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Durch die Pandemie neue Normalität: Gefangen-sein

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Corona hat das Leben verändert – und das nicht zu knapp. Das gilt auch für den Strafvollzug und für die Gefängnisseelsorge. Seit über zwei Jahren gibt es Beschränkungen. Manche Menschen werden von der Pandemie in ihrer Existenz bedroht, für alle ist sie lähmend. Menschen, die im Gefängnis leben oder arbeiten, oder von „draußen“ eine Verbindung zum Gefängnis haben, schildern ihre Erfahrungen der Lähmung und welche Energien notwendig sind, diese zu überwinden. Sichtweisen von unterschiedlichsten „Akteuren“ aus der hessischen JVA Butzbach.

Es war Ende Februar 2020 als uns das neuartige Corona-Virus erstmals erreichte. Es herrschte zunächst große Verunsicherung. Aus Italien ereilten uns furchtbare Nachrichten über Aufstände von Gefangenen, die aus Angst vor dem Virus nicht aus der Freistunde zurückkehren wollten. Diese Aufstände wurden gewaltsam niedergeschlagen. Um uns gegenseitig vor der hoch ansteckenden Krankheit zu schützen, zeigten alle große Solidarität. Es wurden umfangreiche Beschränkungen eingeführt, die insbesondere für die Gefangenen große Einsamkeit bedeuteten. Im Sommer 2020 machte sich Hoffnung breit. Erste Lockerungen im Vollzugsalltag konnten erfolgen. Im Herbst 2020 ereilte uns ein Rückschlag. Dennoch war die Hoffnung weiterhin groß, die Pandemie im Jahr 2021 durch Impfungen der Bediensteten und Gefangenen beenden zu können. Das stetige Auf und Ab infolge der neuen Virus-Varianten, dem Fortschreiten der Impfungen und der damit einhergehenden Anpassung von Regelungen bedeutete nicht nur für die JVA Butzbach immer wieder eine neue Kraftanstrengung.


Zeichnung: R.J.

Ich nehme aber nur Biontech!

Medizinischer Dienst

Erstes Treffen mit Abteilungsleitern zur Erklärung der Erkrankung im Januar: Hervorragende ausgewogene Versammlungen mit Stationssprechern, JVA-Leitung und medizinischem Dienst im dritten Obergeschoss. ,,Stuhlkreis“ mit vielen Fragen und Antworten immer auf dem aktuellen Stand des Wissens und der Pandemie. Eine bizarre Situation. Unsere Klienten sind hier, da sie befristet eine Gefährdung für die Allgemeinheit darstellen und jetzt – vertauschte Rollen. Gefährdung der Einsitzenden durch das Personal und alle Kräfte, die zwischen drinnen und draußen wechseln können und so die Infektion einschleusen können. Viel Verständnis von Seiten unserer Klienten.

Ab April 2021 beginnend Corona-Erstimpfungen und im weiteren Verlauf Zweitimpfungen. Geschafft. Im Sommer hat jeder lmpfwillige ein Impfangebot erhalten. Wir wurden ablaufmäßig immer besser; wofür eine Sporthalle so alles gut ist. Wie bei einem Turnier gab es immer einzelne, die wie das Pferd vor dem Hindernis scheuten und dann die Auffrischimpfung verweigerten. Manche ließen sich dann doch später überzeugen. ,,Ich nehme aber nur Biontech! Ich vertraue nur Sputnik!“. Wie beim Metzger: ,,Ich hätte gern 100 Gramm Bierschinken in Scheiben, sie können es auch gerne anschreiben.“ ,,Wünsch Dir Was“ für Große. Was mich aber wuschig macht, sind die beratungsresistenten Impf-Bedenkenträger. Ich kenne noch die Diskussionen um die Sicherheitsgurtpflicht. „Wenn ich in den Kanal fahre, kann ich mich nicht befreien und ertrinke.“ Heute wird ein nicht angelegter Gurt zu Recht bestraft. Der angelegte Sicherheitsgurt hat unendlich viele Leben gerettet. Bei der Impfung ist es genauso. Wir alle leiden unter den Folgen dieses egoistischen Handelns Einzelner, die sich der Impfung verweigern. Eine spannende Zeit, die noch längst nicht überstanden ist. Ich stehe bereit zu helfen.

