Pilgern macht frei. Für viele Menschen ist dies eine unschätzbare Erfahrung. Für manche gilt das insbesondere, weil ihnen das Pilgern im Alltag verwehrt bleibt: 60 Männer und Frauen aus dem überwiegend offenen sowie dem geschlossenen Strafvollzug nehmen Ende Juni an der 4. Werler Gefangenenwallfahrt teil. Die verurteilten StraftäterInnen kommen aus den acht Justizvollzugsanstalten Attendorn, Bielefeld-Brackwede, Bielefeld-Senne, Castrop-Rauxel, Hamm, Hövelhof, Schwerte und Werl. Begleitet werden sie von rund 40 JVA-Bediensteten, 20 in der katholischen und evangelischen Gefängnisseelsorge Tätigen sowie des Wallfahrtsteams in Werl.


In seiner Predigt macht Erzbischof Udo Markus Bentz deutlich: „Gott sieht mehr in uns als das, was falsch gelaufen ist.“ YouTube

Vor Ort treffen nach und nach die Gefangenen und ihre Begleiter mit den auffälligen JVA-Fahrzeugen ein. Zunächst noch ein wenig zurückhaltend begeben sich die Inhaftierten in den Pilgersaal und ins Kloster-Außengelände und setzen sich an Tischen zusammen. „Man kann hier nicht erkennen, wer Gefangener, wer Bediensteter oder wer Seelsorger oder Seelsorgerin ist“, so Daniela Bröckl, Diözesanbeauftragte für Gefängnisseelsorge im Erzbistum Paderborn. „Hier und heute steht der gläubige Mensch im Mittelpunkt.“ Das unterstreichen auch Wallfahrtsseelsorgerin Ursula Altehenger und ihr Kollege Stephan Mockenhaupt. An diesem besonderen Tag sind sie erste Ansprechpartner für die Ankommenden.
Ortswechsel: Chance für „Inneren Aufbruch“
Erstmals ist auch Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz dabei. Dass er persönlich nach Werl kommt, um auch Menschen im Strafvollzug an die Hand zu nehmen, empfinden viele der begleitenden JVA-Bediensteten und Seelsorger als sehr ermutigend. „Zu einer Wallfahrt gehört immer der Ortswechsel, man bricht auf zu einem anderen Ort als der Alltag, so besteht die Chance, dass auch innerlich in einem etwas aufbricht“, so der Erzbischof bei der Begrüßung im Klostergarten. Den Teilnehmenden legt er den besonderen Wallfahrtsort mit der Basilika und der Gottesmutter ans Herz. „Es ist hier ein Ort, wo wir Maria verehren, wo wir Zuflucht suchen mit unserem eigenen Anliegen.“ Dazu gehöre „das Erlebnis und die Erfahrung von Zusammen und Gemeinsam.“ Es gehe darum, Leben, Glauben und Hoffnung zu teilen. Er wünsche sich, „dass alle gestärkt und ermutigt von hier wieder weg gehen“.
Die Menschen, die sich an diesem Tag erst zur Kapelle an der Gänsevöhde aufmachen, um dann zum Gnadenbild der Gottesmutter, der „Trösterin der Betrübten“, zurückzukehren, sind alles andere als betrübt. Und das liegt nicht nur am herrlichen Sommerwetter. Jene, die dabei sein dürfen, haben trotz Strafe einen positiven Blick nach vorn entwickelt. Sie befinden sich größtenteils im offenen Vollzug und lernen das Leben draußen durch regelmäßige Freigänge – zumeist in Begleitung – kennen. Im Vergleich zu den anderen Wallfahrten, die in Werl im Jahresverlauf stattfinden, sind es denn auch nur kurze Wege, die die rund 100 Teilnehmer gehen. Und an diesem Tag ist der „Freigang“ etwas Außergewöhnliches. Wie etwa für den 67-jährigen Sicherungsverwahrten, der sich im Gespräch freimütig zu seinen Fehlern bekennt. „Inzwischen habe ich es begriffen“, blickt er auf sein Leben zurück, das anders hätte verlaufen können. Zum Pilgern gehört für ihn der Rückblick, aber auch der Blick nach vorn. Er will sein Leben in die Hand nehmen, auch wenn er weiß, dass die Kontrolle durch andere bleibt. „Man muss etwas tun, damit man nicht auf dumme Gedanken kommt.“ Der Glaube gebe ihm die Stärke, dies trotz seiner Lage zu bewältigen. Deshalb sei er heute dabei.
Knast-Gottesdienst hat Bedeutung
Für eine 19-jährige Inhaftierte ist der Tag auch eine Erinnerung an die eigene Erstkommunion. „Aber Pilgern, da weiß ich gar nicht, was das ist“, bekennt sie bei der Ankunft, als sie mit einigen ihrer weiblichen Mitgefangenen bei Kaffee und Brötchen unter dem großen Sonnenschirm sitzt und gespannt darauf wartet, was der Tag bringt. „Ich fühle mich super wohl hier“, sagt sie und ihren Begleiterinnen geht es scheinbar ebenso. Regelmäßig nimmt sie am Mittwochsgottesdienst hinter Gittern teil. Bis zum nächsten Jahr wird ihre Haft noch dauern. Sie sagt: „Auch wenn es manchmal nicht so aussieht: Ich weiß, dass ich im Gefängnis bin.“ An diesem Pilgertag aber könne sie durchatmen. „Es ist super hier.“ Auf die große Bedeutung des wöchentlichen Gottesdienstes in der Haftanstalt verweist auch ein 23-jähriger Inhaftierter. Dabei spiele Seelsorger Mirko Wiedeking eine wichtige Rolle. „Jeder ist bei ihm willkommen“, sagt der junge Mann. Er hat hinter Gittern erst zum Glauben gefunden. „Manche kommen für die Cola, manche für Gott.“ Der junge Häftling ist gleich mit mehreren „Stammgästen“ dieser Gottesdienste in Werl dabei. Als Pilgerseelsorgerin Ursula Altehenger die Häftlingsgruppen der JVAs einzeln begrüßt, macht seine Truppe besonders lautstark auf sich aufmerksam.
