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Macht der Glaube die Zeit im Gefängnis erträglicher?

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Jeden Morgen gegen 4.30 Uhr steigt Ralf F. aus seinem Bett in seiner sieben Quadratmeter großen Zelle. An den Wänden hängen Fotos seiner Kinder und Enkelkinder. Schaut er aus den zwei Fenstern seiner Zelle, sieht er einen Hof, eine Rasenfläche mit wenigen Bäumen. Pünktlich um sechs Uhr schließt ein Bediensteter die Zellentür auf. Dann geht F. in die Kirche, nur wenige Meter sind es von seiner Zelle zum Gotteshaus. Seit fast vier Jahren arbeitet F. als Küster in der Kirche der JVA Werl in Nordrhein-Westfalen. Die Gefängniskirche ist auf den Namen „St. Peter in Ketten“ geweiht. Die ersten Stunden des Tages hat F. dort meist für sich allein.

Die Kirche und der Abteilungsflügel A der heutigen Justizvollzugsanstalt Werl.

Er mag das, schreibt er in einem Brief. „Wenn ich alleine bin, kann ich den Raum auf mich einwirken lassen, es passiert auch oft, dass mir ein paar Tränen die Backe hinunterlaufen.“ Ralf F. ist 63 Jahre alt, vier Jahre Haftstrafe hat er hinter sich. Zwei weitere Jahre liegen vor ihm. Verurteilt ist F. wegen wiederholten schweren Betrugs. Er hat im großen Stil Landmaschinen und Bagger gemietet und sie anschließend verkauft, als seien sie sein Eigentum. Seit rund einem Jahr schreiben sich der Autor und Ralf F. Briefe. Der Kontakt entstand über ein Gesuch von ihm im ehemaligen Portal „Jailmail“. Darin schreibt F., er habe im Gefängnis zum Glauben gefunden. Im August 2020 fand für diesen Artikel außerdem ein längeres Telefongespräch statt. F. hat darum gebeten, seinen Nachnamen nicht zu nennen. Er möchte nicht, dass sein voller Name für immer mit diesem Kapitel seines Lebens verbunden bleibt. Seine Angaben wurden von einem Seelsorger der JVA Werl bestätigt.

Tür zu, Tür auf…

Das ganze Leben im Gefängnis dreht sich um Zeit. Gleichförmig und zäh. Zeit, die es bis zur Entlassung abzusitzen gilt. Zeit, die der Staat für die Insassen portioniert: Stunden und Minuten, in denen man zu schlafen hat; in denen es zu essen gibt; die man zu arbeiten hat; in denen ein Spaziergang über den Hof erlaubt ist; Zeit, in der ein Insasse sich einzig und allein in seiner Zelle aufzuhalten hat. Tür zu, Tür auf, der Rhythmus eines Lebens hinter Gittern. Ralf F. zählt die Tage hinter Gittern nicht. Das bringe nichts. Aber er wisse, was er draußen verpasst. Zwei weitere Jahre – zweimal Weihnachten, je zwei Geburtstage der beiden Töchter und der vier Enkelkinder. Zu ihnen will er endlich zurück. Bei der Entlassung wird F. 65 Jahre alt sein, „bestes Opa-Alter“, wie er sagt. „Auf keinen Fall werde ich noch mal Straftaten machen, einfach versuchen, das Leben in Ruhe zu genießen, auch mit wenig Geld!!!“, schreibt er in einem seiner Briefe.

Er müsse gesund bleiben, dürfe nicht auf dumme Gedanken kommen, nie mehr auf die schiefe Bahn geraten. „Ich versuche, hier keine Freundschaften zu schließen, weil ich der Meinung bin, dass dies nicht gut ist“, schreibt F. „Es kann nur einen Neuanfang geben, wenn man die Vergangenheit hinter sich lässt.“ Die JVA Werl ist ein Hochsicherheitsgefängnis, rund 900 Häftlinge, 100 sitzen lebenslang. Schwere Jungs. Einmal schickt F. auch ein Foto von sich. Er trägt hellbraune Gefängniskleidung, seine Haut ist bleich, das Haar ergraut, als seien die Farben in den Jahren hinter Gefängnismauern aus ihm gewichen. Ein kleiner, hagerer Mensch. Seine ältere Tochter sage ihm immer, dass beim Weihnachtsessen seit vier Jahren auch für ihn ein Teller auf dem Tisch stehe, er sich aber ja entschieden habe, nicht zu kommen. „Letztlich hat sie recht“, sagt F. „Meine jüngere Tochter sagte auch mal, wenn Mama noch leben würde, wüsste sie nicht, ob sie mir das alles verziehen hätte. Ich bin der einzige Elternteil, der noch da ist.“ Sein rheinländischer Akzent lässt die Stimme oft heiter klingen, nun klingt sie dringlicher.

Was hilft Ralf F. beim Durchhalten der Haftstrafe?

Was trägt einen Menschen durch solch eine Zeit? Wenn doch das Leben größtenteils aus Warten besteht. Wie kommt ein Mensch hinter Gittern voran – auf neue Gedanken? Ralf F. schreibt, ohne die Kirche, ohne seinen Glauben, sei alles im Gefängnis schwerer zu ertragen. „Ich hatte vor meiner Inhaftierung nicht wirklich viel mit der Kirche zu tun“, schreibt er. Glaube spielte keine Rolle. Erst hinter Gittern begann das Umdenken. Ralf F. pflegt als Küster die Kirchenräume in der JVA, er bereitet die Gottesdienste vor, hilft den Gefängnispfarrern bei ihrer Arbeit. Als Küster ist F. sowohl für die katholischen als auch die evangelischen Seelsorger tätig. In der Kirche finden Bibelseminare, Glaubenskurse, Gesprächskreise für die Inhaftierten statt. F. rückt dann Stühle und Tische, verteilt Liedermappen und Bibeln, kocht Kaffee, richtet Kekse an. Außerdem gibt es viele Gesprächsgruppen in der Gefängniskirche. Ehe- und Partnerschaftsseminare, die Gruppe „Langes Leben“ richtet sich an Menschen, die getötet haben. Einem seiner Briefe legt F. Fotos der Gefängniskirche bei.

