeld-Senne gestalten das Krippenbild im Hohen Dom zu Paderborn. Foto: Pfaff

„Ich bin erfreut über das Ergebnis“, sprach Dompropst Göbel anerkennende Worte zu den Gefangenen und dem Team der JVA. Die Anliegen der Gefängnisseelsorge seien für das Erzbistum Paderborn sehr wichtig. Deshalb sei er froh, dass die gemeinsame Idee von Gefängnisseelsorge  und Metropolitankapitel umgesetzt werden konnte. Gefangene blieben oft am Rande der Gesellschaft. An der Krippe würden sie nun mit einbezogen. Gemeinsam mit Mirko Wiedeking, Gefängnisseelsorger im Hafthaus des Offenen Vollzuges in Bielefeld-Ummeln und Sebastian Vieth, einem Mitarbeiter der Gefängnisseelsorge sowie Heike Bohle vom Gartenbaubetrieb der JVA Senne waren die beiden Gefangenen – eine 46-jährige Frau und ein 45-jähriger Mann – nach Paderborn gekommen, um ihre Pläne umzusetzen. Pläne, die die beiden mit ihren Mitgefangenen in den letzten drei Wochen erarbeitet hatten.

Eine Chance für neue Wertschätzung

„Das ganze Team war bei der Ideenfindung beteiligt“, freut sich Heike Bohle über das Engagement der momentan zehn Gefangenen, die im Gartenbaubetrieb eine Ausbildung machen. Seit neun Jahren ist die Gärtner- und Floristikmeisterin in der JVA tätig und lernt die Inhaftierten gemeinsam mit einer Biogemüsegärtnerin an. „Eine sehr dankbare Aufgabe“, möchte Bohle keine Minute in ihrem Job missen: „Im Aufbau der Krippenanlage sehen sie das erlernte Können. Zugleich drücken die Gefangenen ihre Wünsche für die Jetztzeit und die Zukunft aus.“ „Unsere Arbeit im Gartenbaubetrieb wird über die Gefängnismauern anerkannt“, weiß der 45-jährige Michael. Und die 46-jährige A. ergänzt: „Das baut auf und gibt Energie.“

Es seien praktische Aufgaben für das Leben, in denen man verfolgen könne, wie sich aus dem kleinen Samen Pflanzen und Gemüsearten entwickeln. Auch bei den Kunden seien die Produkte der JVA sehr geschätzt. Und nun könne man das Erlernte auch am Krippenbild umsetzen. Entstehung eines neuen Lebens, eine Chance für neue Wertschätzung – Gedanken, sie sich auch in der Gestaltung der Krippe im Hohen Dom widerspiegeln. „Nach der Entlassung werden wir schnell in eine Schublade gepackt: ein Ex-Häftling. Deshalb gilt es hohe Hürden zu überwinden“, erklärt Gefangener Michael. „Wir müssen mehr Kraft als andere Menschen aufbringen, um wieder ins Leben zurückzufinden“, mutmaßt die Inhaftierte A.


“Warum ist der Mann gefangen?”, fragt das Kind seine Mutter an der Domkrippe intuitiv.

Ein Baum voller Sternen-Wünsche: Innere Stärke, Selbstständigkeit und Gerechtigkeit.

Alte Muster verlassen

Die Figur des Gefangenen in der Krippe steht nicht frei auf grüner Landschaft, sondern ist umhüllt von einem geöffneten Käfig, aus dem Efeu wuchert. Der vorbeiführende Weg ist holprig und somit voller Hindernisse. „Der Efeu ist ein Symbol, dass es schwer ist, von alten Mustern loszulassen. Dazu brauchen wir aber auch die Hilfe der anderen Menschen“, zeigt A. bei ihren Worten auf die anderen Krippenfiguren. Die Ziele sind klar abgesteckt. A. formuliert sie so: „Wir wollen uns von alten Sachen befreien. Geld mit ehrlicher und legaler Arbeit verdienen. Frühere Gewohnheiten ablegen.“

Karger Baum, lebendige Wünsche

Fragen haben die Gefangenen auch mit an die Krippe genommen: Wie sind wir in den Knast gekommen? Wie wird es, wenn wir wieder in Freiheit leben? Ein kleiner Weihnachtsbaum ist auch neu an der Krippe. „Er ist bewusst karg ausgewählt, ohne Grün und Schmuck. Dafür aber mit ganz vielen Wunschzetteln unserer Mitgefangenen“, erklärt A. „Es wäre schön, wenn die Besucher mal einen Blick auf unsere Wünsche werfen.“

Mirko Wiedeking, Gefängnisseelsorger im Erzbistum Paderborn, tätig in der JVA Bielefeld-Senne im Hafthaus Ummeln mit einem O-Ton zur Fragestellung: „Wie haben Sie die Vorbereitung der Gefangenen auf ihren Einsatz als Gestalter der diesjährigen Krippe im Hohen Dom zu Paderborn wahrgenommen?“

Ronald Pfaff | Erzbistum Paderborn


 

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