Dr. K.F. Benczek, Anstaltsarzt


Zeichnung: Alex

Verwandtschaft in aller Welt sehen

Besuchsabteilung

Die Sorgen der Gefangenen waren mit Beginn der Pandemie greifbar: Was ist da draußen eigentlich los? Wie geht es meinen Liebsten? Werde ich sie überhaupt wiedersehen? Der Besuch war storniert! Die Distanz zu den Besuchern – egal ob Freunde, Eltern, Geschwister oder Kinder – machte Panik und Angst, und somit vielen sehr zu schaffen. Also wurde überlegt, etwas entwickelt und gehandelt: Der Skype-Besuch wurde eingeführt. Die Verwandtschaft in aller Welt konnte wiedergesehen werden – egal ob in der Türkei, Armenien, Frankreich, Afghanistan, Marokko oder Russland. Die Ferne wurde für zwei Stunden im Monat aufgehoben. Der Gefangene war ganz nah an seinem Zuhause. Viele hatten sich Jahre nicht gesehen.

So kam es, dass die Ehefrau im Krankenhaus mit dem Neugeborenen in den Monitor strahlte. Für den Onkel wurde jetzt mit gewürfelt beim Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel. Kinder präsentierten stolz Schulranzen und machten mit dem Vater Hausaufgaben. Neuanschaffungen im Haus oder in der Wohnung wurden gezeigt. Die Oma im Krankenbett konnte gesehen und gesprochen werden. Mütter ließen Einblicke in dampfende Kochtöpfe zu. Die alten Kumpels saßen gemeinsam vor den Bildschirmen und die neue Freundin zeigte, wie sie wohnte. Ein Stückchen Freiheit, ein Gefühl von Privatspäre und ein Einblick in das Leben hinter Mauern, den es vorher nicht gab

Dann startete auch wieder der Regelbesuch. Das Tragen von Masken, die Plexiglasscheibe, die weniger gewordenen Besuchsplätze und der erhöhte Lautstärkepegel strengen sehr an. Berührung verboten, Verbeugung verboten, Maske abziehen verboten, kleine Kinder verboten. Uneinsichtigkeit und Frust führen zu Diskussionen in der sowieso sehr knappen Zeit – ändern ließ sich dies erstmal nicht. Die Einen nahmen es hin, die Anderen verzichteten alsbald und skypten nur noch. Die Hoffnung auf Normalität ist bei allen groß. Der Anfang durch Lockerungen ist gemacht – keine Plexiglasscheiben, endlich wieder Umarmen, Kinder dürfen mitkommen unabhängig davon, wo sie wohnen. Lockerungen nur für die Geimpften? Ein Spiegel der Außenwelt auch innerhalb der Mauern. Es stellt sich manchen die Frage: ist der Schutz des Einzelnen dadurch denn nicht noch mehr in Gefahr? Wird dies noch eine weitere Belastung oder empfindet man das als ersten Schritt zum „Damals“?

S. Leib, Vollzugsbeamtin der Besucherabteilung


Zeichnung: Herrmann

Gesellschaftsmitglieder gleichen Ranges

Inhaftierter

Es war im Januar 2020. Eines Morgens kam ich in die Elektriker-Werkstatt und es stand ein mannsgroßes Paket da, mit einem Bodenschrubber als Inhalt. Da habe ich aus einem Reflex heraus auf den Lieferschein geguckt. Denn ich wollte wissen, ob das Paket aus China kommt – wie gewöhnlich eigentlich alles. Und wie erwartet und zugleich voller Sorgen musste ich feststellen, dass das Paket tatsächlich aus China kam und auch noch aus Hubei, also aus der Provinz, in der die notorische Stadt Wuhan liegt. Mein Chef fragte mich was ich da am Paket zu schaffen habe. Ich erwiderte, dass ich in den Nachrichten die besorgniserregenden Bilder aus China gesehen hatte, wo gerade wegen eines Virus Chaos herrscht, und Hallen und andere riesige Räumlichkeiten mit Feldbetten zu Quarantäne-Plätzen umfunktioniert werden, usw. – und dass ich mir Sorgen mache. Da sagte mir mein Chef, dass ich mir um nichts sorgen zu machen brauche und dass alles ok sei. Tja, etwa vier Wochen später war selbst die JVA Butzbach im Lockdown.

