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Gedenktag feiern, wenn die Pandemie überstanden ist?

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Kantinenbereich der Justizvollzugsanstalt Essen mit Erinnerungsplakat an die Zeche Zollverein und den Knastladen. Foto: Achim Pohl.

Was der Text aus dem Buch Exodus beschreibt, und was wir heute erleben, das weist verblüffende Ähnlichkeiten auf. Da feiern wir mit fünf Personen stellvertretend eine Liturgie, die unter normalen Umständen für Viele zum Kostbarsten des Jahres zählt. Die, die gerne hier wären, sitzen zu Hause um den Tisch und gestalten diesen Abend als Hausgebet im privaten Kreis oder verbinden sich mit uns dank der Technik auf geistliche Weise. Seit Wochen bringen wir dieses Opfer. Wir verzichten auf einen Großteil unserer Freiheitsrechte, nicht zuletzt auf das Grundrecht einer freien Religionsausübung. Wir opfern zentrale Elemente einer freiheitlichen Gesellschaft – und nehmen die existentiellen, psychologischen, wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen in Kauf.

Mehr noch: Wir übernehmen die Folgen der sozialen Abschottung solidarisch und wissen, dass dies unsere Gesellschaft einschneidend verändern und über einen längeren Zeitraum belasten wird. Und wir tun das, um Leben zu retten und vor allem die Schwachen und Verwundbaren zu schützen. Ehrlich gesagt hätte ich mir noch vor wenigen Wochen nicht träumen lassen, dass so etwas möglich ist; und dass die übergroße Mehrzahl der Bevölkerung dem innerlich zustimmt. Bei aller berechtigten Kritik an den harten Maßnahmen macht mich dieses Ausmaß an gelebter Solidarität dankbar und zuversichtlich. In dieser so besonderen Situation wird uns heute Abend vom jüdischen Pessachfest erzählt, das auch die Wurzel unseres christlichen Osterfestes bildet. In gehörigem zeitlichen Abstand reflektiert dieser Abschnitt aus dem Buch Exodus den geschichtlichen Ursprung dieses Festes als Übergang eines Volkes aus der Sklaverei in die Freiheit.

Zeichnung von Anne Stickel aus der kolumbianischen Stadt Medellín.

Damals schon Krise ungekannten Ausmaßes

Und der Abschnitt legt die Regeln fest, wie dieser Wendepunkt in der Geschichte Israels mit einer jährlichen Festfeier markiert werden soll. Ganz genau ist der Ursprung nach so langer Zeit nicht mehr zu fassen, aber die tragenden Elemente bleiben greifbar: Es geht um Leben und Tod, um Freiheit oder Untergang, Zukunft oder Verderben. Eine Krise ungekannten Ausmaßes herrscht in Ägypten. Viel später wird man sie aus der Perspektive des Gottesvolkes als Heil für Israel und Gericht über Ägypten deuten. Und das vollzieht sich im Vorüberschreiten des Herrn, im Pessach Gottes. Was in dieser existentiellen Krise offenbar hilft, ist die soziale Abschottung, jede Familie für sich, höchstens noch die nächsten Nachbarn dazu. Die Türen sind geschlossen. Opfer sind nötig. Etwas davon sieht man den Häusern äußerlich an. Die Haltung drinnen ist aufgewühlt, angespannt, ernst, nicht heiter oder gar fröhlich.

Wie sehr ähnelt das unserer jetzigen Ausnahmesituation. Das Gottesvolk Israel hat aus dieser Lage später einen Gedenktag kreiert und feiert ihn bis heute als ein Fest für den Herrn. Denn er hat sich als Freund des Lebens gezeigt, der den Tod nicht will. Das wird die grundlegende Erfahrung Israels bleiben, auch in den vielen kommenden Zumutungen der Geschichte. Ob wir wohl auch einmal einen Gedenktag feiern werden, wenn wir diese weltweite Pandemie einigermaßen überstanden haben? Und ob wir Gläubige dieser Welt daraus ein Fest für Gott machen, weil wir ihn als Freund des Lebens erfahren haben?

