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Epidemie der Gewalt in Kolumbien ohne Strafverfolgung

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Nein, die Pandemie ist in Kolumbien weder Thema Nr. 1 noch unsere größte Sorge. Zwar gehörte Kolumbien lange zu den Spitzenreitern lateinamerikanischer Corona-Statistiken, jedoch entwickelt sich die Situation regional sehr unterschiedlich. Nachdem die Fallzahlen in Tumaco zunächst vermeintlich explodierten und wir auch das Centro Afro für fast drei Monate schließen mussten, zog der Alltag nicht nur aufgrund der wirtschaftlichen Not, sondern auch wegen der praktischen Unmöglichkeit einer totalen Ausgangssperre schneller wieder ein als die Regierung den Lockdown überhaupt aufheben konnte.

Natürlich sind wir noch längst nicht zur Normalität zurückgekehrt, denn spätestens beim Einkaufen wird man wieder an die Maskenpflicht mit Sicherheitsabstand erinnert, und auch die Schulen und öffentlichen Einrichtungen sind weiterhin geschlossen, doch was ist in Tumaco schon „normal“? Überlastete Krankenhäuser sind die Regel. Außerplanmäßig geschlossene Schulen oder abgesagte Veranstaltungen kennen wir nur zu gut auch im Zusammenhang mit Gewaltausschreitungen, Stromausfall, Unwetter oder Lehrerstreiks, und auch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit gehört aufgrund des bewaffneten Konflikts ohne-hin zu unserem Alltag dazu. In meinem unmittelbaren Umfeld hier in Tumaco hat es in all diesen Monaten außerdem kaum nachgewiesene Corona-Fälle gegeben – Gott sei Dank! Aufgrund der mangelhaften Gesundheitsversorgung und fehlenden Möglichkeit flächendeckender Proben haben die Menschen einfach mit traditionellen Kräuterbehandlungen auf verdächtige Symptome reagiert, ähnlich wie bei Malaria oder Dengue. So ist Tumaco bisher relativ glimpflich davongekommen, und wir hoffen natürlich, dass es keine zweite, möglicherweise viel schlimmere Welle geben wird.

Epidemie der Gewalt

Wenn es nicht Corona ist, was sorgt uns dann? Leider ist hier nach wie vor die Gewalt das bedrückendste Problem. Laut Angaben des Instituto de estudios para el desarrollo y la paz (Indepaz) hat es in Kolumbien bisher allein in diesem Jahr 77 Massaker gegeben. Afrokolumbianische Jugendliche und indigene Führungspersönlichkeiten, Journalisten und Umweltaktivistinnen, Menschenrechtsverteidiger und ganze Dorfgemeinschaften werden auch vier Jahre nach Unterzeichnung der Friedensverträge zwischen FARC-Guerilla und Regierung täglich bedroht, vertrieben und ermordet. Eine systematische Strafverfolgung gibt es ebenso wenig wie ernstzunehmende staatliche Bemühungen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Im August erreichte die Gewalt, besonders hier im Südwesten des Landes, einen erneuten Höhepunkt. Aus diesem Grund ergriff der Erzbischof von Cali, Monseñor Darío Monsalve, gemeinsam mit etlichen zivilgesellschaftlichen Organisationen die Initiative zu einem „Pakt für das Leben und den Frieden“, der u.a. die Erfüllung des Friedensvertrages von 2016, aber auch einen allgemeinen Waffenstill-stand und die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen mit der noch aktiven ELN-Guerilla einfordert. Den offiziellen Song zu dieser nationalen Friedenskampagne haben unsere Hip-Hopper des Centro Afro geschrieben und damit der Forderung der Jugend nach Frieden auf ihre ganz eigene Weise Ausdruck verliehen.

Die positiven Reaktionen in den sozialen, regionalen und nationalen Medien waren überwältigend. Seitdem haben unsere Jugendlichen diverse Interviews für Radio- und Fernsehprogramme gegeben und auch mich sehr stolz gemacht. Als wir die Band vor fünf Jahren ins Leben riefen, hatte ich natürlich die Hoffnung, dass die Musik ihr gesellschaftstransformierendes Potenzial für und durch die Hip-Hopper entfalten würde, doch dass es tatsächlich gelingen würde, lag zu diesem Zeitpunkt nicht nur in weiter Ferne, sondern auch in den Händen der Jugendlichen selbst. In-zwischen werden sie sogar von Universitäten und Schulen in der Hauptstadt für virtuelle Unterrichtseinheiten angefragt. Ihre Botschaft und ihr eigenes Lebenszeugnis ziehen wunderbare Kreise! Doch es geht uns natürlich nicht in erster Linie um die Außenwirkung, sondern vor allem um ganz solide Basisarbeit, in denen die Kinder und Jugendlichen jeden Tag aufs Neue mit anpacken und selbst Verantwortung übernehmen können.