Aus diesem persönlichen Erlebnis weiß ich nun, dass die Welt nicht mehr das ist, was sie einmal war. Wenn vermutlich der alltägliche und belanglose Verkauf eines Tieres, in der hintersten Ecke eines Dorfbasars, in dem entlegensten Stadtteil einer unbekannten Stadt im tiefsten China, unmittelbar zur Folge hat, dass u.a. auch ich hier am anderen Ende der Welt meine Arbeit niederlegen und im Gefängnis zusätzlich isoliert werden muss; ja dann ist irgendetwas anders.

Wir Gefangenen haben die Pandemie mit gemischten Gefühlen erlebt bzw. erleben sie noch. […] Für uns Gefangene wurde das unbehagliche Gefühl deutlich, dass nun alle Welt ihre (Bewegungs-)Freiheit eingebüßt hatte. Von heute auf Morgen konnten wir uns nicht mehr als „die Gefangenen“ bezeichnen, sondern das Gefangensein war zur neuen Normalität geworden. D.h. wir waren plötzlich Gesellschaftsmitglieder gleichen Rangs. Aber dieses Gefühl war eigentlich nicht von Wert; im Gegensatz zu dem besorgniserregenden Empfinden, dass in einem Worst-Case-Szenario, d.h. im Falle eines Entgleitens der gesellschaftlichen Ordnung inmitten des Pandemie-Chaos, zuallererst wir Gefangenen als gemeinhin die an der niedrigsten Sprosse der zivilisatorischen Leiter hängende Gesellschaftsschicht entbehrt werden. […] So kitschig sich dies auch anhören mag, die Welt ist aufgrund der Globalisierung wirklich zu einem kleinen Dorf geworden. Wer daran noch zweifelt, den erwischt sicherlich die nächste Pandemie – wenn nicht diese.

J.T., Gefangener


Zeichnung: Alex

Ein Glück, dass ich im Knast bin

Allgemeiner Vollzugsdienst (AVD)

Die Pandemie – allein das Wort zu schreiben ist schon schrecklich. Einen Feind, den man nicht sehen, schmecken oder fühlen kann, welcher auch nicht vor Gefängnismauern haltmacht. Dieser Feind, das Virus SARS-CoV-2 welcher innerhalb der Mauern bei vielen Gefangenen Verunsicherung, Angst, aber auch Schutzempfinden ausgelöst hat. Ein Gefangener sagte kürzlich zu mir, als die Zahlen mal wieder erschreckend hoch waren: ,,Was ein Glück, dass ich hier drin bin.“ Es war schon komisch, so etwas von einem Gefangenen zu hören, weil man sonst eigentlich nur das Gegenteil kennt.

Auch der Umgang mit den Kollegen, dieses unbekümmerte, unbeschwerte Gefühl, ist umringt von Distanz und nicht mehr von Nähe. Weil dieses Virus auch vor Uniformträgern keinen Halt macht. Der Uniformträger, welcher sowieso schon keinen leichten Job hat und sich ständig mit neuen Verordnungen des Landes und somit der Anstalt arrangieren muss. Diese zermürbende Doppelbelastung aufgrund der Pandemie trifft sämtliche Abteilungen innerhalb der Anstalt. Es müssen mehr Freistunden und Duschtouren abgewickelt werden, um die Gefangenenanzahl in diesen Bereichen geringer zu halten. Dies sind nur zwei Beispiele, welche enorm viele Bedienstete binden und somit die Zeit für andere wichtige Tätigkeiten reduzieren. Es gab Zeiten, da gab es im Tagdienst ständig Durchsagen des Zentralbeamten zu den abteilungsweisen Freistunden und zum Duschen. Da konnte man den Eindruck gewinnen, das die Gefangenen dauerhaft in den Freistunden oder am Duschen sind. Anfänglich löste das Virus in der Gesellschaft das Gefühl aus: „Wir schaffen das schon, wenn wir alle an einen Strang ziehen.“ Nun gehen wir schon in das zweite Jahr und die Gesellschaft ist gespalten, zerrüttet, genervt, verunsichert, ungläubig, getresst und leider immer wieder gewaltbereit.

