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Der Knast-Organist, den die Gefangenen lieben

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Erik Larsen könnte in jedem Wikinger-Film die Hauptrolle spielen. Rote Mähne, roter Bart – Erik Einar Larsen hat zwar nordische Wurzeln, ist jedoch vor 68 Jahren mitten in Wuppertal geboren worden und verkörpert genau das Gegenteil von einem kaltblütigen, kompromisslosen Krieger. Larsen ist ein starker Charakter, großherzig, hilfsbereit, ein wenig schräg im positiven Sinne und er besitzt einen feinsinnigen, trockenen Humor. Kurz: Kein Typ von der Stange. Und er hat zudem einen außergewöhnlichen Job: Er ist Organist im Knast.

Bei den katholischen und evangelischen Gottesdiensten in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal-Vohwinkel greift er in die Orgeltasten. Und da er hinter Gittern künstlerisch und liturgisch freie Hand hat, lässt er auch einmal Songs von Deep Purple oder aus den Kino-Klassikern „Star Wars“ oder „Der Pate“ in Messe und Abendmahl anklingen – Lieder, die garantiert in keinem kirchlich n Gesangbuch stehen. Es muss nicht immer Bach oder Mozart sein, so die Philosophie von Erik Einar Larsen, der an der Uni Wuppertal Schlagzeug und Klavier studiert hat. „Die Orgel ist sozusagen meine dritte Fremdsprache“, erklärt der sympathische Musiker augenzwinkernd.

Zur Musik kam er schon als kleiner Junge: „Im Kino meiner Großeltern stand noch ein Klavier aus alten Stummfilmzeiten. Auf dem habe ich dann so lange herumgeklimpert, bis es Opa Alfons zu uns nach Hause ins Wohnzimmer tansportieren liess“, erzählt Erik Einar Larsen. Aber wie landet man dann später im Gefängnis? Als Organist, versteht sich! Die Erklärung ist – so der Künstler – eigentlich ganz einfach. „Ein ehemaliger Musikschüler war Vikar in der JVA Simonshöfchen. Er bat mich vor 15 Jahren, eine Vertretung zu übernehmen. Ich fand die Atmosphäre im Knast spontan interessant und gab mir selbst lebenslänglich. Ich habe dann meine Orgelstelle in Hammerstein gekündigt, um mich in Zukunft auf die JVA zu konzentrieren.“ Erik Einar Larsen bekam von der Wuppertaler Justizvollzugsanstalt quasi einen Honorar-Vertrag auf Lebenszeit. Er hat ein offenes Ohr für die Probleme der Gefangenen, führt viele Gespräche mit ihnen, ist inzwischen sogar ehrenamtlicher Seelsorger.

Offenes Ohr für Probleme der Gefangenen

Der Organist mit dem großen Herz ist bei den Inhaftierten sehr beliebt. Sicher auch ein Grund, warum die Gottesdienste in der Gefängniskapelle besser frequentiert sind, als die in den meisten normalen Kirchen. Das Bemerkenswerte: Die Gefangenen verzichten dafür am Sonntag auf eine von drei Freistunden. Dafür erfüllt Erik Einar Larsen, der etwas andere Organist, während der Andachten, Abendmahle und Messen nicht selten auch den einen oder anderen Musik-Wunsch. Bei all der positiven Resonanz, bei all der Dankbarkeit, dass er ein guter Zuhörer ist und auch einmal Trost spenden kann, bekommt der Musiker auch die Schattenseiten des Knastlebens hautnah mit: Verzweifelte Gefangene, die ihre neugeborenen Kinder nicht sehen dürfen, denen der Besuch der Beerdigung eines engen Familienangehörigen verwehrt wird oder Gefangene, die keinen Ausweg mehr sehen und sich in ihrer Zelle das Leben nehmen.

Wie nah lässt Erik Einar Larsen das, was er in der JVA sieht, hört und erlebt überfhaupt an sich heran. Der Organist gibt offen zu: „Sehr stark! Und ich darf ja wegen der Schweigepflicht auch nicht mit anderen darüber reden, was mir wiederum auch gut tun würde.“ Zum Glück überwiegen die positiven Eindrücke ud Erlebnisse, die er mit nach Hause nimmt. Und so lag es für ihn nahe, 2015 sogar seine Hochzeit mit Ehefrau Silvia in der Gefängniskapelle der JVA Simonshöfchen, mit vielen Gefangenen als Zeugen, zu feiern. Nie vergessen wird er auch die Genesungskarte mit unzähligen Unterschriften, die er von Gefangenen nach einer Augenoperation erhielt.

Erik und sein kleiner Privat-Zoo

Und wenn er ehemalige Inhaftierte in der Stadt trifft, gibt es fast immer ein freundliches Hallo. Der Knast-Organist: „Ich hätte nie gedacht, dass es so viele davon in Wuppertal gibt.“ Auch wenn das Orgelspielen im Gefängnis seine Berufung ist, greift er nicht nur hinter schwedischen Gardinen in die Tasten: Er spielt bei bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, normalen Messen und Gottesdiensten. Die Musik spielt auch im Privatleben eine wichtige Rolle. Neben Schlagzeug, Orgel und Piano übt er sich jetzt auf der Posaune. Er kann es sich erlauben, das schmucke Mehrfamilienhaus in Heckinghausen, in dem er wohnt, gehört ihm und seiner Frau. Hier lebt er nicht nur mit seiner Silvia, sondern auch mit Katze, Fischen, Axolotln (mexikanische Schwanzlurche), Fröschen, Tausendfüßern, Rosenkäfern und einer Riesenschlange. Ein kleiner privater Zoo. Wie schon gesagt, Erik Einar Larsen, der etwas andere Organist.

Wer Hilfe braucht, bekommt sie auch

Dass der WSV-Fan ein grosses Herz besitzt, wurde bereits erwähnt. Wenn geholfen werden muss, packen er und seine Frau zu. In der Stadtzeitung erfuhr das Ehepaar vom traurigen Schicksal der Ukrainerin Krystyna Volobuiera, (38), deren Mann Sergey (41) bei der Flucht aus Mariupol von einem Raketentrümmerteil getötet wurde. Völlig traumatisiert kam die Witwe mit Tochter Elina (14) in Wuppertal an. Die Ukrainerin fällte schnell die Entscheidung, dass ihre Zukunft hier in der Bergischen Metropole liegen soll, deshalb wollte sie mit Tochter und Kater die Flüchtlingsunterkunft so schnell wie möglcih verlassen und in eine eigene Wohnung ziehen. Für die Larsens war sofort klar: „Hier müssen wir helfen. Wir hatten uns ganz klar dafür entschieden, unsere gerade frei gewordene Wohnung dem Menschen zu geben, der sie am nötigsten braucht. Dafür haben wir gern auf eine höhere Miete verzichtet.“ Und jetzt wohnen Krystyna, Elina und Kater Stiven zwei Stockwerke unter Erik Einar und Silvia Larsen. Auch im Privatleben hat der Organist den richtigen Ton getroffen und für eine „Ode an die Freude“ gesorgt.

Peter Pionke | Fotos: Paul Coon

 

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