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Altes Messbuch aus dem Zellengefängnis wird bestaunt

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In der Justizvollzugsanstalt Herford befinden sich an den Eingangstüren der Seelsorgebüros in der Anstaltskirche Schaukästen. Hier tummeln sich bei Veranstaltungen Jugendliche und schauen gerne die „alten Dinge“ dort an. Sie fragen meist, was dies oder jenes sei. Neben einer Monstranz, Schellen zum klingeln, einem Weihrauchfass und Taufkrug kann man hier ein altes Messbuch bestaunen.

 

„Das Buch ist bestimmt sehr viel wert“, ist oftmals die erste Bemerkung des Erstaunens über das alte Messbuch. In lateinischer Schrift stehen die Gebete der Eucharistiefeier darin. Ein Pfarrer hat den besonderen Satz in deutscher Sprache eingefügt: „Durch heilbringende Anordnung gemahnt und durch göttliche Belehrung angeleitet, wagen wir zu sprechen:“ Im gesamten Messbuch sind an drei anderen Stellen in Schreibdruckschrift der lateinische Passus überklebt. Das Messbuch stammt aus dem Jahre 1925. Als Widmung steht handschriftlich auf der ersten Seite: „Für das Zellengefängnis Herford, Februar 1925“.

Damals schon Übersetzungen

Wahrscheinlich hat man damals bereits für die Gefangenen in deutscher Sprache den Ritus der „Heiligen Messe“ durchgeführt. Aus der Evangelischen Tradition ist ein Taufkrug und ein Abendmahlskelch sowie eine Lutherbibel von 1858 in einem der Schaukästen. Die 140 Jahre alte Geschichte der Justizvollzugsanstalt kommt neben der Kirche als Gebäude hier zum Ausdruck. Die Gegenstände und Bücher werden nicht mehr genutzt. Kirche und Leben, Sprache und Rituale haben sich verändert. So könnte man heute keinen Gottesdienst mehr in lateinischer Sprache feiern oder mit Jugendlichen aus anderen Kulturkreisen eine Anbetung mit der Hostie in der Monstranz durchführen.

Trotzdem sind es wichtige und heilige Symbole. Sie erzählen Geschichte und erschließen uns die Hintergründe verschiedenster religiöser Handlungen. Als Gastgeschenk des Imam kam ein „Asma-ul-Husna“ mit den 99 Namen Allahs dazu. Dies wird ebenso bestaunt und betrachtet wie die anderen Gegenstände mit christlichen Wurzeln. Es wird nachgefragt, für was dies oder jenes verwendet wurde. Besonders der Weihrauch weckt großes Interesse.

Heutige gottesdienstliche Feiern

Heute feiern in der Anstaltskirche inhaftierte Jugendliche und junge Erwachsenen verschiedenster religiöser Überzeugungen christlich geprägte Gottesdienste. Da kann schon einmal Weihrauch eine Rolle spielen. Das Buch der Bibel im heutigen Deutsch spielt eine zentrale Rolle. Der Dialog mit den Feiernden wird nicht alleine mit Vortragen und Ablesen gestaltet, sondern direkt. „Respekt vor dem Alter dieser Kirche“, sagt ein 21-jähriger, “ da haben bestimmt schon viele Menschen Trost und Halt an diesem Ort im Knast gefunden“, sagt er. Ein anderer Gefangener übersetzt dies einem 15-jährigen Marokkaner in der Berbersprache. Dieser hat gezögert die Kirche zu betreten. Erst als er in seiner Muttersprache hört, dass die Kirche für das muslimische Gebet genutzt wird, fasst er Vertrauen. „Danke, dass Sie mich in die Kirche mitgenommen haben“, sagt er in seiner Sprache am Ende des Zugangscafes.

Unvoreingenommenes Begegnen

Im Zugangscafé begegnen inhaftierte Jugendliche aus der Untersuchungshaft und der Strafhaft in den ersten Wochen den Gefängnisseelsorgern in der Anstaltskirche. Die Freiwilligkeit wird groß geschrieben. Die Gefängnisseelsorger erzählen etwas über die Geschichte der Kirche und stellen sich persönlich vor. Dies wird sehr gerne angenommen. Besonders weil den Gefangenen unvoreingenommen begegnet wird und die Straftat erst mal nicht an erster Stelle steht. Das Gespräch mit den Gefängnisseelsorgern ist ein Angebot. Es kann genutzt werden oder auch nicht. „Ich komme gerne hierher“, sagt ein 20 jähriger. „Hier kann ich so sein wie ich bin, kann auch mal schimpfen und mich ärgern ohne dass mir eine Strafe droht“, sagt er. Er kennt sich aus, ist er bereits zum zweiten Mal inhaftiert. „Die Hintergründe und Geschichten dazu werden in seelsorgerlichen Gesprächen erzählt“, sagt einer der Gefängnisseelsorger. „Da kommen manches Mal so einige Situation schräg rüber. Manches ist auch für mich befremdlich“, sagt der Theologe. „Die Gegenstände im Schaukasten wirken heute ebenso fremd. Sie erzählen aber eine Geschichte. Die JVA-Kirche ist kein Museum geworden, sondern ist weiterhin ein geschützter Ort, an dem Bedienstete wie Inhaftierte aufatmen können“, führt der Gefängnisseelsorger aus. Die jungen Gefangenen stimmen ihm innerlich zu. Das ist an ihren Gesichtern zu erkennen…

Michael King | JVA Herford

 

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