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Gefängnisseelsorger beobachtet mentale Belastung in U-Haft

8. Oktober 2026

Warten hinter Gittern und draußen geht das Leben weiter. Mit der Untersuchungshaft beginnt eine Zeit der Ungewissheit. Zwei ehemalige Insassen und der Gefängnisseelsorger Richard Raming erzählen, was die Haft mit Menschen macht. Uwe Trapp das erste Mal in Haft kam, da war er 16 Jahre alt. Wegen Erpressung bekam er ein Jahr auf Bewährung. Dabei blieb es nicht.

Immer wieder geriet er in Arrest, wegen Drogen, wegen Gewalt. Als Erwachsener landete er schließlich im Gefängnis. Trapp beschreibt sich in seiner Kindheit als “schwierig”. Aufgewachsen ist er in Würzburg-Zellerau, einem Viertel, in dem viel Gewalt herrschte. Sein Vorbild war der “harte Kern im Viertel”, sagt er. Darunter auch Gewalttäter. Polizeibeamte waren Feinde. Trapp wollte so sein wie sie, sagt er, “so komisch es sich anhört”. Er passte sich an, um akzeptiert zu werden. Seine Suchtproblematik begann früh. Sein Vater war gewalttätig, ein Nachbar war pädophil. Über seine Missbrauchserfahrungen konnte er lange nicht sprechen. Mit sechs oder sieben Jahren rauchte er die ersten Zigaretten; mit neun erlebte er seinen ersten Vollrausch. Später kamen Alkohol, Cannabis und Heroin dazu. Sein Verhalten damals beschreibt er als “eine Art Pippi-Langstrumpf-Syndrom”: “Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. So fühlte sich das an.”

Völlige Ungewissheit

Schon als er das erste Mal in Haft kam, habe er sich nach ein paar Wochen “wie ein Knacki” gefühlt. Bei seinen Kumpels kam das gut an. Später änderte sich das; Trapp wurde depressiv. Von den Drogen kam er nicht los, immer wieder landete er in Haft. Die Tage dort wurden zur Qual. Schon Untersuchungshaft ist für viele Menschen eine Situation völliger Ungewissheit. Die Bedingungen sind teilweise strenger als in der Strafhaft. Telefonate sind beispielsweise oft nur eingeschränkt möglich. Richard Raming, katholischer Gefängnisseelsorger an den Hamburger Justizvollzugsanstalten Billwerder und Fuhlsbüttel, erlebt immer wieder die Folgen. “Die U-Haft ist eine immense psychische Belastung. Inhaftierte wissen nicht, wie lange es noch dauert und wie die Richter entscheiden werden”, sagt er. Dazu kämen existenzielle Sorgen, besonders bei Eltern: “Geht es den Kindern gut? Muss die Schule benachrichtigt werden?”

Gefängnisseelsorge ermöglicht Offenheit

Auch für Angehörige sei die Festnahme häufig ein Schock. “Wenn plötzlich die Polizei im Haus steht, hinterlässt das Spuren”, sagt Raming. “Besonders bei Kindern.” Der Seelsorger erhält nach eigenen Angaben pro Tag etwa fünf bis zehn Anfragen von Inhaftierten pro Anstalt. Für seine Aufgabe gelten die Verschwiegenheitspflicht und das Zeugnisverweigerungsrecht. “Das ist ein hohes Gut gegenüber anderen Berufen”, sagt Raming. “Inhaftierte können hier ihre Geschichten und Ängste loswerden. Die Seelsorge ist eine Nische, in der Inhaftierte reflektieren und offen reden können, ohne gleich verurteilt zu werden.” Für Trapp wurde die Haft zu einem langen Weg aus der Abhängigkeit. 1986 verbüßte er seine erste Haft als Erwachsener. Nach dem Tod seines Bruders und seiner Nichte begann er 1989 eine erste Therapie. Mehrere weitere brach er ab. Erst 1996 setzte er sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinander.

Arbeitet in Drogenprävention

Nach einem Rückfall kam er 1997 erneut in Untersuchungshaft und erhielt sechs Jahre und neun Monate Haft. In der U-Haft betete er schließlich: “Wenn du dich nicht zeigst, dann war das mein letzter Knast und ich nehm den goldenen Schuss.” Danach versprach er einem Pfarrer, keine Drogen mehr zu nehmen. Er hielt durch. 1999 hörte er endgültig mit dem Rauchen auf und wurde seitdem nicht rückfällig. Von 1999 bis 2001 machte er eine erfolgreiche Therapie. Die Haftzeiten waren für ihn traumatisch, besonders die kalten Entzüge und die langen Stunden in der Einzelzelle. Später wurde er mit Verhaltenstherapie behandelt. “Da verstand ich, dass mein Verhalten auch mit der Missbrauchsgeschichte zusammenhing”, sagt er. Heute arbeitet Trapp als ehrenamtlicher Seelsorger und in der Drogenprävention. Nach der Haft machte er seinen Führerschein und wurde als Eisenhändler selbstständig.

