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Imam und Sozialarbeiter: „Den Drehtüreffekt unterbrechen…“

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Handys sind verboten. Auf dem Flur gibt es ein Telefon – aber alle können mithören.

Im Berliner Jugendknast kennen viele Häftlinge den Autor ­Jonas Seufert – als Teil von „Zweidrittel FM„, einem Podcast über den Alltag in Jugendhaft. Bei ihm und dem Fotograf ­Jonas Ruhs hinterlässt der Besuch im Knast gespaltene Gefühle. Eine klare ­Antwort dazu, was Strafe bringt, sehen sie jedoch nicht. Ihnen und dem Co Autor Fabian Grieger treiben ­diese Fragen um: Ist es richtig, Menschen mit Haft zu bestrafen? Und wenn ja, wen und wie? Was bringt Strafe überhaupt? Ein Imam und ein Sozialarbeiter der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin in Charlottenburg-Wilmersdorf berichten über Taten, Vertrauen und Rückfallquoten.

Der Imam Ender Çetin wäre gern auch nach der Haft für frühere Häftlinge da. „Aber sie melden sich nie.“ Foto: Jonas Ruhs

Ender Çetin, 45 Jahre

Imam

Normalerweise freuen sich Imame, wenn viele ­Leute zum Gebet kommen. Ich bin traurig, wenn ich beim Freitagsgebet im Gefängnis viele Jugendliche sehe. Anscheinend sind Menschen religiös und trotzdem ­kriminell. Dabei ist Kriminalität etwas, das keine Religion gutheißt. Mein erster Eindruck vom Gefängnis war: dunkel, grau, beklemmend. Irgendetwas hat sich in mir gewehrt. Und doch wollte ich als Imam bewusst in die Jugendstrafanstalt. Ich kann mich mit vielen der Jugendlichen identifizieren. Ich bin in Neukölln aufgewachsen, als Kind typischer Gastarbeiter. Ich wollte damals auch zu den ­“ausländischen“ Gangs gehören. Die Gesellschaft sah uns als „Ausländer“, ich war in einer „Ausländerklasse“, das hat dazu geführt, dass wir uns solidarisiert haben. Mein Vater hat irgendwann entschieden, dass wir in einen anderen Bezirk ziehen. Wenn ich keinen Schutz gehabt hätte, von der Familie, von Freunden, wäre ich vielleicht auch in der Kriminalität gelandet.

Manchmal sagen mir Jugendliche: „Eigentlich ist es gut, dass ich hier gelandet bin. Draußen würde ich noch viel mehr Mist bauen.“ Ich unterstütze das: „Vielleicht hat etwas dazu geführt, dass du jetzt im Gefängnis bist, vielleicht wollte Gott es irgendwie. Um dich zu beschützen vor schlimmeren Dingen, die am Ende lebensgefährlich sein können.“ Ich sage aber auch: „Du kannst nicht alles auf Gottes Willen schieben, du bist verantwortlich für deine Taten – und für deine Zukunft.“ Viele Jugendliche kennen die Strafe aus der Religion. Gott bestraft dich, wenn du dies tust oder das nicht tust. Ich möchte aber, dass die Jugendlichen einen barmherzigen Gott kennenlernen. Wenn alles, was du eigentlich machen willst, haram ist, verboten, dann bleibt Religion doch fern und abstrakt. Dann ist klar: Ich kann das sowieso nicht umsetzen.