E.B. Vollzugsbeamter


Zeichnung: Herrmann

Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt

Sozialdienst

Mein Dienstbeginn im September 2020 in der Justizvollzugsanstalt Butzbach war geprägt von vielen Veränderungen, die nicht nur bedingt durch den Arbeitsplatzwechsel, sondern auch durch die allgegenwärtige Pandemie eher einem Abenteuer und dem Beginn einer Reise als einem „Ankommen“ glich. So musste ich nicht nur fachlich Vieles hinzulernen, sondern auch einen Arbeitsplatz, der sich gefühlt hinter Masken, Telefonkonferenzen und Abstand ,,versteckt“ hat, erlernen. So habe ich meine KollegInnen zuallererst durch ihre Stimmen kennengelernt und unter besonderen glücklichen Umständen auch mal ohne Maske. Fast wie ein Maskenball. Bei manchen KollegInnen weiß ich bis heute nicht, wie sie ohne Maske aussehen.

Vor kurzem sagte ein Gefangener, den ich schon seit längerer Zeit betreue und welcher mich beim Maskenwechsel sah, ,,Sie habe ich mir aber ganz anders vorgestellt!“. Mit dieser Aussage hat es der Gefangene auf den Punkt gebracht. Haben wir uns unser Leben, seit Beginn der Pandemie, nicht alle anders vorgestellt?! Abstände, Angst, Bedenken, Einschränkungen, Vorbehalte, Ablehnungen und vieles mehr bestimmen unser Leben und den gemeinsamen Umgang. Was macht dies mit mir, mit uns!? Ich weiß es nicht und so begebe ich mich weiter auf diese Odyssee mit der Hoffnung auf einen guten Ausgang und mein „Ankommen“.

L. Brandt, Sozialdienst


Zeichnung: Kozlowski

Man darf sich nicht anfassen

Gefängnisseelsorge

Das Lachen der Kinder ist am Besuchstag verstummt. Jede Fahrt zum Besuch in die JVA löst gemischte Gefühle aus. Dürfen wir als Angehörige heute überhaupt rein? Sind die Einlassregeln wieder verschärft worden? Sagt der der freundliche Herr an der Pforte wieder: „Tut mir leid, aber seit gestern dürfen Kinder unter 12 Jahren nicht mehr mit zum Besuch kommen“, so eine Aussagen einer Angehörigen. Fassungslos stehen die Mütter und Kinder an diesem Tag vor der JVA. Die Wut, der Ärger und die Ohnmacht gegenüber dem Vater, der sie in die Situation gebracht hat, brechen auf der Rückfahrt aus den Kindern heraus. Diese und ähnliche Situationen beschäftigen mich seit  zwei Jahren in der Arbeit mit den Familien. Um es klipp und klar zu sagen: Die sich immer wieder verändernden Zulassungsbedingen zu den Besuchen in der JVA sind nicht willkürlich oder gegen die Kinder gerichtet, sondern zum Schutz der Männer in der JVA vor dem Ausbruch einer Coronainfektion, die möglicherweise einen Flächenbrand auslösen könnte.

Trotzdem, der kurze Lichtblick, dass für zwei Monate wieder Familienbesuche in Begleitung der Fachdienste oder der Seelsorge stattgefunden haben, hat mir vor Augen geführt, wie sehr die Kinder unter dem Entzug des körperlichen Kontaktes und während 1,5 Jahren ohne Besuchsmöglichkeiten für Kinder unter sechs Jahren gelitten haben. Die Besuche, die ich in dieser Zeit durchgeführt habe, haben mein Herz weit gemacht. Es waren viele unbeschwerte Stunden für die Familien. Es wurde gelacht und gespielt und für zwei Stunden konnte Corona, wenn man das Tragen der Masken einmal außer Acht lässt, aus dem Fokus geraten. Jesus sagt: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes“ (Mk 10,14). An dieser Aussage Jesu halte ich fest und formuliere sie um: ,,Wir lassen die Kinder so schnell wie möglich wieder zu ihren Vätern kommen und ihr Lachen erfüllt die JVA!“

