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Warum Häftlinge im Gefängnis arbeiten

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Von Rosemarie Bölts. Deutschlandradio Kultur.

Viele Häftlinge arbeiten im Gefängnis. Damit bekommt ihr Tag Struktur, die Arbeit hilft bei der Resozialisierung. Das klingt gut, doch die schlecht bezahlt Arbeit bringt auch Nachteile mit sich – besonders für die Zeit nach der Haft. Ortsbegehung: Justizvollzugsanstalt Oldenburg, Niedersachsen. Sie ist mit ihrem so anderen Konzept zur Vorzeigehaftanstalt in Deutschland geworden.

„Ich bin auf der Kammer tätig, erster Kammerhelfer, bin für die Gefangenen zuständig, die hier neu reinkommen. Die können ihre ganzen Sachen abgeben und kriegen von uns die Erstaustatterausrüstung wie JVA-Kleidung, Unterwäsche, Jogger, teilweise Schuhe. Seit fünf Jahren mache ich diesen Job. Zwar nicht nur hier, in dem vorderen Bereich, sondern auch in dem hinteren Bereich, wo die Wäscherei ist, mangeln, Kleidung zusammenlegen von dieser JVA, das könnte man Ihnen auch noch zeigen, wenn Sie möchten.“

Das JVA Gebäude ist ein ungewöhnlicher Klinkerneubau auf dem ehemaligen, großzügig bemessenen Kasernengelände, auf dem Ende der 80er Jahre noch die „Hindenburgkaserne“ stand. Trotz der 6,50 Meter hohen Mauer mit der typischen Strickmetallrolle oben drauf wirkt das gezackte Gebäude in dem beinahe parkähnlichen Gelände längst nicht aussätzig wie ein Gefängnis, sondern passt sich ein in den bürgerlichen Stadtteil, der den Leitsatz dieser Anstalt spiegelt. Er steht auf dem großen Schild vor der Sicherheitsschleuse, an dem jeder, der hier reingeht, vorbei muss:

…und morgen sind sie wieder unsere Nachbarn!

Ziel der Haft laut Strafvollzugsgesetz ist – gleichrangig, betont Sozialdirektor Gerd Koop – zum einen „die Sicherheit der Allgemeinheit“ zu gewährleisten, diese also zu schützen vor weiteren Straftaten, und zum anderen „die Resozialisierung der Gefangenen“, also deren Reintegration in die Gesellschaft zu fördern. „Der Schutz der Allgemeinheit funktioniert aber nur, wenn man Menschen zu Nachbarn machen kann“, gibt Anstaltsleiter Gerd Koop zu bedenken und zitiert den anderen Leitgedanken in seiner Anstalt, formuliert von dem Rechtsphilosophen und -politiker Gustav Radbruch:

„’Es gibt kein besseres Mittel, das Gute in den Menschen zu wecken, als sie so zu behandeln, als wären sie schon gut‘ – das ist unser Menschenbild, das ist unsere Art des Arbeitens, und das ist unsere Philosophie. Wir haben gemerkt, wenn wir viel mit Gefangenen reden, wenn wir sie ernst nehmen, wenn wir Respekt vorleben, wenn wir Vorbilder sind, dann können wir auch Menschen in der Haft verändern. Und das machen wir übrigens jetzt seit 25 Jahren, genau nach diesem Prinzip. Mit Gefangenen aus inzwischen 39 Ländern, mit Gefangenen, mit denen wir nicht sprechen können, weil wir ihre Sprache nicht können, aber alle verstehen dieses Prinzip, und alle lieben es.“

Millionen Euro Umsatz in den Knästen

Die JVA Oldenburg hat 312 Haftplätze für Gefangene mit Kurz- und Langstrafen, Transporthäftlinge, die hier Station machen, Untersuchungshäftlinge und Sicherungsverwahrte, lauter Einzelzellen, höchste Sicherheitsstufe. Und 167 Arbeitsplätze für die Gefangenen. Wie den des „Ersten Kammerhelfers“, dessen Name und Tat für die Medienöffentlichkeit Tabu sind. Datenschutz.

„Ich möchte nur nen Job haben, wo ich meine Ruhe hab. Hier bin ich mit nicht sehr vielen Gefangenen zusammen, was in den anderen Bereichen größer ist, wo man mit 20 oder 30 Gefangenen zusammenarbeitet. Ich werde hier versuchen mit fünf Jahren noch weiter, dann bin ich zehn Jahre hier und dann im offenen Vollzug meinen Job wieder vorzunehmen. Ich bin gelernter KFZ-Meister. Dann hab ich noch so ungefähr drei Jahre. Ich hab dreizehn Jahre insgesamt.“         

Arbeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Resozialisierung. In zwölf von sechzehn Bundesländern ist sie Pflicht. So steht es im Strafvollzugsgesetz. Allerdings wird der Arbeitsbereich im Gefängnis nach kaufmännischen und betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt. Das produziert dann schon mal in den Medien Schlagzeilen wie:

Unternehmen Knast! Mörder, Vergewaltiger und Diebe erwirtschaften Millionenumsätze!

