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Einer, der Mut macht und mutig herausfordert

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Themenspecial “Mutmacher”: Zu Gast bei Seelsorger Michael King in der Justizvollzugsanstalt Herford im Jugendvollzug.

Ein nachdenklicher Nachmittag endet. Hinter mir schließt sich die Tür des historischen Gebäudes der Justizvollzugsanstalt Herford. Ich bin wieder draußen. Den persönlichen Gegenstand – sprich Handy – habe ich von der Pforte zurückbekommen. Im Antlitz der tiefstehenden Sommersonne muss ich mich orientieren. Ein Blick in die Ferne über die Straße Richtung Parkplatz. In diesem Moment kommt mir die Anfangsszene des Kult-Films „Blues Brothers“ in den Sinn. Jake darf die hohen Mauern verlassen, wartet draußen und entdeckt seinen Kumpel Elwood. Wie viele junge Männer haben hier wohl schon gestanden, und nach ihrer Entlassung gedacht, was kommt jetzt, wer erwartet mich? Für mich ist die Bilanz einfach, da ich nur vier Stunden zu Besuch war, um Eindrücke über die Seelsorge in der JVA zu sammeln.

Einer, der den jungen Männern Mut macht, ist der katholische Gefängnisseelsorger Michael King. Mit seinem offenen Gesprächsangebot erreicht er die Inhaftierten. „Sie kommen zu mir ins Büro, um zu reden. Um auch über sich zu reden. Dabei geht es nicht um Religion, sondern um Existenz. Viele von ihnen mussten auch viel mitmachen. Hier in der Seelsorge werden sie angenommen, wie sie sind“, umschreibt King das Leitbild seiner seelsorgerischen Arbeit. Dabei urteilt oder wertet er nicht das Vergehen der 14- bis 24-jährigen, sondern sucht den Dialog und Austausch, ohne die Schweigepflicht zu brechen.

Michael King (rechts) mit seinem evangelischem Kollegen Stefan Thünemann.

„Die Schweigepflicht und das Zeugnisverweigerungsrecht ist unser Schatz in der der staatlichen Einrichtung. Gesetzlich genießen Seelsorgerinnen und Seelsorger diesen Schutz – im Gegensatz zu Vollzugsbeamten oder auch Sozialarbeitern, die zu Aussagen vor Gericht verpflichtet werden können. Die Häftlinge haben Vertrauen, ja sie wissen, dass wir nichts weiter geben“, so Michael King weiter. Allerdings beweist der Seelsorger dabei auch selbst Mut, indem er die Menschen, die ihn aufsuchen, herausfordert, sich mit ihrer persönlichen Geschichte auseinander zu setzen.

Vom Schwarzwald über Bolivien nach Magdeburg

Michael King ist seit sieben Jahren als Seelsorger für das Erzbistums Paderborn in der JVA Herford tätig. Aufgewachsen im Schwarzwald, studierte er in Freiburg i. Br. Theologie und arbeitete zunächst als Pastoralreferent in verschiedenen Gemeinden des Bistums Rottenburg-Stuttgart. Schließlich schloss er sich  einem Entwicklungsprojekt einer Schweizer Organisation an (heute: Comundo) und ging für dreieinhalb Jahre nach Bolivien. „Diese Zeit hat mich geprägt“, resümiert Michael King, der in armen Verhältnissen und subtropischem Klima bei den Einheimischen lebte. Viele kleine Projekte wurden gemeinsam angegangen, die völlig unterschiedlich waren: vom Brunnenbau bis zur Arbeit mit Menschen mit Behinderung.

2005 kehrte Michael King zurück nach Deutschland. „Eine abenteuerliche Fahrt mit dem Frachtschiff über Brasilien nach Hamburg“, blickt King zurück, der dann in einer priesterlosen Gemeinde im Nordschwarzwald seinen alten Beruf aufgriff. Hier begann er auch seine Ausbildung zum Klinikseelsorger. Doch die Erfahrungen  in Bolivien ließen Michael King noch nicht zur Ruhe kommen, die Suche nach einer neuen Herausforderung trieb ihn an. Eine Stellenausschreibung im Bistum Magdeburg weckte seine Neugier: Seelsorger in der Jugendanstalt Raßnitz im Saalekreis.