Barbara Zöller, Pfarrerin, Angehörigenseelsorge


Zeichnung: Herrmann

Auch die Pandemie hat eine gute Seite

Muslimische Seelsorge

Weit entfernt von Fakten, Zahlen und schrecklichen Nachrichten, die uns seit Beginn der Corona-Pandemie alltäglich erreichen, glaube ich im tiefen Herzen, dass auch diese Pandemie eine gute Seite hat. Auch wenn sie noch viele Gefahren und Ängste verbreitet, ist sie dennoch eine Chance zur Selbstfindung und Weiterentwicklung, eine Chance, viele Dinge, Ideen, Beziehungen, Prioritäten zu überdenken und neu zu gestalten und nicht zuletzt eine Chance, all die Segnungen in unserem Leben zu erkennen, anderes wahrzunehmen und zu genießen. Seit ca. zwei Jahren mache ich – wie viele Menschen auf der ganzen Welt – neue Erfahrungen: Lockdown, Isolation, Homeoffice, Homeschooling, Onlineveranstaltungen etc.! Auch wenn sie zum Teil schwer und schmerzlich sind, geben mir diese Erfahrungen die Gelegenheit, zu klären, was ich brauche und was nicht. Viele Dinge, die ich früher als „notwendig“ betrachtet habe, habe ich auf einmal als „normal“ entdeckt. Ob es sie gibt oder nicht, macht inzwischen keinen Unterschied.

Auch in der Vollzugsanstalt Butzbach musste ich neue Erfahrungen machen Gottesdienste und Gesprächskreise fanden zeitweise pandemiebedingt nicht mehr in Gruppen statt. Dafür hatte ich Zeit für viele gute einzelne Begegnungen mit Gefangenen und Bediensteten. Dabei war immer schön zu erleben, wie die Hoffnung auf einen besseren Morgen und die Perspektive trotz der schweren Umstände nicht verloren gehen. Mit Gefangenen, Bediensteten und SeelsorgerInnen musste ich diese schwere Zeit bewältigen. Alle mussten sich in der Kürze der Zeit an immer neue Corona-Regelungen anpassen. Dies ist aus meiner Sicht vorbildlich geschehen. Einen großen Beitrag dabei leisten die Gefangenen mit ihrem Verständnis und Ihrem Mitmachen.

Bei allen neuen Erfahrungen, die ich seit Beginn der Pandemie mache, denke ich immer an einen Koranvers, der gerade in schweren Zeiten, Hoffnung in der Seele weckt, eine erstaunliche Ruhe im Herzen schenkt, und motiviert, durchzuhalten und nicht aufzugeben: ,,… und es kann etwas geschehen, was euch zwar nicht gefällt, was aber gut für euch ist. Und kann etwas geschehen, was euch zwar gefällt, was aber schlecht für euch ist. Und all dies weiß Allah, ihr aber wisst es nicht.“ (Koran: Sure 2 / Vers 216)

Mohamed Mokhfi, Imam

 

 

Quelle: Eindrücke aus dem Gefängnis, Band 5
Herausgeber: Georg-D. Menke

2 Kommentare

  1. A.T., Vollzugsbeamtin sagt:

    Quarantäne ist alles, nur nicht einfach

    Die Pandemie und die daraus entstehenden Ängste verändern die Menschen. Der Mensch an sich ist ein soziales Wesen, welches den Kontakt und Austausch mit anderen Menschen braucht. All diese Bedürfnisse wurden stark eingeschränkt und haben zum Teil große Schäden in den Seelen der Menschen hinterlassen. Ich selbst versuche so wenige Kontakte mit anderen Menschen wie möglich zu pflegen. Dabei muss ich aufpassen, mich nicht zum verschro-benen Eigenbrötler zu entwickeln. Aber werde ich merken, wenn dies passiert? Reicht meinen Kontakten die kurze Zeit, die man sich nimmt, Veränderungen zu bemerken? Trauen sie sich, ihre Vermutung an mich heran zu bringen?

