Die Adventszeit und mit ihm das Weihnachtsfest kommen nicht mit der höflichen Frage: „Passt es gerade, oder wäre es besser, ein anderes Mal zu kommen?“ Die Weihnachtswochen beginnen ungefragt in unsere Zeit hinein. Es ist beinahe so, als würde er hineingrätschen in das, was gerade alles so passiert. Und es passiert viel, was nicht passt zu friedlicher Feierlichkeit.

Drachenflieger am Ort Schillig am Strand und Wattenmeer der Nordsee. Fotos: Hartmann
Dabei will uns der Advent noch nicht einmal mitnehmen in eine andere Welt, in ein harmonisches Miteinander, an einen Ort des Friedens und der Gerechtigkeit oder wohin uns unsere Sehnsucht sonst noch führen mag. Er stellt sich vielmehr ein im Hier und Jetzt, mitten in der Wirklichkeit unserer Zeit, unheilig, unsicher und friedlos, wie sie ist. Das ist wohl die besondere Herausforderung des Advents: anzusehen, was ist. Vielleicht füllen wir die Advent- und Weihnachtszeit mit so viel Geschäftigkeit und Gelärme, um nicht mitzubekommen, was gerade geschieht. Der Advent aber, wenn er hereingelassen wird, ruft: wach auf, schau hin, nimm wahr!
Zu Wachsamkeit gerufen
Das Evangelium des ersten Adventsonntages tut genau dies: es schaut hin und beschreibt menschliche Wirklichkeit. Da wird die Ahnungslosigkeit von der Flut überrascht, von zwei Personen, die gerade noch gemeinsam gelebt und gearbeitet haben, wird eine mitgenommen, die andere zurückgelassen. Und keiner weiß, wohin das all führen wird und wann es zu Ende ist. Erfahrungen, die vielfältig uns überkommen und daran erinnern, dass wir das Leben nie in den Griff bekommen. Wie das Glück gehört auch das Leid dazu. Statt aber wegzuschauen oder sich zu betäuben, ruft das Evangelium zu Wachsamkeit – mit gutem Grund, denn „so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein“, heißt es da. Diese Ankunft ist das Ankommen Gottes im Menschen, wie sie Jesus gelebt hat. Ein Ankommen, das bereits im Einhauchen des Odems Gottes in den aus der Erde geformten Menschen begann. Gott hat dieses sich Verströmen in den Menschen nie zurückgenommen.
Es geschieht bedingungslos und will immer neu öffnen, öffnen für eine neue Zukunft, für das Heil- und Ganz werden. Die Wirklichkeit unserer Zeit in ihrer Alltäglichkeit, ihrer Verunsicherung und dem leidvollen Erleben ist also zugleich die Wirklichkeit der Ankunft von etwas Größerem jenseits unseres Zugriffs. Der Theologe Karl Rahner schrieb: „Die Zeit des Advents ist daher in Wahrheit nicht einfach nur die Zeit vor etwas, was noch einfachhin ausständig ist, sondern kann ebenso gut begriffen werden als die Zeit des stillen Wachstums eines Lebens, das schon gegeben ist und wirkt, als die Zeit, in der unauffällig, wie die schon längst gesäte Saat im Frühling, sich die inwendige Ankunft Gottes langsam aber mit unheimlicher Kraft durchsetzt und offenbar wird in all der scheinbaren Banalität des Lebens.“
Aufgehoben sein
So betrachtet ist der Advent mehr als nur ein Abschnitt im Kirchenjahr, er lässt sich leben ein Leben lang: zu leben in aller Bedingtheit des Lebens eine letztlich alles öffnende göttliche Kraft, zu leben in allem Scheitern die bedingungslose Zusage, geliebt zu sein, zu leben in jedem Abschied die Wirklichkeit tiefer Verbundenheit, und zu erleben im letzten Loslassen, aufgehoben zu sein. Adventlich leben hilft, das, was geschieht, mit den Augen des Herzens ansehen zu können. Dieses Ansehen durchdringt die Oberfläche unserer Besorgnis und Angst und erkennt, was tief darunter verschüttet ist: die göttliche Fähigkeit, menschlich zu sein. Dabei verbinden sich der Mut hinzusehen mit der Demut, nichts von dem, was sich gerade so mächtig gebärdet, groß machen zu müssen. Und es leuchtet wie eine Kerze in der Dunkelheit, was wir mit dem wunderbaren alten Wort „Barmherzigkeit“ bezeichnen.
Christoph Kunz | Matthäus 24, 37-44, 1. Advent





