Eine Delegation von GefängnisseelsorgerInnen aus Deutschland und Belgien besucht KollegInnen in Einrichtungen der Justiz in den Niederlanden. In der zweitägigen Begegnung stand die Gefängnisseelsorge in den gemeinsamen wie unterschiedlichen Systemen im Mittelpunkt. Vorausgegangen ist ein Besuch zweier KollegInnen aus den Niederlanden in der JVA Köln.
Longstay Einrichtung
Auftakt macht die Longstay Einrichtung „Pompestichting“ nahe dem Ort Zeeland. Sie wird von einer gemeinnützigen Stiftung betrieben. Nach den üblichen Sicherheitsvorkehrungen kommt die Gruppe bestehend aus GefängnisseelsorgerInnen von der JVA Lingen, Meppen, Herford, Siegburg und Würzburg zusammen mit einer belgischen Kollegin ins Gespräch mit der dortigen Leitung. „Eine wichtige Aufgabe in einer geschlossenen Einrichtung ist die Schaffung einer Umgebung, in der sich Menschen sicher und wertgeschätzt fühlen und Raum für ihre Entwicklung haben. In diesem Bereich untersuchen wir Themen wie Wohnklima, Beziehungssicherheit, Genesung und Lebensqualität“, so die Leiterinnen. Die forensische Psychiatrie hat um die 100 Plätze und liegt im Grünen neben einem Krematorium. Nach einem Rundgang äußert sich ein Kollege und meint: „Es ist zwar sehr grün hier, aber doch schon ziemlich trostlos.“ Ob dies nur eine Beobachtung von draußen ist?
Die dortigen SeelsorgerInnen bringen die Gruppe ins Gespräch mit einem Bewohner. Das Haus hat kleine Balkone, die vergittert sind. Ebenso gibt es auf dem Gelände Albakas und Ziegen. Der ältere Mann lächelt verschmitzt und sagt, was er den schon sagen könne. Trotzdem erzählt er, dass er gut leben kann in der Einrichtung. Es gibt einen Aufenthaltsraum mit Küche. Die Bediensteten sind eher unauffällig mit einem kleinen Justiz-Schriftzug und den Telefonen zu erkennen. Ein besonders wichtiges Ereignis war die Trauerfeier für einen Verstorbenen Bewohner, an der die Angestellten der Anstalt und die Bewohner gemeinsam teilnahmen. Sie wurde als sehr bedeutsam erlebt, da sie allen die Möglichkeit gab, die Beziehung zu diesem Menschen zu würdigen. Ein Kollege fragt nach, ob auch im Falle einer Entlassung eine Abschiedsfeier stattfände. Dies ist weder innerhalb noch außerhalb des gottesdienstlichen Rahmens der Fall. Hier zeigt sich, dass die Gestaltung von Übergängen aus der Haft in die Zivilgesellschaft, oder auch eine andere Haftform im System kaum gestaltet wird. Sie bleiben oft abrupt und unbegleitet. Eine Problematik, die den Gefängnisseelsorgern in Deutschland und in Belgien bekannt ist.
