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Außergewöhnlicher Sport an ungewöhnlichem Ort

Am Freitagnachmittag ertönt in der Justizvollzugsanstalt Herford in Ostwestfalen die Durchsage: „Die Teilnehmer des American Football bitte im Spiegel bereitstellen.“ Klingt wie ein trockene Werbeansage im Lebensmittelladen. Der Spiegel ist die Zentrale des 135 Jahre alten Gefängnisses, in dem ca. 300 jugendliche und junge Erwachsene im Jugendvollzug im Altern zwischen 14 und 24 Jahren inhaftiert sind. Der preußische Kreuzbau unterteilt sich in verschiedene Abteilungen, die sich „im Spiegel“ treffen.

Nach und nach kommen junge Männer die Treppen herunter, grüssen ihren Trainer André Bauch und stellen sich regelkonform an der weißen Linie auf. Herr Bauch ist gelernter Koch, arbeitet aber seit fast 18 Jahren als Vollzugsbediensteter im Jugendvollzug. Für diesen Nachmittag hat er seine Uniform abgelegt. Neben seinem regulären Dienst als Beamter ist Bauch in der Suchtberatung tätig. Im Trainingsanzug steht der breite Mann nun mit einer zarten Mitarbeiterin des „Erziehungswissenschaftlichen Dienstes“ bereit, um mit der Knastmannschaft „American Football“ auf dem Hartplatz zu spielen. Die Jungs sind nicht nur körperlich gut gebaut, auch von den Straftaten her sind sie keine Unschuldslämmer. Und doch treffen sie sich hier, um sich freundlich zu begrüßen und erwartungsvoll zum Training hinaus zu kommen.

Ohne Schlüssel geht dies nicht. Erste Station ist der Keller, in dem die Ausrüstung als „American Footballer“ für die Mannschaft „Black Devils“ wartet. Herr Bauch geht anschließend voraus. Er gehört zu den Schlüsselträgern. Ob er einen Schlüssel zu den Inhaftierten mit dieser Sportart findet? „Ja“, sagt der in Ostdeutschland aufgewachsene und in Ostwestfalen wohnende Bedienstete. „Sie lernen Teamgeist und ihre Aggressionen abzubauen…“

Es geht hinaus auf den Platz zwischen den „Flügeln“ der Abteilungen. Alles innerhalb der Mauern und des fast sechs Meter hohen Zaunes. An diesem Ort beginnt das Aufwärmtraining. Unter den Augen der Mitgefangenen an ihren vergitterten Fenstern stehen erst einmal Gelenkübungen. So manche Kommentare müssen sich die Trainierenden von anderen Gefangenen an den „Fliegengittern“ gefallen lassen. Beobachtet werden sie zudem von mehr als acht Kameras…

Mit Helmen und Schulterpolstern gesichert legen die jungen Männer Sprinte hin und versuchen in die „Defense“ zu gehen. Verteidigung kennen so manche Jugendliche nur mit der Faust. Jetzt hören sie etwas von „Cornerbacks“ als Passabfänger. „Es macht echt Spaß, Alter,“ sagt ein schlanker 17-jähriger, der als Läufer fungiert. Eher stämmigere Gefangene übernehmen die Abwehr. „Da sind schon echte Kerle drunter, die aber alle eine weichen Kern haben,“ sagt Herr Bauch. Nicht immer geht es harmonisch zu. Von null auf 100 kann man schon einmal kommen und sich anschreien. „Passiert ist allerdings noch nie etwas gravierendes“, so der Trainer.

„Es lohnt sich hier mit dabei zu sein,“ meint ein Inhaftierter, der angibt, noch nie Football gespielt zu haben. „Hauptsache, ich bin von der Hütte runter und sehe meine Zelle von außen.“ Es gibt eine Warteliste für das Projekt. Nicht jeder ist dafür geeignet. Manchem geht schon bei den Aufwärmübungen die Luft aus. Ein ehemaliger Gefangener hat dieses Projekt genutzt, um sich „draußen“ einer Footballmannschaft anzuschließen. „Der kommt auch schon mal mit Genehmigung der Anstaltsleiters rein und erzählt hautnah von seinem Leben und seinem Lernen als Footballer. Das imponiert und ist besser als jeder anderer Erziehungsansatz. „Es gab schon ein Spiel mit einer Mannschaft von draußen. Allerdings ziehen wir dabei den Kürzeren,“ sagt ein anderer Gefangener. Wir haben ja nur den Freitagnachmittag zum üben und trainieren. „Neben Fußball gibt es hier im Knast Tischtennis, Volleyball und Basketball. Für all diese Angebote braucht man eine Sportkarte.“

Die Karte gezogen zu haben beim American Football mitzumachen hat neben der schriftlichen Antragstellung viel Geduld gebraucht. „Man lernt besonders hinter Mauern zu warten, bis man irgendwo in eine Freizeitmaßnahme reinkommen kann“, sagt ein junger Mann, der in der Knastküche arbeitet. Ob er ohne im Gefängnis zu sein jemals Football gespielt hätte? „Wahrscheinlich nicht,“ sagt er und grinst.
Herr Bauch ist heute ganz zufrieden mit dem Training. Zurück geht es in die Umkleidekabine im Keller, um sich wieder „im Spiegel“ zu verabschieden. „Die Teilnehmer vom American Football sind zurück,“ tönt es aus dem Lautsprecher: „Bitte annehmen…“

Text: Michael King | Fotos: Theresa Bamberger

 


Filmbeitrag Pro 7 Pro 7 Pro 7 Galilaeo Resozialisierung im Jugendknast mit American Football
Weiterer Artikel zum Thema von Philipp Awounou unter www.bento.de

 

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