Selbst aktiv werden

So haben die Hip-Hopper in den letzten Monaten auch ihr Musikstudio noch einmal ganz neu aufpoliert, feste Wände gemauert, verputzt und gestrichen und damit all die vielen Nebengeräusche von Tumaco nach draußen verbannt. Das ermöglicht eine viel bessere Aufnahmequalität. Seitdem kommen fast täglich neue Jugendliche ins Centro Afro, um ihre eigenen Lieder zu produzieren oder auch um Radioprogramme oder Werbespots aufzunehmen. Auch die Strategie einer bescheidenen Einnahmequelle für unseren DJ Wey beginnt so, sich zu erfüllen. Doch nicht nur unsere Musiker haben in den letzten Jahren erfreuliche Fortschritte gemacht. Die geduldige Ameisenarbeit im täglichen Miteinander trägt auch in den anderen Gruppen und dem Centro Afro als Ganzem erfreuliche Früchte. Dabei haben wir uns immer wieder ganz bewusst distanziert von der assistenzialistischen Vorgehensweise viel zu vieler Organisationen, die sich kaum die Mühe machen, lokale Ressourcen und Potenziale zu aktivieren, sondern mit Geldern und Personal von außen kurzfristige Initiativen starten, die anschließend ebenso schnell wieder einschlafen wie sie geboren wurden. Mein Einsatz und das Centro Afro hingegen setzen auf Langfristigkeit, denn nur so – und davon bin ich nach 8 Jahren in Tumaco überzeugter denn je – entstehen nachhaltige Veränderungen und verlässliche Strukturen vor Ort.

Die Theologin Ulrike Purrer lebt seit Jahren unter den Ärmsten der Armen in einem Holzhaus. Hier vor der „Casa Afro Juvenil“ mit Jugendlichen. Fotos: Adveniat

Zauberwort Nachhaltigkeit

Einen ganz besonderen Schritt in Richtung Selbständigkeit des gesamten Prozesses haben wir nun kürzlich in Angriff genommen: eine kollektive Einnahmequelle zur Finanzierung der Grundkosten des Centro Afro. Wir alle wissen, dass sich kein Jugendzentrum der Welt selbst trägt. Es wird immer externe Gelder für die Finanzierung von Personal oder größeren Anschaffungen brauchen. Doch die laufenden Ausgaben wie Strom und Internet, didaktische Materialien oder kleinere Reparaturarbeiten sollen nicht länger vom Wohlwollen Außenstehender abhängen, die ihre Unterstützung oftmals an eigene Bedingungen knüpfen. Immer wieder mussten wir uns in den letzten Jahren freischwimmen von den vermeintlich unterstützenden Interventionen nationaler Hilfsprogramme oder internationaler NGOs, die letztlich wenig Interesse am Centro Afro und den Biographien unserer Kinder und Jugendlichen zeigen, sondern vor allem ihre eigenen Ziele verfolgen.

So entstand also die Idee eines kleinen Kiosks und des Verkaufs von Speisen, die von den Jugendlichen selbst mit einem überschaubaren Aufwand zubereitet werden können. Einfache Holzwände mit Wellblechdach bunt angestrichen und pragmatisch eingerichtet, fertig war unser sogenannter Piqueteadero! Anfang November fand die feierliche Einweihung mit Segnung durch Padre Daniel und künstlerischem Begleitprogramm durch unsere Musiker, Tänzerinnen und Zirkusakrobaten statt. Jeder Jugendliche wusste um seine Aufgabe, von der Zubereitung und dem Servieren der Gerichte, über das Auffüllen der Wassertonne für den Abwasch und die Müllbeseitigung, bis hin zur Begrüßung der Gäste und lautstarken Einladung per Mikrophon.