Zu sehen ist ein großer, schlichter Raum, verzierte Holzbalken, Jugendstil-Charme. Der Altar, das Kruzifix, eigentlich alles ist aus Holz. Ist im Zweifel wohl weniger bedenklich. Die Vorbereitung der katholischen Gottesdienste sei etwas umfangreicher, schreibt F., er ist auch für die Gewänder der Pastoren verantwortlich. Er bereitet den Gabentisch vor, sucht die passende Liturgie für den Gottesdienst raus, legt Gesangbücher aus. Bei Familienseminaren sei ihm wichtig, dass die Kinder ein paar Spiele bekommen, schreibt er. Er habe in der Kirche das Reden gelernt, sagt F., bei den Gruppentreffen, mit den Seelsorgern. Sich anvertrauen zu können, sich zu öffnen. „Wenn die Zellentür hinter dir zugeht, dann ist sie zu“, sagt F. „Man denkt dann, lass mich das hier überstehen, lass mich das schaffen. An etwas zu glauben, das hilft.“

Enkelkinder anrufen

Vor einigen Jahren starb F.s Frau früh an Krebs. Seine zweite Ehe zerbrach später an der Trinkerei der Frau. Mit dem Tod seines Vaters verlor F. den Halt, schreibt er. Es folgte eine erste Haftstrafe, F. hatte Geld in der Firma abgezweigt. Nach der Haft machte sich F. selbstständig, Landschafts- und Gartenbau, einen Vorbestraften wollte niemand einstellen. Sein eigenes Geschäft lief nicht gut. Irgendwann beginnt er zu betrügen, verkauft Landmaschinen und Bagger, die er selbst nur gemietet hat. Um die laufenden Rechnungen zu bezahlen. Anstatt mit seinen Kindern zu sprechen, Freunde um Hilfe zu bitten, hat er sich entschieden, zu betrügen. Er habe niemand belasten wollen, sagt F., heute bereue er das sehr. Dem ältesten Enkelkind habe er seine Tat versucht zu erklären. F. musste ihm versprechen, dass er so etwas nie wieder machen würde.

„An den Geburtstagen meiner Kinder oder der Enkelkinder schreibe ich immer einen Brief oder eine Karte, ich überweise etwas Geld, damit sie ein Geschenk kaufen können und ja, ich rufe auch immer an, um wenigstens am Telefon zu gratulieren. Das ist mir wichtig und unser Ritual an solchen Tagen“, schreibt F. Das seien die schwersten Tage. Wenn er spürt, dass die Zeit mit der Familie nicht zurückzuholen ist, dass die Enkelkinder größer werden und er selbst nicht dabei sein kann. Ist in der Kirche mal nichts zu tun, schreibt F. Briefe, viele Briefe. Manchmal 15, 20 Briefe auf einmal, an „alle möglichen Leute“, Familie, Brieffreunde. Als strecke F. seine Fühler nach draußen, vorsichtshalber in alle Richtungen. Die meisten Menschen aus seinem früheren Leben hätten sich nach der Inhaftierung von ihm abgewendet. Die größte Scham empfinde er gegenüber seiner Familie, sie habe er enttäuscht.

Neue Luft schnuppern

Seine Strafe empfinde er als gerecht. „Ich bin sicher nicht unschuldig, wenn man das für sich selber einsieht, hilft es, die Zeit hier zu schaffen.“ Wenn er draußen ist, würde er gerne weiter als Küster arbeiten. Vor ein paar Jahren stieß er in den Nachrichten auf ein Stellenangebot, das katholische Pfarrhaus in seinem Geburtsort stand damals leer, man suchte jemanden, der das Haus und die Kirche pflegen könnte, sich um den Kindergarten kümmert. Früher wäre so eine Anzeige an ihm vorbeigeflattert. Heute, sagt F., würde er alles für diese Aufgabe geben. Im Juli durfte Ralf F. für einen Tag das Gefängnis verlassen. Freigang unter Kontrolle, zwei Beamte in Zivil waren mit ihm. Er besuchte seine jüngere Tochter. Wegen der Pandemie war es ihm nicht erlaubt, beide Töchter zu sehen. Sie waren mit den Kindern wandern auf dem Ruhrwanderweg, saßen zum Frühstück in einem Café in der Sonne. Ralf F. besuchte das Grab seiner Eltern, lud alle auf ein Eis ein. „Ich habe die Freiheit genossen, die Luft zu schnuppern an der Ruhr und im Wald“, sagt er am Telefon. Seine Stimme verändert sich, er gluckst, wenn er von diesem Tag spricht. Das Geld, das er eigentlich zum Einkaufen mitgenommen habe, hat er seinen Enkelkindern gegeben. „Mir war einfach nur wichtig, die Kinder zu sehen, ich möchte einfach nur Stunden mit meiner Familie verbringen, alles andere ist mir egal“, sagt er. Im Oktober darf er voraussichtlich seine ältere Tochter sehen. F. schreibt: „Schon jetzt lebe ich für diese Tage.“

Jonas Weyrosta | Lizensiert: Die ZEIT – Christ & Welt, 17.9.2020

 

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