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Einmal im Mittelpunkt stehen und die Krone aufsetzen

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Palmsonntag – ein Sonntag wie jeder andere. Der Alltag im Gefängnis beginnt um 7.30 Uhr mit dem Austeilen des Frühstückes. Ein Paar Scheiben Brot mit Marmelade gibt es. Die Hausarbeiter stehen parat, sie teilen das Essen an jeden einzelnen Haftraum aus. Verschlafen kommt der eine Jugendliche an die Haftraumtür. „Lasst mich nur in Ruhe“, sagt er kleinlaut und verschwindet wieder in sein Bett.

Viele der Inhaftierten stehen am Sonntag nur für die Entgegenahme des Frühstückes auf. Oder sie gehen um 8 Uhr bereits in die Freistunde. Dick eingepackt mit Parka und Mütze stehen die Jugendlichen am Sicherheitsrahmen. „Wie eine Prozession“, denke ich, der in diesem Moment zuschaut. Die Jugendlichen geben sich die Hand, drücken ihre Schulter gegenseitig an sich und klatschen sich ab. Das macht man natürlich nur mit seinem „Kumpel“.

Respekt hohes Gut

In der Freistunde stehen sie in kleinen Grüppchen zusammen. Auf den spärlichen Bänken sitzen zwei und spielen Karten. Wie Trauben gesellen sich andere dicht drumherum. „Einmal im Mittelpunkt stehen zu können“, sagt ein 17 Jähriger und fügt hinzu: „Das kann man nur, wenn man respektiert wird. “Respekt ist ein hohes Gut im Knast. Anerkennung und Bewunderung bekommt man nur, wenn man sich behaupten kann. „Das geht oft nur damit, wenn ich mich wehre und notfalls zuschlage“, sagt ein anderer. Respekt zeigt man diesem Jesus von Nazareth am Palmsonntag. Ihm wird zugejubelt. Im Jugendgefängnis feiert man gerne sich gegenseitig. Schnell ist man der „King“, wenn man Tabak gibt und andere von sich abhängig macht. „Anerkennung muss ich mir erst verdienen“, sagt ein Jugendlicher im Gespräch mit dem Gefängnisseelsorger. Wie in der Geschichte um den Kreuzweg Jesu, kann sich die Lage zwischen Jugendlichen schnell ändern. Aus dem Freund wir ein Feind, wenn dieser „nicht spurt“.

Die Krone gibt mir Würde zurück

Der Gottesdienst am Palmsonntag wird von Jugendlichen gern besucht. Man kommt raus aus seiner Zelle, trifft diesen oder jenen. Sie kommen nicht, weil sie so fromm sind. Sie kennen die Geschichte um den Palmsonntag nicht. Einige kommen aus anderen Kulturkreisen, sind bekenntnisfrei oder muslimisch geprägt. Die Jugendlichen horchen auf, als der Gefängnisseelsorger erzählt, dass Jesus ein andere König ist, als den sich die Gefangenen vorstellen. Ein König, der seine Macht nicht missbraucht und andere unterdrückt.

Eine Krone ändert alles

Diese Erfahrung macht ein Jugendlicher, der in der Gebäudereinigung arbeitet. Als er letzte Woche die Schaufensterpuppe mit der Krone in der Kirche entdeckt, setzt er sich diese auf. Anders als vorher putzt er froh und munter weiter. „Die Krone gibt mir meine Würde zurück“, meint er. Er will sie gar nicht mehr abnehmen. Eine Krone aufsetzen, dann ändert sich alles? Wir haben sie doch, die Königswürde. Jede und jeder von uns. Das Bild des jungen Gebäudereinigers in der Kirche erinnert mich an Palmsonntag. Im harten Alltag eines Gefängnisses ist es nicht einfach, seine Krone aufzubehalten. Die eigene dunkle Geschichte, die Straftat(en), die Zuschreibungen anderer Leute und die der eigenen, machen so manchem das Leben schwer. Der Palmsonntag zeigt, wie göttliche Funken in jedem Menschen leben und hervortreten können. „Das brauche ich mir nicht zu verdienen“, sagt der 17 Jährige und grinst.

Michael King

 

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