Drei Monate lang haben sich Gefangene der Jugendstrafanstalt Wittlich mit Neuen psychoaktiven Substanzen (NPS) auseinandergesetzt. Aus Fachwissen, persönlichen Erfahrungen und kreativ-künstlerischer Arbeit entstand eine Ausstellung, die zeigt, wie aus Prävention eigene Auseinandersetzung werden kann.
Der junge Mann steht in der Aula der Jugendstrafanstalt Wittlich und blickt auf die Ausstellung, an der er selbst über Wochen mitgearbeitet hat. Acht Stellwände sind mit Bildern, Drucken, Collagen, Texten und großformatigen Schriftzügen bestückt. Weitere Exponate ergänzen die Präsentation. Was zuvor in verschiedenen Arbeitsgruppen entstanden ist, fügt sich nun zu einem Ganzen: Arbeiten über Kontrollverlust und Abhängigkeit stehen neben Darstellungen körperlicher und psychischer Folgen. Andere thematisieren Schulden, Konsum im Haftalltag oder die Frage, was helfen kann, einen anderen Weg einzuschlagen.
Zwischen Fachwissen und Erfahrung
Rund 20 Gefangene beteiligten sich im Verlauf des Projekts an den unterschiedlichen Arbeitsgruppen. Von Beginn an war das Vorhaben als Verbindung aus fachlicher Suchtprävention und kreativpädagogischer Arbeit angelegt. Thematisiert wurden unter anderem Wirkungsweisen von NPS, körperliche und psychische Folgen, die besondere Unberechenbarkeit synthetischer Cannabinoide sowie Prävention und Hilfsmöglichkeiten. Doch bei der Wissensvermittlung blieb es nicht. Die Teilnehmer stellten Fragen, verglichen Informationen mit eigenen Beobachtungen und brachten persönliche Erfahrungen ein. Es ging um Konsum, Gruppendruck, Abhängigkeit und die Frage, wie Veränderung gelingen kann. So traf Fachwissen auf Lebenswirklichkeit – und wurde zum Ausgangspunkt für die kreative Arbeit. Gedanken, Erfahrungen und Diskussionen wurden in Bilder, Collagen, Gelprints, Comics, Texte, Blackout-Poetry und plakative Schrift-Arbeiten übersetzt.
Wenn aus Gesprächen Bilder werden
Für viele Teilnehmer war das Neuland. Techniken mussten ausprobiert, Arbeiten verworfen und Ideen neu begonnen werden. Dabei entdeckten einige Fähigkeiten, von denen sie selbst zuvor wenig wussten. Ein Beispiel ist das Gesellschaftsspiel „SPICENOPOLY“. Situationen rund um Konsum, Schulden, Kontrollverlust, gesundheitliche Folgen und Hilfe werden darin in einen spielerischen Rahmen übertragen. Entscheidungen und Konsequenzen werden so erneut zum Gesprächsanlass. Auch der gemeinsam entwickelte Comic greift Erfahrungen aus dem Lebensumfeld der Gefangenen auf. Er erzählt die fiktive Geschichte eines jungen Mannes, dessen Konsum in einem medizinischen Notfall endet. Die Geschichte ist erfunden. Die Erfahrungen, aus denen sie entwickelt wurde, sind es nicht. Wer durch die Ausstellung geht, begegnet deshalb keiner klassischen Informationsschau. Fachliche Inhalte stehen neben persönlichen Aussagen, bedrohliche Motive neben Texten, die nach Auswegen und Veränderung fragen.
Vom Teilnehmer zum Vermittler
Zur Ausstellungseröffnung kommen neben der Anstaltsleitung Mitarbeitende verschiedener Fachdienste. Drei beteiligte Gefangene tragen selbst zum Programm bei: Einer berichtet über das Projekt, zwei andere lesen eigene Texte vor. Anschließend erklären die Teilnehmer den Gästen ihre Arbeiten, beantworten Fragen und erzählen, wie die Werke entstanden sind. Aus Teilnehmern eines Präventionsprojekts sind damit Vermittler der eigenen Ausstellung geworden. Besonders persönlich wird es, als ein Teilnehmer von seiner eigenen Suchterfahrung berichtet. Lange Zeit habe Sucht sein Leben geprägt. Heute könne er auch in schwierigen Situationen stark bleiben. Ein anderer richtet den Blick bereits auf diejenigen, die bei der Eröffnung nicht dabei sind. Für ihn sei es wichtig, dass auch die übrigen Gefangenen die Ausstellung sehen und verstehen, wie gefährlich Spice sein kann. Damit schließt sich ein Kreis: Was drei Monate zuvor mit Informationen, Fragen und ersten Gesprächen begann, wird nun von den Gefangenen selbst weitergegeben. Sichtbar werden nicht nur acht Stellwände voller Bilder und Texte, sondern auch drei Monate, in denen junge Männer Wissen erworben, Erfahrungen geteilt, neue Techniken erprobt und eigene Fähigkeiten entdeckt haben. Vielleicht beschreibt deshalb jener Satz das Ergebnis des Projekts am besten: „Ich hätte nie geglaubt, dass ich das hinbekomme.“
Kreativpädagogin Dagmar Olschewski | JSA Wittlich





