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“Hallo Gott…” Ein Brief eines Inhaftierten der JVA Würzburg

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In der Justizvollzugsanstalt Würzburg schreibt ein Inhaftierter einen Brief an Gott. Wer ist Gott? Ein alter Mann im Himmel, der einen Plan für mein Leben hat? Sicher nicht… Es ist kein Außengott, sondern Göttlichkeit, die in mir Grund gelegt ist. Und dies trotz Dunkelheiten, Abgründen und Verwerfungen. Es ist ein Mitgeher-Gott, jemand, der mich begleitet und stärkt. “Hallo Gott”, so kann man sagen, “wie kann ich als Gefangener in (m)einer neuer Welt leben?” Viele Fragen, die in sich schon Antworten sind.

Hallo Gott*,

ich dachte immer, ich wäre ein guter Christ. Klar, ich habe die ein oder andere Sünde begangen, aber ich ehre meine Eltern, gehe keinem auf den Geist, belüge, betrüge und hintergehe niemanden. Ich fand, dass Christ sein gar nicht so schwer ist. Einfach chillen, die anderen in Ruhe lassen und keine Sünde begehen. Aber dann las ich einige Stellen in der Bibel und jetzt weiß ich nicht mehr weiter. Ich musste dir diesen Brief schreiben.

Ist es wahr, dass du uns zu 100%  willst? Wir sollen alle Brücken unseres alten Lebens einreißen und dir folgen? Folgen bis in den Tod? Nichts ist mehr relativ, alles wird absolut! Du zerstörst unsere Komfortzone. Reicht es nicht, sonntags in die Kirche zu gehen und dein Wort zu hören? Ist es nicht genug, nicht zu sündigen? Stimmt es, dass es gar nicht darum geht, in den Himmel zu kommen, sondern dein Reich hier auf Erden zu bauen?

Dein Himmel ist aufgebaut auf dem Prinzip der Liebe. Reichtum, Wohlfahrt, Glück sind keine Leitbilder mehr? Gott, ich fühle mich ohnmächtig, ich bin Gefangener meiner alten Welt. Ich denke an meinen Job, sehne mich nach meiner Familie und müsste aber loslassen. Ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Das, was Jesus uns sagt, ist, dass es „ein bisschen Christ“ nicht gibt. Ich bin jetzt da, sprich zu mir guter Gott. Ich will dir zuhören und weiß, dass in meinem Leben kein Stein auf dem anderen bleiben wird.

Ein Inhaftierter der JVA Würzburg

 

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