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Das Gefängnis als unsere Gemeinde

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In 15 Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen ist das Erzbistum Paderborn für die katholische Seelsorge zuständig. Hier begleiten 16 katholische SeelsorgerInnen die Inhaftierten und Bediensteten. Daniela Bröckl und Mirko Wiedeking sind als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne und -Ummeln tätig. Mit rund 1.600 Plätzen und 430 Bediensteten ist das Gefängnis mit seinen Außenstellen die größte Haftanstalt Europas für den Offenen Vollzug.

Die Themen der Seelsorgegespräche unterscheiden sich kaum von den Fragen und Sorgen der Menschen außerhalb der Gefängnismauern. Die Gefangenen der Haftanstalt kommen aus allen sozialen Gruppen. So geht es in ihren Gesprächen um Probleme in der Familie, um Zukunftsängste, um Sorgen um die Gesundheit, und oft geht es auch um Schuld. So unterschiedlich wie die Themen ist auch die Kontaktaufnahme zum Seelsorger: Manche Gefangene stellen sich vor, wenn sie neu sind, manche erkennen erst nach zwei Jahren, dass sie ein Gespräch brauchen. Bedienstete und Mitgefangene weisen auf Inhaftierte hin, die Hilfe brauchen.

Im geschützten Gespräch mit dem Seelsorger kommen die Inhaftierten schnell auf den Punkt. Viele Fragen drehen sich um den Wunsch nach Sinn und Erlösung: Warum ist mir das passiert? Warum lässt Gott das zu? Aber auch: Können Sie für mich beten? „Manche schaffen es gerade hinter die Tür, dann fällt alles von ihnen ab“, sagt Bröckl. Wiedeking berichtet von einem Hünen mit ehrfurchtsgebietendem Äußeren, der vor ihm in Tränen ausbricht und am Ende des Gesprächs fragt: „Sieht man, dass ich geweint habe?“ Freundschaften gibt es in Haftanstalten selten – und damit auch kein Forum für persönliche Fragen. Die Seelsorge biete diese Möglichkeit, erklärt Bröckl: „Wir hören zu, wir interessieren uns. Das haben viele noch nicht erlebt.“ Die Gefangenen können sich bei den Gesprächen auf die Verschwiegenheit der Seelsorger verlassen.

Das Seelsorgegeheimnis ist unverbrüchlich. Den Grund der Inhaftierung erfahren Bröckl und Wiedeking übrigens nur, wenn ihnen der Gefangene davon erzählt. Das Delikt sei für die Seelsorge auch nicht entscheidend, findet Wiedeking: „Wir versuchen, den Menschen so in den Blick zu nehmen, wie er ist. Mit seiner Beziehung oder Nicht-Beziehung zu Gott.“ Die Gottesdienste in der Kapelle sind gut besucht. Das Vaterunser beten alle laut mit. Vor allem die Rituale werden geschätzt, so das Entzünden einer Kerze zu den Fürbitten und der Friedensgruß. Bröckl und Wiedeking sehen ihre Seelsorgetätigkeit als Beitrag zur Resozialisierung. Sie wollen die Menschen unterstützen, damit ein Neustart nach der Haft möglich ist. „Wir sehen das Gefängnis als unsere Gemeinde an“, sagt Bröckl.

Text/Foto: Ronald Pfaff | Formen und Wege der Seelsorge

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