    Ich selbst nehme auch Veränderungen an anderen Personen wahr, habe aber nicht den Mut und die Kraft, sie darauf anzusprechen. Ich versuche, zusätzlichen Sorgen und Problemen aus dem Weg zu gehen. Seit ich wegen eines an Corona erkrankten Kollegen in Quarantäne musste, gehe ich mit sehr gemischten Gefühlen zum Dienst. Auch wenn ich alle Auflagen erfülle, wie Maske tragen, Abstand halten usw., sobald ich mich über einen längeren Zeitraum mit einer infizierten Person in einem Raum aufhalte, selbst mit Luftaufbereiter, werde ich in Quarantäne geschickt. Was sind also diese Maßnahmen wert, wenn sie in diesem Fall nicht vom Gesundheitsamt berücksichtigt werden, sie also nicht zur Verhinderung der Ansteckung angesehen werden?

    Quarantäne ist alles, nur nicht einfach. Meine Kontaktpersonen waren alle hilfsbereit, was meine Versorgung anging. Aber diese absolute Isolation ist grausam, die sowieso stattfindende Kontaktarmut wird auf „Null“ gefahren. Man selbst fühlt sich wie eine Aussätzige. Eine Erfahrung, auf die ich gerne verzichtet hätte. Wunderbar finde ich, dass man sich freiwillig kostenlos impfen lassen kann. Was ich als schlimm empfinde, ist die Art und Weise, wie man aus der Freiwilligkeit durch die Hintertür einen Zwang macht. Wer wird wohl als nächstes verdammt werden – die stark Übergewichtigen, die weiter essen; die Raucher, die weiter rauchen; die Extremsportler? Wo fängt es an, wo hört es auf? Ich hoffe immer noch auf einen guten Ausgang; noch mehr hoffe ich, dass diese Hoffnung nicht enttäuscht wird.

  2. Dr. Magdalene Kläver sagt:

    „Gott hat die Augen immer offen für uns, auch wenn es scheinbar Nacht ist.“
    (Johann Peter Hebel)

    Ich möchte hervorheben, wie sehr mich viele Beiträge der Denkschrift aus der JVA Butzbach berührt haben. Die Menschen, die sowieso schon in ihrer Freiheit begrenzt sind, mussten weitere stärkste Einschränkungen hinnehmen. Groß ist die Einsamkeit. Kontakt und Nähe, auch körperliche Nähe zu Familie, zu Kindern, werden schmerzlich vermisst. Aber auch die, die vermeintlich draußen in Freiheit leben, sind eingeschränkt und erleben dieses als Belastung. Es zieht sich wie ein roter Faden durch viele Beiträge, dass die Last der Kontaktbeschränkungen zu Familie und befreundeten Personen am stärksten
    empfunden wird.

    Aber in den Beiträgen werden auch positive Erfahrungen deutlich. Das Skypen wird für Angehörige ermöglicht. Plötzlich können Gefangene Angehörige, die im Ausland leben, zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder sehen. Die JVA wird von den Gefangenen als sicherer Ort vor Corona empfunden. Insofern werden die strengeren Regeln verstanden, weil sie die Gefangenen schützen sollen. In den Beiträgen findet sich Lob für ein kluges Management der Anstaltsleitung. Diese positiven Aspekte sind wichtig. Jedoch haben sie natürlich nicht die große Einsamkeit verhindern können. Das machen die Beiträge ganz deutlich.

    „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen.“ (Hebräer 13,3)

    Trotz aller Einschränkungen, und auch das belegen die Beiträge in der Denkschrift, hat die Seelsorge unter den erschwerten Corona-Bedingungen weiterhin ihre wertvolle Arbeit geleistet: Dienst am Menschen, Glaubenszeugnis, Solidarität und Gemeinschaftsstiftung. Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch als Ebenbild Gottes. Diese Würde ist unverletzlich und kann nicht verloren gehen. Dieser wichtiger Aspekt ist schön umschrieben In dem Beitrag „Der kleine König“. Du bist ein Königskind, ein Geschenk Gottes, heißt es da.

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