So gingen bald eine Unmenge von Hot Dogs und Sandwiches, Pataconas und Obstsalaten, Fruchtsäften und frisch gebratenen Steaks über den Tresen. Die Einweihung hatte Volksfestcharakter, und die Jugendlichen waren begeistert. Und ich natürlich auch, denn so viel positive Energie und Engagement, nicht für den eigenen Geldbeutel, sondern für den Fortbestand des gemeinsamen Jugendzentrums, ist schon etwas ganz Besonderes. Der Piqueteadero hat nun täglich geöffnet, ist an vielen Abenden ein Magnet für die Jugend des Viertels und schreibt erste bescheidene, aber von Beginn an schwarze Zahlen. Es ist echte Teamarbeit, Jungs und Mädels stehen gleichberechtigt an Herd und Spülbecken, und selbst ich habe Dank dieser Initiative und meiner lieben Kollegin Jenny gelernt, einen Schnellkochtopf zu bedienen.

Tragische Schicksalsschläge

Es gäbe noch so viel Gutes aus diesem Jahr zu berichten, das so ganz anders war und doch auch wieder nicht – jedenfalls weniger dramatisch, als wir zum Zeitpunkt befürchteten. Da hatte die Bürgermeisterin von Tumaco gerade 500 Covid Grabstellen einrichten lassen. Dennoch hat die Pandemie die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur noch sichtbarer gemacht, sondern auch noch einmal deutlich vergrößert. Da tragen wir eine große gemeinsame Verantwortung. Ganz persönlich muss ich zugeben, dass mich diese letzten Monate emotional besonders viel Kraft gekostet haben. Ich hatte einige extrem tragische Schicksalsschläge zu begleiten. Psychiatrische Zusammenbrüche, Suizidversuche und Beerdigungen von Jugendlichen, Bedrohungssituationen gegen mir nahestehende Personen und nächtliche Schießereien in unserem Viertel. Außerdem ist den Kindern und Jugendlichen durch den Wegfall des Schulunterrichts während des gesamten Jahres einer der ganz wenigen Orte genommen worden, die ihrem Alltag Struktur geben. Das hat uns vom Centro Afro natürlich doppelt gefordert.

Hinzu kamen unzählige virtuelle Veranstaltungen, die mich teilweise an die Grenzen meines Zeitmanagements gebracht haben, denn fast alle Organisationen in Europa und auch hier in Kolumbien hatten auf Homeoffice umgestellt und sind offenbar davon ausgegangen, dass auch ich zu Hause sitze und darauf warte, per Internet zum Einsatz zu kommen. Stattdessen ist unser Centro Afro ja seit über einem halben Jahr bereits wieder rund um die Uhr geöffnet, so dass ich manchmal nicht mehr wusste, wo mir der Kopf steht. Dennoch wollte ich mich und uns nicht von dieser neuen Dynamik abhängen lassen, und so fand ich mich und meinen Laptop ständig in internationalen Konferenzen, Buchmessen und Diskussionsforen zu Menschenrechts- und Friedensfragen wieder, in Organisationsmeetings und Fortbildungsmaßnahmen der nationalen Jugend-pastoral, kirchlichen Partnerschaftsgesprächen und Interviews, während wenige (auch akustische) Meter neben mir 40 Kinder tanzten oder eine Soundprobe durchführten, Kostüme für ein Musical bastelten oder das Centro Afro für einen Taufgottesdienst schmückten.

Das Ganze natürlich immer begleitet von der Anspannung, ob wohl im entscheidenden Moment wahlweise der Strom oder das Internet zusammenbrechen oder ich auf irgendeine Katastrophe reagieren muss. Diese Gleichzeitigkeit von Präsenz vor Ort und in den verschiedensten virtuellen Räumen empfinde ich als unglaublich anstrengend, weil eigentlich keine der beiden Welten Rücksicht auf die andere nimmt, ich viel mehr als zuvor innerhalb weniger Minuten zwischen ganz unterschiedlichen Kontinenten und Realitäten hin- und her zwitschern muss, der Mensch aber ja auch durch Corona nicht mehr geistige Ressourcen oder mehr als 24 Stunden pro Tag zur Verfügung hat. Deshalb erlebe ich diese neuen Möglichkeiten der Vernetzung über Raum und Zeit hinweg zwar durchaus auch als Chance, hoffe aber dennoch, dass sich so bald wie möglich wieder die „echten“ Begegnungen als mehrheitsfähig durchsetzen. So freue ich mich auch sehr darauf, eines Tages mal wieder reisen und vielleicht sogar einen Heimaturlaub antreten zu können.

Ulrike Purrer, Tumaco, Kolumbien. Ein Personaleinsatz von COMUNDO

 

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