Bei der Inhaftierung wird ein Foto des Gefangenen gemacht, um ihn im System identifizieren zu können. Dies ist im Rahmen der Haft verpflichtend. Im späteren Verlauf des Aufenthaltes hinter Gittern wünschen sich jugendliche Gefangene oft ein Bild von sich machen zu können. Der Erziehungswissenschaftliche Dienst bietet die Erstellung eines Bewerbungsfoto an. Alles andere ist in Haft nicht erlaubt. Das Sommerfest der JVA Herford bietet jedoch eine andere Gelegenheit, sich “ablichten” zu lassen.
Die sogenannte “Foto-Box” baut ihren Stand an der Berufsschule auf. In drei Höfen der Justizvollzugsanstalt findet das Sommerfest statt. Eine Hüpfburg, Dosenwerfen, Fußballturniere oder das Fischen von Süßigkeiten aus einem Automaten erinnert an eine Kirmes. Das kleine Dorffest hinter den Mauern mit Döner, Pommes, Lahmacun und Eis ist das jährliche Highlight im Jugendvollzug. Ein DJ schmeißt die Musik an und plötzlich ist die Stimmung eine andere. Neugierig gehen die jugendlichen Gefangenen von Stand zu Stand. Besonders am Boxautomaten bildet sich eine Traube von inhaftierten Jugendlichen. Da kann man draufschlagen und sich messen, ob man den gesetzten Score übertrifft.

Bitte lächelnd in den Ausschnitt der Foto-Box schauen.

Die Idee wird gut angenommen: Keine Karikatur, sondern lebensecht.

Die Schnellzeichnerin Katja Schulte hinter ihrer Foto-Box.
Im Fokus stehen
Gleich daneben ist ein Tisch mit einer aus Karton gefertigten Foto-Box mit der selbigen Aufschrift. Die dahinter sitzende Katja Schulte schaut aus einem ausgeschnittenen Fenster heraus. Davor ein Stuhl, von dem in die Box gesehen werden kann. Ein 21-jähriger mit einem großen Tattoo am Arm beäugt das kritisch. “Ich habe gerade Akten bekommen. Da sind viele Fotos von mir drin. Man hat mich ein Jahr observiert”, sagt er und lacht ein wenig. Wenn es nicht zu ernst wäre, könnte man mitlachen. Doch das Fest steht im Vordergrund. Da werden keine Straftäter-Fotos gemacht, sondern das Gesicht wird von der Schnellzeichnerin aufs Papier gebracht. Unsicher setzt sich ein Gefangener hin. Die Blicke der anderen machen ihn unsicher. Sie schauen einmal zu ihm und wieder hinter die Box, wo die Zeichnerin am Werk ist. Gesehen werden und sich selbst anzunehmen, wie man ist, sind die Themen dahinter.
Zeichnung 10 Jahre jünger
Sich ruhig hinzusetzen und dabei noch beobachtet zu werden ist nicht so einfach. Was wird herauskommen? Werde ich mit meiner Porträt-Zeichnung ausgelacht? Die Zeichnerin versteht ihr Handwerk. Gekonnt fertigt sie in 5-8 Minuten ein Porträt. Sie schaut nach der Augenfarbe, sieht, welche Frisur jemand hat und wie jemand lächelt. Das Wort “Lächeln” steht groß auf der Box. Einer, der gerade auf dem Stuhl sitzt, wird noch von einem Mitgefangenen mit dem Kamm frisiert. Das Resultat auf dem DIN A 5 Papier erzeugt Erstaunen ob der Fertigkeit der Zeichnerin. “Gefällt das Bild?”, fragt sie den jungen Mann. Dieser ist hellauf begeistert und zeigt es herum. Auch Bedienstete wollen solch eine Zeichnung. “Da bin ich zumindest 10 Jahre jünger darauf abgebildet”, meint ein Bediensteter und stellt sich in die Schlange.
Michael King