Gerade überlege ich, wie wir auch nach der Haft für ehemalige Gefangene da sein können. Viele Jugendliche versprechen anzurufen, wenn sie draußen sind. Aber sie melden sich nie. Wir könnten uns treffen, gemeinsam ­essen, Zeit verbringen, bowlen gehen. Mein Angebot ­wäre religiös, aber es könnte auch Sport sein oder gemeinsames Reisen. Wichtig ist eine Begleitung, die einen daran ­erinnert, dass es Alternativen gibt. Man muss nicht zurück in das alte Viertel, in den alten Freundeskreis. Ich würde mich freuen, wenn wir als Gefängnis-Imame Supervisoren besuchen könnten. Oft gehe ich nach Hause und belaste meine Frau mit den Geschichten der Jugendlichen, die ich tagsüber gehört habe. Sie berühren meine Frau und mich so sehr, dass wir manchmal anfangen zu weinen. Ich merke, dass sich viele Jugendliche vor mir schämen, im Gefängnis zu sitzen. Ich bin jemand aus ihrer eigenen Community, noch dazu mit einer religiösen Funktion. Ich wünsche mir, dass sie dasselbe der Gesamtgesellschaft ­gegenüber fühlen. In der Jugendstrafanstalt Berlin sind derzeit 271 Jugendliche inhaftiert. Das Gefängnis hat 323 Mitarbeitende. Die Jugendlichen verbringen im Durchschnitt 18 Monate in Haft.

Matthias Gutjahr

49 Jahre, Sozialarbeiter bei Gangway e.V.

Wir begleiten Jugendliche vor und nach der Haftentlassung. Unser Ziel ist es, den Drehtüreffekt zurück ins Gefängnis zu unterbrechen. Wir ­fragen: Was braucht der Gefangene, wenn er rauskommt? Hat er eine Wohnung, legale Papiere, eine Aussicht auf ­eine Ausbildung oder noch Schulden? Alle unsere Angebote sind freiwillig. Vor der Haftentlassung machen wir begleitete Ausgänge und holen den Inhaftierten am Tag der Entlassung an der Pforte ab, wenn er das will. Dann schleusen wir ihn durch den Ämterdschungel. Viele kennen sich nicht aus. Gehen sie einmal zum falschen Amt und werden weggeschickt, kommen sie selten wieder – und gehen ihren alten Weg.

Oft werden Entlassene rückfällig, wenn der Bedarf nach Geld groß ist. Manchmal werden die Leute mit einem Berg Schulden entlassen. Das können Anwalts- oder Gerichtskosten sein, die meisten sind aber verschuldet, weil sie sich so ihren Drogenkonsum finanziert haben. Für manche ist das Gefängnis die Rettung. Für diejenigen, die sich mit chemischen Drogen so runtergerockt haben, dass sie kaum 50 Kilo wiegen. Stichwort Crystal oder Heroin. Im Knast landen sie auf Entzug oder kriegen Medikamente. Das ist natürlich keine schöne Zeit, aber danach sieht es oft besser aus. Häufig sagen sie: Ohne das Gefängnis wäre ich tot.

Der Weg raus aus der Kriminalität ist trotzdem schwer. Viele haben in ihrem Leben einen miesen Start gehabt, da machen wir uns mal nichts vor. Sie haben ja nicht einfach so gesagt: Ich werde kriminell. In den meisten Fällen sind sie selbst Opfer gewesen. Die Arbeit kann frustrierend sein. Wir machen deshalb jeden Mittwoch in der Teamsitzung eine kurze Runde, in der wir alle positiven Sachen aus der vergangenen Woche aufzählen. Zum Beispiel ist heute ein Jugendlicher selbstständig um acht Uhr von Wilhelmsruh mit der S-Bahn nach Tempelhof zum Jobcenter gefahren, um sich da ­mittellos zu erklären und sich eine Barauszahlung geben zu lassen. Ich hätte alles gegen ihn gewettet. Solche Sachen merkst du dir. Rund zehn Prozent aller Inhaftierten in Deutschland sitzen „Ersatzfreiheitsstrafen“ in Gefängnissen ab, weil sie Bußgelder nicht bezahlt haben – etwa fürs Schwarzfahren. Rund 75 Prozent sind arbeitslos, ein Drittel suchtkrank.

Jonas Seufert, Fabian Grieger | Quelle: chrismon Magazin 7.2022

 

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