Chemische Kastration als „Behandlung“ mit triebdämpfenden Medikamenten?
Die Arbeitsgmeinschaft Sicherungsverwahrung traf sich in der JVA Bautzen, um die Gegebenheiten und das Konzept der dortigen Sicherungsverwahrung (SV) kennenzulernen und sich mit dem Thema „Antiandrogene Behandlung von Sexualstraftätern“ zu beschäftigen. Die Gruppe wurde durch die Anstalt geführt und mit der wechselhaften Geschichte der Anstalt, die als „Gelbes Elend“ berüchtigt ist, bekannt gemacht.
Zentrale Gesprächs-Aspekte
- Notwendigkeit einer stabilen therapeutischen Beziehung schon vor Beginn der Behandlung, in die diese eingebettet sein muss.
- Freiwilligkeit der Behandlung. Betroffene Männer in der SV empfinden sie als Druck, weil sie als Vorbedingung für eine Entlassung gefordert wir).
- Unbedingter Wille mit Hilfe der Behandlung an seiner Persönlichkeit zu arbeiten.
- Erfolgsaussichten durch die Behandlung bei vorliegender Hypersexualität.
- Kontra-Indikation bei Vorliegen von auf Macht und Kontrolle fixierten Sexualstraftaten (sexualisierte Gewalt) und bei einer sadistischen Veranlagung.
- Abwägung von psychoanalytischer vs. verhaltenstherapeutischer Behandlung von Sexualstraftätern.
- Hospitalisierungstendenzen in der SV, die Verhaltensveränderungen erschweren.
- Wirkungsweise von den bei der Behandlung eingesetzten Medikamenten (Salvacyl).
- Beobachtung von Verhaltensveränderungen. Worte alleine sind kein Indikator.
- Vorwurf eines weiteren „Sonderopfers“ für Männer in der SV.
- Fragen nach Identität und männlichem Selbstbild.
- Problem der Intelligenzminderung im Rahmen therapeutischer, auf Einsicht und Veränderungsbereitschaft fußender Behandlung.
- Manchmal zweifelhafte Aufrechterhaltung des Anspruchs auf Resozialisierung (vgl. Longstay-Einrichtungen Niederlande).
SV Bautzen
Dazu passt ein Besuch in der Stasi-Gedenkstätte Bautzen II, in der während der Zeit der DDR politische Häftlinge inhaftiert waren. Mit Wiederbegründung des Freistaates Sachsen im Juli 1990 wurde Bautzen I dem sächsischen Justizministerium unterstellt. Die JVA Bautzen ist heute zuständig für Untersuchungshaft, für den Vollzug von Freiheitsstrafen an männlichen erwachsenen Gefangenen und für den Vollzug der Sicherungsverwahrung an Männern. Die JVA verfügt über knapp 400 Haftplätze und über 40 Plätze in der Sicherungsverwahrung. Wie anderorts, ist in der Sicherungsverwahrung eine Erweiterung der Kapazitäten durch Neu- und Umbau geplant, erklärt der Leiter der Anstalt, Leitender Regierungsdirektor Oliver Schmidt sowie die Abteilungsleiterin für die Sicherungsverwahrung, Dr.in Gwenner. Die Ärztin führte durch den Teilbereich der Sicherungsverwahrung und erläuterte die konzeptionellen Schwerpunkte der Behandlungsarbeit, z.B. das Angebot von Kunsttherapie.
Hilfe zur Selbsthilfe
Auf das Gespräch über das Hauptthema „Antiandrogene Behandlung“ mit Dr.in Gwenner hatte sich die Arbeitsgemeinschaft mit Hilfe von zwei Publikationen¹ vorbereitet. Es wurde festgestellt, dass die Datenlage insgesamt gering ist, weil valide und aktuellere Untersuchungen, z. B. zur Rückfallwahrscheinlichkeit nach antiandrogener Behandlung, fehlen. Zunächst hatten die TeilnehmerInnen die Gelegenheit, mit zwei Männern, die in der SV der JVA Bautzen untergebracht sind, und in unterschiedlicher Weise von dem Thema betroffen sind, zu sprechen. Einer der Männer erzählte von seinen Erfahrungen mit einer sich über zehn Jahre erstreckenden Behandlung, die er als „Hilfe zur Selbsthilfe“ bezeichnete. Die Behandlung habe für ihn den Fokus erweitert, die sexuelle Fixierung aufgehoben, Opferempathie ermöglicht und ihn zugänglicher für die therapeutische Arbeit gemacht. Dennoch, obwohl die antiandrogene Behandlung für ihn abgeschlossen ist, sieht er bei sich noch weiteren therapeutischen Behandlungsbedarf.
Mit Nebenwirkungen
Ein anderer berichtete, dass er eine antiandrogene Behandlung, die ihm gutachterlich nahegelegt worden ist, wegen der Nebenwirkungen ablehnt. Neben den bekannten Nebenwirkungen, wie Depression, Diabetes und Osteoporose ist es vor allem die Angst vor dem Verlust seiner Sexualität und damit der Identität als Mann, die ihn verunsichert. Im anschließenden Austausch mit Dr. Gwenner wurden das Für und Wider antiandrogener Behandlung erwogen. Insgesamt war es wieder ein sehr interessantes und gewinnbringendes Treffen der Arbeitsgemeinschaft Sicherungsverwahrung. „Wir danken insbesondere Dr.in Gwenner für die vielen Einblicke in die Thematik“, geben die Teilnehmer als Dank an die Einrichtung zurück.
Alexander Obst | Gefängnisseelsorger JVA Tegel, Berlin
Treffen AG Sicherungsverwahrung, 29. Juni – 1. Juli 2026, JVA Bautzen
¹ Eher, Gnoth, Birklbauer, Pfäfflin: Antiandrogene Medikation zur Senkung der Rückfälligkeit von Sexualstraftätern: ein kritischer Überblick in Recht & Psychiatrie, 25. Jahrgang 2007/3.
Voß, Reichel, Calvano: Antiandrogene Behandlung von Menschen mit Intelligenzminderung in der ambulanten Nachsorge in der Forensischen Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie 2021.