Das Gefängnis „Vught“
Das ehemalige Internierungslager Herzogenbusch (niederländisch Kamp Vught) war eines der fünf deutschen Konzentrationslager in den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg. Nach der Befreiung wurde es von den Alliierten als Lager für evakuierte Deutsche benutzt. In direkter Nachbarschaft befindet sich das heutige Gefängnis „Vught“. Nach einem „Herzlich willkommen, wir gehen direkt zum Krematorium“ durch den deutschsprachigen Guide, ging es über das Gelände dieses ehemaligen Lagers, dass als Umerziehungs- und Arbeitslager errichtet worden war und vielen Menschen das Leben kostete. Nach der Befreiung wurde das Lager mit den niederländischen Nazi-Kollaboratoren gefüllt. In späteren Jahren dienten dieselben Baracken zur Unterbringung von Einwanderern aus den ehemaligen Kolonialgebieten der Niederlande und ein Teil des Geländes wurde zur Haftanstalt Vught. In verschiedenen „unit“ (Einheiten), in sogenannten Hafthäusern, sind Inhaftierte untergebracht. Unter anderem werden Terroristen und Gewaltstraftäter in einem eigens gesicherten Hochsicherheitshaft untergebracht. Im Kontrast zu der am Vortag besuchten Einrichtung fällt auf: „Hier gibt es viel mehr gepflegtes Grün und schönere Außenbereiche.“
Im Austausch mit den niederländischen Seelsorgenden sticht hervor, dass sieben Religionen und Weltanschauungen in dem „Seelsorgeteam“ vertreten sind. So gehören der muslimische und der humanistische Seelsorger fest dazu. Für Hinduisten und Buddhisten werden von staatlicher Seite SeelsorgerInnen eingestellt, so dass das Team zu den besagten verschiedenen Denominationen kommt. Das sorgt für Erstaunen auf Seiten der deutschen und der belgischen Delegation. Ein angeregter Austausch über die Grenzen und Möglichkeiten bei der gemeinsamen Nutzung von Gebets- und Gruppenräumen folgt. Der multikulturelle Raum besteht aus einem mittigen Tisch in rund- oder quadratischer Form, der symbolisieren soll, dass alle Menschen an einem Tisch sitzen.
Inspiration durch Umgang mit italienischer Mafia
Im Hochsicherheitsbereich zeigen Grünanlagen ihre Grenzen auf. Der Aussenbreich besteht aus durch Gitter getrennten „Außenzellen“ die deutlich Assoziationen an das Gefangenenlager im kubanischen Guantanamo erwecken. Bei der Führung durch einen Bediensteten in diesem Bereich wird erfahren, dass gerade hier aber der einzige Ort sei, wo die Inhaftierten miteinander in Kontakt treten und ein Gespräch führen können. Ansonsten werden sie in strikter Trennung durch ihren jeweiligen Tagesrhythmus dirigiert. Die niederländischen Seelsorger berichteten, dass es in diesem Bereich üblich sei, dass immer zwei Seelsorger bei einem Gespräch anwesend sein müssen. Diese Sicherheitsmaßnahme wurde getroffen, um die Seelsorger vor Manipulationen zu schützen, nachdem es zu Erpressungsversuchen bei Anwälten gekommen war. Inspiration für die Maßnahmen und deren Abläufe wurden vor dem Bau dieses Haftbereiches in Italien eingeholt, wo auf die Erfahrungen im Umgang mit der italienischen Mafia zurückgegriffen werden konnte.
Wie der Bedienstete vor Ort bemerkt, gibt klare Regeln, nach denen jemand in eine solche Haftmaßnahme hineinkommt. Nicht so deutlich geregelt ist, was Kriterien für eventuelle Lockerungen im Strafvollzug sind. Klar wird, dass die politischen Tendenzen in den Niederlanden derzeit zu strikteren und längeren Strafen unter immer höheren Sicherheitsmaßnahmen dentieren. Da es aber nicht genug entsprechende Haftplätze gibt, warten viele inhaftierte innerhalb der Gefängnisse sehr lange auf eine Verlegung in Einrichtungen wie die Longstay-Einrichtung der Pompenstiftung. „Alles in allem war es eine große Freude, die KollegInnen aus den Niederlanden und Belgien kennenzulernen und mehr von den Arbeitsbedingungen in den jeweiligen Ländern zu erfahren. Daran zu erinnern, dass wir es mit Menschen zu tun haben und dass Gott überall gegenwärtig ist bleibt wesentlich und es tut gut, einander im Engagement hierfür zu inspirieren“, sagen die TeilnehmerInnen der Reise in die Niederlande.
Sr. Hannah Rita Laue | JVA Siegburg









