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Die frohe Botschaft den bösen Menschen?

Jesus rettet! Dies steht auf einem Schild, das ein älterer Mann mitten in der Fussgängerzone in Bielefeld wie ein Hirtenstab neben sich hält. Stoisch und ernst steht er mit blauem Überwurf wie einbetoniert da. Reflektierende Schriftzüge teilen mit: „Jesus lebt! GLAUBE Bekehr Dich!“ Er lässt sich ansprechen, wenn man denn den Mut aufbringt, ob seiner gewaltigen Mitteilung. Bereitwillig gibt er Auskunft. Er will, dass die Menschen in unserer sündigen Welt die Frohe Botschaft annehmen. Das kommt mir bekannt vor. Vor allem im Gefängnis wollen gläubige Menschen den „Sündern“ ihre gut gemeinte Mission im Namen des Herrn zukommen lassen.

So manche Passanten machen sich lustig über ihn. Doch er steht da wie der Fels in der Brandung. Was treibt ihn an? Die Botschaft Jesu? Klar, das kann ich deutlich lesen. Jesus will Sünder retten. Doch wie geht das? Ich frage ihn, welche Botschaft er für mich hat. Freudig und voller Elan erzählt er mir, dass Jesus auf der Seite der Guten steht und Jesus mich von der Hölle befreit, sofern ich mich bekehre. Es gibt die Hölle auf Erden, dies erlebe ich jeden Tag als Gefängnisseelsorger im Jugendknast.

Und doch stemme ich mich gegen diese Art von formalen Sätzen. Das Leben spielt anders. Auch eine Bekehrung zu Jesus ist nicht die alleinige Lösung. Außerdem würde sich Jesus heute selbst unter die sogenannten „Sünder“ mischen. Jesus teilt nicht in „gut“ und „schlecht“ ein. Jesus kennt die Grautöne und weiß genau, dass eine Veränderung nicht von ihm abhängt, sondern „Gott“ schon längst ohne unser aktives Zutun am Werk ist. Veränderung kann nur vom jeweiligen Menschen selbst erkannt und umgesetzt werden.

In der JVA bekam die Gefängnisseelsorge eine Einladung einer evangelikalen Gruppe, muslimische Jugendliche zum Christentum zu bekehren. Jesus ist so groß und mächtig, dass er sogar Menschen anderer Kulturen und anderer religiösen Überzeugung begeistern könne. Dieses Angebot lehnten wir – als katholische wie evangelische Gefängnisseelsorge – dankend ab. Damit würden wir die Spaltungen nur weiter vorantreiben. Es gibt nicht die alleinige Wahrheit. Die Wahrheit zeigt sich im Gesamten. Ich glaube, dass Gott sich in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Religionen gezeigt hat. Und noch immer zeigt. Es steht mir nicht zu, etwas als „sündig“ zu bezeichnen. Das setzt voraus, dass ich anscheinend auf der richtigen und guten Seite bin. Weil ich ja so ein guter Mensch bin und als Seelsorger arbeite?

Im Knast erlebe ich immer wieder, dass verschiedene missionarische Gruppen gerne ins Gefängnis kommen, um zu bekehren. Die Leute können dort nicht weglaufen. Und ihre Botschaft ist eine Frohbotschaft. Doch kann dies sehr übergriffig wirken und neue Abhängigkeiten schaffen. Der Drogenkonsum wird kurzerhand mit Jesus ersetzt. Da haben wir als Gefängnisseelsorger eine große Verantwortung. Vielen gibt es Sicherheit, wenn ich klar sagen kann, was ich im Leben zu tun und zu lassen habe, um „gerettet“ zu werden. Vielleicht kann es jemanden für eine gewisse Zeit helfen. Aber die Botschaft Jesu sollte doch befreien und nicht glaubensideologisch einengen. Schon zur Zeit Jesu gab es dahingehend Konflikte.

Der Mann auf der Straße ändert seine Position und bleibt direkt an der roten Ampel stehen. Würde ich ihn einladen ins Gefängnis zu kommen, käme er bestimmt gerne inmitten „den Sündern“, um Zeugnis abzulegen. Doch ich weiß, dass jugendliche Gefangene sehr beeinflussbar und manipulierbar sind. Auf der anderen Seite denke ich, dass sich schon zeigen wird, “wes Geistes Kind” jemand ist. Das Leben selbst wird es uns zeigen. Wie gut, dass wir alle sündig sind! Es ist nur die Frage, wie wir mit uns und den Anderen barmherzig umgehen. Ich hätte ihm diesen (meinen) Blickwechsel gerne erläutert.

Michael King | JVA Herford

 

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