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Das hier ist keine Kuschelseelsorge

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Michael King ist Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Herford. Für die jungen Männer hinter diesen Mauern ist er oft der einzige Ansprechpartner. „Ich bin für die Täter da“, sagt er. Kerben in der Holzablage, Schriftzüge auf der Schranktür, ein Bett mit Holzbrettern als Lattenrost – in der Stahltür eine kleine, runde Luke. Bei den Häftlingen, die Beobachtungsstatus haben, um Beispiel bei Suizidgefahr, ist die Luke geöffnet. Ein Fenster, das sich öffnen lässt. Das alles auf vielleicht 12 Quadratmetern. Kann man so ein Leben führen? Bei den Menschen, die hier leben, stellt sich diese Frage nicht. Sie sind dazu verurteilt.

In der Osterpredigt hat Michael King das Thema der Ehebrecherin behandelt: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Man sollte meinen, dass diese Botschaft hier auf fruchtbaren Boden fällt, aber auch im Knast gibt es eine Hierarchie des Verbrechens. Immer wieder hört Michael King in Gesprächen mit Gefangenen den Satz: „So was würde ich nie machen. Der ist Abschaum.“ Die Kirche, die Michael Kings Arbeitsplatz ist, könnte in einer gewöhnlichen Gemeinde stehen. Verglichen mit den engen Fluren ist es eine Wohltat, in dem offenen und hellen Saal zu stehen, dessen Fenster ohne Gitter auskommen. Hier übt auch die Gefängnisband und es finden Seminare statt – beispielsweise für Väter im geschlossenen Vollzug.

Blick in die Anstaltskirche vom Chor aus. Die zwei Pavillons wurden in die Kirche als separate Räume eingebaut.

Nebenan liegt Michael Kings Zimmer – voller bunter Länderflaggen und Instrumente. Straftäter und auch Bedienstete kommen zu Besuch. Worüber King mit wem spricht, weiß niemand außer ihm. Er unterliegt der Schweigepflicht. Seine Gespräche werden nicht dokumentiert. Michael King hat außerordentliche Befugnisse. Mit seinem Generalschlüssel kann er sogar die Zellen der Gefangenen öffnen. Kings Job ist anspruchsvoll und sehr wichtig. Deswegen sind Seelsorger in Gefängnissen gesetzlich vorgeschrieben.

Er wirkt ein wenig unantastbar. Aber: „Das ist hier halt auch keine Kuschelseelsorge.“ Einmal wollte ein Junge mit ihm kurz nach Arbeitsschluss sprechen. „Ich habe abgesagt. Am nächsten Tag hatte er sich am Bett erdrosselt.“ Vielleicht hätte Michael King den Suizid verhindern können, vielleicht auch nicht. Danach hat Michael King und sein evangelischer Kollege, Stefan Thünemann, das Geschehene mit Häftlingen aufgearbeitet, egal ob sie gläubig sind oder nicht. Weil derartige Ereignisse immer wieder vorkommen und weil King oft zuhören muss, nimmt er regelmäßig seine Supervisionen. Auch einer wie er muss sich mal aussprechen.

Ich bin für die Täter da

Michael King und sein evangelischer und muslimischer Kollege arbeiten im engen Austausch miteinander. „Bloß nicht zwischen den Religionen spalten“, sagt King. Die Gefangenen suchen nach Identifikation. Die Religion kann da helfen. Das darf aber nicht zur Abschottung gegenüber Andersgläubigen führen. Die Seelsorger sind konfessionsübergreifend für jeden da, der um ein Gespräch bittet. Nur wenige im Gefängnis sind gläubige Katholiken. „Wir haben hier auf engstem Raum ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt Michael King. Hinter Stacheldraht und massiven Gittern ist alles intensiver.

Die Kirche der JVA Herford wurde 1883 als eigenes Gebäude gebaut. Im unteren vergitterten Bereich befindet sich heute der Medizinische Dienst.

Unterhält sich der Seelsorger mit Gefangenen, geht es fast immer um existenzielle Themen. Michael King ist vorsichtig. Er muss auf die professionelle Distanz achten. Einige seiner Gesprächspartner beherrschen es, ihr Gegenüber zu manipulieren. Er kann niemanden von der individuellen Schuld freisprechen. Verständnis hat er: „Wenn ich die Kindheit gehabt hätte, die manche hier hatten, stände ich vielleicht auch auf der Schattenseite des Lebens. Man muss unterscheiden zwischen Straftat und Mensch. Ich bin für die Täter da.“

Es gibt hier keine Freunde

Wir treffen André (Name geändert). André hat noch vier Wochen vor sich, dann wird er entlassen. Seit fünf Monaten ist er im geschlossenen Vollzug. Für ihn war es das zweite Mal. Das erste Mal „saß“ er vier Jahre. „Als ich wieder rein kam, war es, als wäre ich nie weggewesen“, sagt André. Er ist kein Einzelfall. Die Rückfallquote in der JVA Herford ist hoch. Das Leben hier ist streng reglementiert. Vier Stunden im Monat darf André Besuche empfangen. Telefonieren kann er mit einem Telefonkonto – zehn Minuten pro Anruf, dann ist die Leitung tot. Zusätzlich darf er Briefe schreiben. Aus Sicherheitsgründen werden sie gelesen. Andrés Tag beginnt unter der Woche mit dem Frühstück um 6 Uhr, am Wochenende um 8 Uhr. Um 6.30 Uhr wird zur Ausbildung ausgerückt, doch André bleibt in seiner Zelle.

Für André waren die sechs Monate verschwendete Zeit. „In sechs Monaten kann man keine Ausbildung machen“, sagt er. In der Jugendvollzugsanstalt Herford steht Erziehung an erster Stelle. Es gibt eine Berufsschule und eine Vielzahl von Ausbildungsmöglichkeiten in den internen Ausbildungsgebäuden. Um 10 Uhr geht es zur Freistunde auf den Hof. In kleinen Gruppen wird geredet, es gibt Sportmöglichkeiten und Kartenspielrunden, manche gehen spazieren – immer gegen den Uhrzeigersinn. Warum, weiß niemand. Dann geht es zurück auf die Zelle. Ohne Internet, aber man darf sich einen Fernseher leihen. Viele nehmen Drogen. 80 bis 90 Prozent der 280 Gefangenen haben oder hatten Drogenkontakt. André geht zur Suchtberatung.

Ab 18.30 Uhr bis 21 Uhr ist „Umschluss“. Jetzt darf man sich für zwei Stunden mit zwei „Kollegen“ zum Beisammensein auf dem Haftraum einschließen lassen. Freunde gibt es keine, „außer man kennt sich von draußen.“ André sagt: „Das hier ist ein Egoshooter-Spiel.“

Joshua Suwelack | Magazin „Fritz“ – Pastoraler Raum Wittekindsland

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