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Fußball: Sport, Show, Event, Ventil… Religion?

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Keine andere Sportart vermag die Massen so zu mobilisieren und zu faszinieren wie „König Fußball“. Für viele ist Fußball zum Sinninhalt geworden, füllt das Vakuum aus, das Menschen vielfach in ihrem Leben empfinden. Tatsächlich ist für viele Menschen Fußball mehr als nur Sport. Er ist zum Lebensinhalt geworden. Auch zur Religion?

Versuchen wir dieser Frage nachzugehen, dann ist zunächst der Religionsbegriff zu klären. Eine gängige Definition beschreibt Religion als Sammelnamen für die vielen Weisen, wie die Menschen sich mit dem Göttlichen oder dem letzten Grund des Daseins verbunden wissen. Die Verbindung von Fußball und Religion wurde schon immer gesucht. So zum Beispiel im Slogan der 70er Jahre: „An Gott kommt keiner vorbei – außer Reinhard Libuda“ (Schalke 04). Und wie hieß ein Motto von Borussia Mönchengladbach: „Gott muss Borussen-Fan sein, sonst hätte er nicht seinen Sohn bei uns spielen lassen!“ Gemeint war der damalige Mittelfeldspieler Günther Netzer. Doch waren dies mehr oder weniger originelle Werbesprüche Einzelner.

Christlicher Glaube wird im Fußball gesucht

Nicht zu übersehen sind auch die vielen Parallelen zur katholischen Liturgie: die Stola als Fanschal, die Gesänge, die oft kirchlichen Liedern und Inhalte: “Fürchtet euch nicht!”

Dies hat sich in den letzten Jahren gewaltig verändert. Die Verbindung von christlichem Glauben und dem Fußballsport wird von vielen gesucht. Deutlich wird dies in den gut ausgebuchten Kapellen  einzelner Stadien. So finden wir in der Veltins-Arena auf Schalke oder im Olympia-Stadion in Berlin recht ansprechende kirchliche Räume. Und ein aktueller Film über Jürgen Klopp ist betitelt: „Und vorne hilft der liebe Gott“

Während in den alten Bundesländern noch eine gewisse Verbindung zur Kirche aufrecht erhalten wird, ist dies in den neuen Bundesländern anders. Trotz oder gerade fehlendem Bezug zum christlichen Glauben findet eine erstaunliche Verbalisierung christlicher Inhalte. Ein Beispiel sei genannt. Die Choreografie im Spiel Dynamo Dresden gegen den VfB Stuttgart vor zwei Jahren enthüllte eine Jesus-Figur, die zu einem Fan von Dynamo mutierte. Dazu der Spruch: Heiligtum Dynamo. Überhaupt ist zu beobachten, dass für viele Fans gerade in den neuen Bundesländern Fußball viel mehr ist, als reiner Sport. Hier greift die Theorie von V.E.Frankl, dass das existentielle Vakuum vom Menschen durch andere Inhalte ausgefüllt wird. Und hier im großen Ausmaß durch den Fußball.

Beobachtet man auch das Verhalten vieler Fußballspieler müsste man annehmen, dass gerade diese äußerst gläubig sind, und insbesondere der katholischen Konfession anhängen. Es wird wohl kaum in einem anderen Lebensbereich sich so oft bekreuzigt wie im Fußball. Dazu der oft sehnsüchtig anmutende Blick zum Himmel. Reine Show? Dies mit einem „Ja“ zu beantworten wäre zu einfach. Denn wir können und müssen schon davon ausgehen, dass tatsächlich gewisse Spieler eine Bindung zum Glauben haben.

Ein Benediktiner-Mönch im Fanshop des 1. FC Köln ist kein Widerspruch mehr. Laut Pater Pater Maurus Runge sind Mönche da anzutreffen, wo Menschen sind – eben auch im Fußballstadion.

Nicht zu übersehen sind auch die vielen Parallelen zur katholischen Liturgie: die Stola als Fanschal, die Gesänge, die oft kirchlichen Liedern und Inhalten entnommen sind („Fürchtet euch nicht“), die Fahnen, die einen gewissen Prozessionscharakter haben, wie auch der Einzug selbst, der Pokal, der einer Monstranz nicht unähnlich ist, aber auch der (Friedens-) Kuss beim Torerfolg.

Fußball – auch im Knast öffnender Charakter

Und kaum eine Sportart hat einen derart „öffnenden“ Charakter, wie der Fußball. Dies können wir auch und insbesondere in der Gefängnisseelsorge feststellen. Der Besuch, die Vorstellung beim „Neuen“ gelingt viel einfacher, wenn dieser ein Fußballfan ist, und dies auch durch Utensilien in seiner Zelle bekundet. Zustimmendes Lob oder auch (künstliches) ablehnendes Kopfschütteln des Seelsorgers sorgt sofort für Gesprächsstoff. Unabhängig von Alter, Religion, Konfession. Gerade der Fußball schafft hier eine gemeinsame Ebene, überwindet sprachliche und gesellschaftliche Hürden. Eine Eigenschaft, die wir uns für den Glauben oft wünschen würden.

Fußball eine Religion? Gewiss nicht – aber eine Ersatzreligion! Die hier entwickelte Emotion, aber auch die Aggression, bestimmt das Leben und den Alltag vieler Menschen. Und es sind Parallelen zum obigen Begriff von Religion festzustellen. Denn für viele Menschen ist der Fußball tatsächlich eine Grundlage ihres Daseins. Dies einfach zu beklagen wäre der falsche Weg. Vielmehr sollten sich beide – der Glaube und der Fußball – gegenseitig befruchten. Möglichkeiten gibt es sicherlich genug.

Georg Kaiser | JVA Hof