19 Millionen Euro Umsatz im Jahr in den dreizehn Haftanstalten in Niedersachsen! 1,6 Millionen davon allein in der JVA Oldenburg! Und die Gefangenen verdienen nur zwölf Euro, am Tag?! Billiglöhne im Knast statt in Fernost? Und der Staat und die Unternehmen kassieren ab?

So einfach funktioniert es nicht, erklärt Anstaltsleiter Gerd Koop und verweist auf den „Landesbetrieb“, der der Landeshaushaltsordnung unterliegt und für die Geld- und Warenwirtschaft aller Anstalten verantwortlich ist. Das heißt, die Einnahmen der JVA fließen in den Landeshaushalt und nur teilweise zum Beispiel über Investitionen in die JVA zurück:

„Wenn wir eine Investition tätigen wollen, dann kann ich das nicht selbst entscheiden, sondern dann sprech ich mit dem Leiter des Landesbetriebes, dann hilft der mir, wenn ich Glück hab, nach einem Investitionsplan, dann wird gesagt, okay, du kannst eineTischlerei bauen. Einen Teil musst du aus deinem Budget, deinem eigenen Sachhaushalt nehmen, einen Teil geben wir dazu, und du musst dir noch einen Sponsor suchen, also zum Beispiel das Ministerium oder der Europäische Sozialfonds, oder jemand, der sich vielleicht mit Maßnahmen beteiligen würde. Dann haben wir die Grundlage geschaffen. So, der Staat muss dafür sehr viele technische, Sach- und Personalmittel einsetzen. Dann ist es nur recht und billig, dass die Gefangenen einen Teil kriegen – bei der Rundumversorgung ist das auch berechtigt – und der Unternehmer muss genauso viel zahlen, als wenn er bei sich einen beschäftigt. Es gibt nur einem Unterschied, wir haben keine Krankenversicherung und keine Sozialversicherung im klassischen Sinne als Verabredung mit dem Unternehmen.“

Hemmnisse in Ausbildung und Beruf

Dafür kommt der Staat auf. Freie Heilfürsorge heißt das im Gefängnis, und kann, weil viele Straftaten im Zusammenhang mit Alkohol und Drogensucht stehen, sehr kostenintensiv sein. Die Gesundheitsprobleme sind nicht die einzigen Hemmnisse auf dem Weg zur Resozialisierung:

„Die Kunst unserer Werkbediensteten besteht darin, das mit den Leuten erst mal auszuhalten. Keine Sprache, ganz anderes Kommunikationsverhalten, ganz anderes Selbstverständnis, wie überhaupt gearbeitet wird. Und dann müssen wir uns an die Gefangenen rantasten und müssen sie zur Arbeit motivieren. Es gibt ganz viele Gefangene, die können nur in dem Tütenbetrieb passen, weil sie nichts anderes können. Vielleicht können sie aber in drei Monaten was anderes, dass sie wechseln. Und wir versuchen, so den Arbeitsplatz zu organisieren, dass er einigermaßen zu dem Inhaftierten passt.“

„Übungswerkstatt?“ fragt Schreinermeister Johannes Budde empört zurück. Unsere Schreinerei ist eine Werkstatt, in der die Leute, wenn sie wollen, richtig gut vorbereitet werden für den freien Arbeitsmarkt! Vom Rentner bis zum Jugendlichen reicht das Spektrum „seiner“ zwölf Leute, die im Modulsystem ausgebildet und angeleitet werden. Büromöbel für die Justizbehörden, Betten und Schränke für die Hafträume, Tische und Regale in Sondergrößen, auch für Privatkunden, an modernsten Maschinen. Ein Highlight ist das „CNC Bohr- und Fräszentrum“, ein computergesteuertes Monstrum mitten in der 900 Quadratmeter großen lichtdurchfluteten unglaublich aufgeräumten Werkhalle. Sauberkeit minimiert Gewalt, noch so ein Leitsatz. Ganz hinten in der Ecke steht ein handgefertigtes Vogelhäuschen, das so gar nicht in diese „Schwere-Jungs“-Maschinenwelt passt, dafür aber in die Philosophie der Haftanstalt:

„Also, dieses Vogelhäuschen ist eine kleine Arbeitsprobe von einem Inhaftierten, den wir nirgendwo richtig einsetzen konnten. Der kam aus der Sozialtherapie, und wirklich, der darf nicht an die Maschinen. Und mit dem Werkstoff Holz konnte er sehr gut umgehen, das haben wir dann festgestellt, und somit haben wir ihn dann verschiedene Sachen machen lassen, von dem kleinen Dino da bis zu kleinen Schwänen, die er von Hand noch gearbeitet hat bis hin zu dem Vogelhäuschen, was sehr gut aussieht.“ Mehr lesen…

 

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