Ungewissheit und Zumutung, Spannung auszuhalten

Bis dahin müssen wir aber wohl noch eine Weile aushalten, bis die Krise zu Ende ist. Das Nachdenken wird einsetzen über alles, was sich ereignet hat. Wir werden fragen, welche Lehren wir ziehen aus dieser Zeit und was wir in Zukunft ändern wollen. Das aber braucht Zeit und Tiefgründigkeit und Ehrlichkeit, die jetzt noch nicht wirklich gelingen kann, weil sie mit demütigen Einsichten verbunden ist. Jetzt, in der Phase des Kampfes gegen ein ungehemmtes Vordringen des Virus ist das noch gar nicht möglich. Im Gegenteil erleben wir doch, wie sich Wissen und Erkenntnis jeden Tag vergrößern und wie sich vor allem die Herausforderungen mit jedem Tag verändern.

Es ist recht hilfreich, sich die Einschätzungen in Erinnerung zu rufen, die Mediziner und Politiker noch vor zwei Monaten abgegeben haben. Da muss man nicht einmal die Arroganz des amerikanischen Präsidenten bemühen, um zu erkennen, wie wenig wir voraussehen konnten und wie ungenau die Prognosen waren. Diese Diskrepanz legt offen, wie begrenzt wir Menschen mit all unseren Plänen, Forschungen und unserem Vorsorgen wirklich sind – und wie ausgesetzt den unbändigen Kräften der Natur, die als gute Schöpfung unsere Heimat und zugleich in ihrer Zwiespältigkeit die größte Bedrohung jenes kostbaren Gutes ist, das wir Leben nennen.

Nicht willkürlich Schicksal spielen

Niemand von uns weiß, wie es für sie und ihn persönlich ausgeht, ob wir ein gutes oder ein tragisches Ende nehmen werden. Mit allen Menschen teilen wir diese Ungewissheit und die Zumutung, diese Spannung auszuhalten und in positive Lebensenergie umzumünzen. Als gläubige Menschen wissen wir uns gehalten, und das gibt uns Kraft. Darum feiern wir diese Heiligen Tage und brauchen sie gerade in dieser Ausnahmesituation. Denn so vergewissern wir uns: Letztlich trägt uns einer, der uns liebt, der nicht Kosten und Nutzen kühl kalkuliert und schon gar nicht willkürlich Schicksal spielt, sondern mit Herzblut bis zur Hingabe seines Lebens dafür steht, dass wir leben werden.

Hat Jesus gewusst, was ihn sein Einsatz aus Liebe kosten würde? Wenn das Johannesevangelium davon spricht, dass Jesus „wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüber zu gehen“ (Joh 13,1), dann bedeutet das: Ja, Jesus kannte den Preis seiner unbedingten Liebe zu uns. Er war bereit, das Opfer zu bringen, durch das bei diesem Übergang, bei diesem Pascha die Gotteserfahrung als eindeutig bestätigt würde: Gott ist ein Freund des Lebens, er will nicht den Tod. Aber dieses „Wissen“ bedeutete keineswegs, dass es Jesus auch nur einen Deut leichter gefallen wäre als irgendjemand sonst, sein Leben zu riskieren im Einsatz für andere. Diese Bereitschaft des Herrn ist es, die wir heute dankbar, doch auch mit innerer Erschütterung bestaunen. So weit reicht seine Liebe. Jesus hat uns ein Beispiel gegeben. Darum ist heute auch ein guter Abend, dankbar an all die zu denken, die sich so beispielhaft einsetzen an der Seite der Kranken und Schwachen und dabei viel riskieren. Ich finde, auch das ist staunenswert, ein Beispiel, damit auch wir so handeln, sagt Jesus.

Predigt von Bischof Dr. Georg Bätzing | 9. April 2020
Lesungen: Ex 12, 1 Kor 11 | Evangelium: Joh 13, 1–15

 

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