Michael King inmitten der JVA: links die Umzäunung, rechts die Kirche. Fotos: Ronald Pfaff

Hoffnungsort: Gottesdienstraum

Das Gefängnis in Herford hat Tradition und wurde bereits 1883 seiner Bestimmung übergeben. Am Ende des Gebäudes, das in Kreuzbauweise angelegt wurde, befindet sich seit über 135 Jahren die Kirche. „Ein besonderer Gottesdienstraum mit Atmosphäre und vielen Möglichkeiten“, so King, dessen Büro sich direkt anschließt. Dazwischen liegt das „Zugangs-Café“. Neue Gefangene können hier einen Erstkontakt mit den Seelsorgern aufnehmen. „Am Anfang gehen wir auf die Häftlinge zu, danach müssen sie den Kontakt zu uns jeweils beantragen.“

„Wir“, das sind Michael King und sein evangelischer Kollege Stefan Thünemann. „Wir Seelsorger haben hier einen guten Stand und jeder kann seine Aufgaben hier gut wahrnehmen. Vom Typ sind Michael und ich zwar unterschiedlich, aber wir haben die gleichen Ziele“, ist Thünemann froh über die Zusammenarbeit: „Uns interessiert nicht, wer getauft ist oder nicht. Manche Häftlinge wissen es auch gar nicht. Wir achten auch nicht auf Herkunft, Nationalität oder Kultur.“ Man wolle nicht spalten oder nach Religion aufteilen, ergänzt Michael King, der auch den Dialog und Austausch mit den muslimischen Ansprechpartnern schätzt: „Wir bieten als Seelsorger den Menschen im Gefängnis ein Gegenüber in ihren Lebenssituationen an, unabhängig von Religion und Kulturkreis.“

Eine Kirche für alle

So ist die Kirche, die beide Seelsorger am Sonntag für einen ökumenischen Gottesdienst nutzen, auch ein Hoffnungsort. Zu dieser Ausstrahlung trägt sowohl die räumliche Gestaltung bei als auch die inhaltliche Gestaltung der Gottesdienste. „Wir feiern Gottesdienste in der Suche und Wahrnehmung göttlicher Spuren und versuchen, seine Gegenwart in dialogischen Formen zur Sprache zu bringen“, vertreten beide Seelsorger die gleiche Intention. Der Sonntag beginnt mit einem Gespräch mit den Bediensteten. Um halb Neun treffen sich die Seelsorger mit dem Küster, einem Gefangenen, zur Vorbereitung in der Kirche. Unter den Corona-Bedingungen finden 20 Jugendliche Platz im Raum. Musikalisch gibt es Gitarren-Begleitung. „Dann ist es wichtig, ein Symbol oder Thema zu finden, das die jungen Häftlinge betrifft. Lebensnah muss es sein. Aber wir müssen uns auch mal auf Unruhe einlassen, wenn es Fragen oder spontane Zwischenrufe gibt“, vermeidet King den Begriff Störung, sondern sieht es als Zeichen des Zuhörens.

Manchmal begleiten Gäste wie Chöre oder Musikgruppen die Gottesdienste. Oder es gibt Anfragen von Gemeinden beider großen Konfessionen zum gemeinsamen Austausch. Die Kür sei aber immer noch, wenn die Gefangenen die Gottesdienste selbst mit vorbereiten. So bleibt der Gottesdienstraum auch eine Oase im Knast. „Ein stellvertretender Anstaltsleiter in Raßnitz hat mal gesagt, dass Seelsorger Vollzugsstörer sind. Auch wenn er es sicherlich anders gemeint hat, so sind wir es dennoch auch. Und das ist aus ethischen und menschlichen Gründen gut so“, übernimmt Michael King diese Rolle gern.