Gefangenenkerze in der Basilika
Überhaupt läuft der Tag in großer Leichtigkeit ab. Nach dem gemeinsamen Gang zur Kapelle an der Gänsevöhde wird dort ein Heft verteilt, aus dem der Ablauf des Tages hervorgeht, und das Gedanken und Anregungen zum Thema des Werler Wallfahrtsjahres, dem Franziskus-Spruch „Wenn es Dir guttut, dann komm“, beinhaltet. Wie dies bei großen Wallfahrten üblich ist, werden die Pilger von Messdienern und Wallfahrtsseelsorger abgeholt – normalerweise an der Werler Stadtgrenze, heute an der Gänsevöhde. Zwei der Messdiener sind Häftlinge, die sich vorab bereits gemeldet haben, weil ihnen dieser Dienst wichtig ist. Gemeinsam geht es zurück zum Pilgerkloster, wo beim Mittagessen Gelegenheit zum persönlichen Gespräch besteht. Aber auch in Räumen des Pilgerklosters gibt es Angebote, etwa zur Meditation. Auch besteht Gelegenheit zur Beichte. In der Basilika wird zudem die Kerze der Gefangenenwallfahrt entzündet. Sie ist in diesem Jahr in der JVA Bielefeld-Brackwede gestaltet worden und hat von dort aus bereits die Runde durch alle beteiligten JVA´en gemacht. Beim vorbereitenden Besuch der Werler Wallfahrtsseelsorger in jeder einzelnen Haftanstalt war sie stets entzündet worden – so wie an diesem Wallfahrtstag unmittelbar neben dem Gnadenbildes Mariens.
Teil der Pilger-Freiheit
Höhepunkt des Tages ist die Wallfahrtsmesse in der Basilika mit Glockenläuten und Orgelklängen, was die Häftlinge und ihre Begleiter sichtlich anrührt. Erzbischof Udo Markus Bentz nimmt zur Predigt das Mikrofon in die Hand und begibt sich hinunter zwischen die Kirchenbänke, um den Menschen, die ihm zuhören, nahe zu sein. Im Evangelium nach Lukas war die Begegnung zwischen Jesus und dem Zöllner Zachäus geschildert worden. Zachäus hat Schuld auf sich geladen und wird ausgegrenzt und stigmatisiert. Jesus aber reicht ihm die Hand. „Gott sieht mehr in uns als das, was falsch gelaufen ist“, formuliert der Erzbischof seinen Kernsatz. Als die Teilnehmenden eingeladen sind, Kerzen in Gedanken an für sie wichtige Menschen am Altar zu entzünden, bleibt keiner in den Bänken sitzen. Nach dem Gottesdienst machen viele vom Angebot Gebrauch, sich von Erzbischof Bentz persönlich segnen zu lassen. Und es gibt zahllose Erinnerungsfotos am Altar, wie zuvor schon an der Kapelle. Zum Pilgertag können sich die Häftlinge ihr sonst weg geschlossenes Handy ausgeben lassen. So werden auch diese Fotos – an Freunde und Familie verschickt – Teil der Pilger-Freiheit.
Unterschiede verschwimmen
Ein ganzer Tag, an dem die Unterschiede zwischen Häftlingen, Bediensteten und Seelsorger verschwimmen. Alle gemeinsam singen sie zum Beispiel ein Geburtstagsständchen für Mitorganisatorin Daniela Bröckl. „Hier werden die breitesten Gefangenen nachdenklich, weil sie als Menschen gesehen werden“, sagt auch Jörg Ellersiek, der als JVA-Bediensteter bei jeder der bislang vier Gefangenenwallfahrten in Werl mit seinen Jungs dabei war. Sein Kollege Florian Reitmeier ist überzeugt, dass dazu die „entspannte Atmosphäre im Pilgerkloster“ beiträgt. Auch für die Beschäftigten sei das Mitmachen bei der Wallfahrt „eine schöne Abwechslung“. Jörg Ellersiek, der kurz vor dem Ruhestand steht, kann sich sehr gut vorstellen, „im nächsten Jahr als Ehrenamtlicher dabei zu sein.“ Die Werler Gefangenenwallfahrt sei deutschlandweit einzigartig und habe Vorbildcharakter, resümiert Mark Draser, sozialpolitischer Referent im Katholischen Büro Düsseldorf, der in Werl zu Gast ist. „Es ist ein ganz besonderes Ereignis und sehr den Menschen zugewandt.“ Dass der Erzbischof gekommen sei, „ist ein wunderschönes Zeichen an die Menschen, dass man sie nicht vergisst.“ Für die Haftanstalten bedeute eine solche Veranstaltung wegen des Personaleinsatzes Aufwand und Belastung. „Es ist sehr positiv zu sehen, dass sie dies mitttragen.“
Reinhold Großelohman | Fotos: King