 

Wenn wenige Sekunden das Leben zerstören

Raming berichtet, dass sich viele ehemalige Inhaftierte später noch einmal bei ihm melden. Für ihn sei es besonders schön, wenn jemand eine Wohnung oder Arbeit gefunden habe. Wie schwierig dieser Übergang sein kann, zeigt die Geschichte von Andreas Weimer (Name geändert). Er wurde vor rund 20 Jahren wegen eines Tötungsdelikts an seiner Frau verurteilt. Vorher habe es Probleme in der Beziehung gegeben. An jenem Tag verlor er die Kontrolle. “Das geschah innerhalb von Minuten oder Sekunden”, sagt Weimer. “Ich war sofort entsetzt darüber, was ich da getan hatte.”

Zum Zeitpunkt seiner Tat war er 45 Jahre alt, hatte eine Führungsposition inne und lebte mit seiner Frau und seinem Kind ein “unauffälliges Leben”, so sagt er. “Wir waren 15 Jahre lang verheiratet, hatten ein gemeinsames Kind, uns ging es gut.” Nach seiner Festnahme durfte er ein Ortsgespräch führen, um jemandem Bescheid geben zu können. Seine Mutter erfuhr von seiner Inhaftierung aus den Fernsehnachrichten. Zwei Jahre lang war sein Kontakt zur Außenwelt nur unter strengen Auflagen möglich. In den ersten Jahren besuchte ihn seine Tochter. Mittlerweile lebte sie bei den Pflegeeltern. “Nach etwa 2,5 Jahren wurde meine Post nicht mehr angenommen, wobei nicht klar war, wer den Briefverkehr unterbunden hatte”, sagt Weimer.


Haft verändert auch das Umfeld

Mit 16 Jahren äußerte seine Tochter ihm gegenüber den Wunsch, ob sie nicht durch ihre Pflegeeltern adoptiert werden könnte. Er habe zugestimmt, um ihr keine Hindernisse in den Weg zu legen. Viele Betroffene erlebten eine “totale Isolation”, sagt Raming. Schon in der Untersuchungshaft könnten Kontakte abbrechen oder sich verändern. Inhaftierte fragten sich dann: Warum schreibt mir eine bestimmte Person nicht mehr? Hält meine Ehepartnerin zu mir? Als Seelsorger könne er Kontakt zu Angehörigen aufnehmen und ihnen beispielsweise mitteilen, dass es dem Inhaftierten den Umständen entsprechend gut gehe. Manchmal kommt es auch zu Suizidversuchen. “Hier ist es wichtig, dem Inhaftierten eine weitere Perspektive aufzuzeigen und in einer scheinbar ausweglosen Situation Hoffnung zu geben”, sagt Raming. “Das Wichtigste ist das Zuhören. Auch können wir zusammen überlegen: Wie kann man den Alltag in Haft im Kleinen angenehmer gestalten? Wie kann man sich auf die Zeit nach der Haft vorbereiten?”

Die Welt “draußen” ist plötzlich fremd

Nach 15 Jahren Haft kam für Weimer der Tag der Entlassung. Die letzten vier Wochen verbrachte er im offenen Vollzug und wurde schließlich überraschend entlassen. “Da stand ich plötzlich allein vor dem Tor”, sagt er. “Ich hatte noch nicht einmal Zeit, meine Sachen zu packen. Niemand holte mich ab.” Schließlich habe er jemanden angerufen, bei dem er unterkommen konnte. Während der Haft hatte Weimer einen Freundeskreis aufgebaut und etwas Geld angespart. Trotzdem sei vieles außerhalb der JVA fremd gewesen. Schon während seiner Ausgänge habe er gemerkt, wie rasant sich die Welt verändert hatte. Draußen suchte er schnell neue Arbeit. Heute lebt er “bescheiden, aber gut”, sagt er. Richard Raming sagt, auch im Gefängnis gebe es Möglichkeiten für einen Neuanfang, etwa durch eine Ausbildung. Der Seelsorger betont: “Die Haft ist nicht das Ende.”

Quelle: domradio.de

 

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