Familienfreundlicher Vollzug und Gespräche

„Häftlinge gehören zu den Menschen am Rande der Gesellschaft. Covid-19 drängt alle Randgruppen noch weiter an den Rand“, musste Stefan Thünemann erkennen. Gerade im familienfreundlichen Vollzug hätte man dann für Alternativen sorgen müssen. Besuche hinter Trennscheiben wurde ermöglicht. Oder Skype-Telefonate über 30 Minuten mit den engsten Familienmitgliedern. 13 Prozent der einsitzenden jungen Männer sind Väter. Daher bekommen sie in Herford auch die Möglichkeit am Kurs „Fit für Familie“ teilzunehmen. „Da kommt einer und lädt mich ein. Einfach so“, spiegeln die Gefangenen ihre Freude, wenn sie das Gespräch mit den Seelsorgern suchen.

Zwei junge Männer hat Michael King an diesem Nachmittag zu Gast. Beide sitzen schon länger ein, daher kennt man sich. Ein ehrliches Gespräch in Offenheit entwickelt sich. „Wir Seelsorger verurteilen nicht, sondern arbeiten ressourcenorientiert“, betont King, der darauf Wert legt, dass Respekt und Distanz aufgebaut werden: „Distanz kann auch Respekt sein.“ Somit gibt es kein kollegiales „Du“. Es gibt auch eine Begegnungs-Etikette. „Mir bringen die Gespräche was, ich nehme sie gern an“, bestätigt ein Gefangener, und nicht nur weil es Abwechslung im Haftalltag ist.

Seelsorger aus Leidenschaft: Michael King im Gespräch mit einem Gefangenen.

Entlassung – und dann?

Michael King hat  viele Ideen, um mit den Jugendlichen auf unterschiedlichste Weise zu arbeiten. Er lädt gern Menschen ein, holt Ausstellungen in die JVA, um dadurch auch Einblicke in die Gefängnisarbeit zu geben. Ihm liegt am Herzen, was aus den jungen Männern wird. Vollzug greife oft zu kurz. Eine Eingliederung über „offenen Vollzug“ und weitere anschließende Betreuung seien wichtig. Während manche Gefangene auch zugeben, dass sie froh seien, hier in der JVA zu sein, so bliebe doch bei allen das oberste Ziel, wieder rauszukommen. „Ich führe mit allen, die es wollen, ein Abschiedsgespräch bei mir im Büro. Doch wenn sich bei der Entlassung die letzte Tür hinter ihnen schließt, geschieht nichts mehr. Einige suchen von sich aus noch den Kontakt und melden sich mal telefonisch oder per Brief“, hofft Michael King und schenkt ihnen auf den Weg nach draußen zum Abschied noch ein Kreuz – oder eine Bibel auf Wunsch.

Ronald Pfaff | Mit freundlicher Genehmigung: Erzbistum Paderborn

Hintergrund

Die Justizvollzugsanstalt Herford ist die zweitgrößte der vier Strafanstalten des geschlossenen Vollzugs für Jugendliche in Nordrhein-Westfalen. Sie verfügt über 355 Haftplätze. Das Gelände der Justizvollzugsanstalt Herford liegt in der Neustädter Feldmark. Errichtet wurde die Anstalt in den Jahren 1880 bis 1883 als preußisches Zuchthaus in Kreuzbauweise. Nach einer umfassenden baulichen Grundsanierung der bestehenden Bausubstanz, sowie der Errichtung neuer Gebäudeteile, ist die JVA Herford heute eine der modernsten nordrhein-westfälischen Jugendstrafanstalten.

 Kategorialseelsorge im Erzbistum Paderborn 
Comundo Hilfswerk

Buchtipp

Im Gefängnis – Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern
von Thomas Engelhardt und Monika Osberghaus.
Herausgeber Bundeszentrale für politische Bildung.

Auch Mütter und Väter können zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, wenn sie gegen Recht und Gesetz verstoßen haben. Väter können auch noch jung sein, und zu den Häftlingen der JVA Herford gehören. Eine Hilfe für den Nachwuchs, der Zuhause viele Fragen hat, gibt dieses Kinderbuch.

 

 

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