Gerechtigkeit bedeutet, nicht zu bestrafen, sondern die Bedürfnisse, Gefühle und persönliche Identität aller an einer Straftat Beteiligten in den Mittelpunkt zu stellen. Restorative Justice eröffnet Raum für Dialog, Bewusstseinsbildung, Verantwortungsübernahme und gegenseitiges Verständnis. Dieser Ansatz stellt die Würde jedes Menschen in den Mittelpunkt und fördert Heilung, Empathie und soziale Reintegration. So entsteht eine gerechtere und menschenwürdigere Gesellschaft, in der Wunden geheilt und Vertrauen wiederhergestellt werden kann.

Restorative Justice (RJ) konzentriert sich im Kontext krimineller Vergehen nicht auf Strafe, sondern auf die Wiederherstellung von Beziehungen, gesellschaftliche Verantwortung und Heilung von Tatfolgen. Im Gegensatz zu traditionellen, retributiven Strafsystemen zielt RJ darauf ab, von Straftaten Betroffene und die Gesellschaft in den Wiedergutmachungsprozess einzubeziehen, anstatt ausschließlich den/die TäterIn zu bestrafen. In diesem Artikel von Daniela Hirt werden die Chancen eines RJ Verfahrens, der Kreisdialog, im Strafvollzug näher beleuchtet. Es soll aufgezeigt werden, wie dieser Ansatz dazu beitragen kann, das Bewusstsein der Teilnehmenden für die eigene Würde zu schärfen und positive Veränderungen sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene zu fördern.
“Opferorientierte” Maßnahme
RJ Verfahren bieten direkt oder indirekt von Straftaten Betroffenen die Möglichkeit, die Folgen der erlittenen Straftat selbstbestimmt zu lösen. Sie können im Rahmen eines RJ Verfahrens, z.B. in einem Kreisdialog in der Justizvollzugsanstalt, ihre Tatgeschichte erzählen. Dort erhalten sie Antworten auf ihre Fragen, können ihre negativen Gefühle abbauen und fühlen sich verstanden. Im Mittelpunkt dieser sogenannten “opferorientierten” Maßnahme, die in den Strafvollzugsgesetzen der einzelnen Bundesländer geregelt ist, stehen das Tatgeschehen und die Tatfolgen. Auch Gefangene können über ihre Taten berichten, Fragen beantworten und erfahren, wie sich die Straftaten auf die Betroffenen ausgewirkt haben. Betroffene und TäterInnen können durch eine Teilnahme positive Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden erfahren. Ergänzt wird der Kreis durch die Beteiligung interessierter Personen aus der Gesellschaft, die keine Straftat erlitten oder begangen haben. Sie repräsentieren eine gesellschaftliche Perspektive auf Kriminalität, Werte und Normen. Dieser Ansatz von RJ wird häufig als humanere und integrativere Alternative zu traditionellen strafrechtlichen Mafßnahmen angesehen, da er über die Bestrafung hinausgeht und nachhaltige
Lösungen anstrebt.
Bedeutung der Anerkennung der Würde
RJ ist ein Ansatz, der die Würde — verstanden als der jedem Menschen innewohnende, unantastbare Wert – in den Mittelpunkt stellt. Dies ist besonders dort relevant, wo durch die klassische Strafjustiz oft Betroffene von Straftaten, TäterInnen und auch die Gesellschaft in ihrer Würde verletzt werden. Der Neurobiologe Gerald Hüther definiert den “inneren Kompass” eines Menschen als etwas, das jeder Mensch im Lauf seines Lebens entwickelt. Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich dabei um ein inneres Bild, das eng mit der Vorstellung der eigenen Identität verbunden ist. Dieses Bild ist untrennbar mit emotionalen Netzwerken verknüpft und zeigt, was für ein Mensch jemand sein möchte. Hüther beschreibt dieses innere Bild als etwas, das mit einem alten, fast vergessenen Begriff verbunden ist: der Würde. Die Vorstellung von der eigenen Würde ist tief verwurzelt und Teil einer inneren Überzeugung von dem, was uns als Menschen ausmacht. Würde ist die Grundlage, um ein authentisches und erfülltes Leben zu führen. Ein starkes Würdebewusstsein hilft, Manipulation und Selbstentfremdung zu widerstehen. Und so brauchen Menschen eine Vorstellung ihrer Würde. Menschen, die Straftaten erlitten haben, und Menschen, die Straftaten begangen haben und inhaftiert sind, können den Bezug zu ihrem inneren Kompass verloren haben.
Verletzungen ernst nehmen
Bei Betroffenen von Straftaten, deren seelische, emotionale und körperliche Verletzungen im Strafverfahren oft nur juristisch aufgearbeitet werden, und bei Täter:innen, die in der Haft auf ihre Tat reduziert und entmenschlicht werden, kann die Missachtung der Würde zu einem tieferen (inneren) Konflikt führen, während deren Anerkennung für die Heilung wesentlich sein kann. Die Erfahrung eines RJ-Kreisdialogs im Strafvollzug kann den Teilnehmenden helfen, sich ihrer eigenen Würde (wieder) bewusst zu werden. RJ stärkt die Bewusstwerdung der eigenen Würde der Betroffenen, indem sie ihnen Raum gibt, ihr Leid auszudrücken und aktiv und zu jeder Zeit selbstbestimmt am RJ-Prozess teilzunehmen oder diesen zu beenden. Betroffene erhalten durch das Erzählen ihrer Tatgeschichten und die Tatfolgen Anerkennung für ihre Erfahrungen, was entscheidend ist, um den Verlust ihrer Würde zu überwinden.
Für die Betroffenen ist es zudem heilsam, wenn ihre Verletzungen ernst genommen werden und sie die Kontrolle über ihren Heilungsprozess zurückgewinnen. TäterInnen haben oft selbst Verletzungen der eigenen Würde erfahren, etwa durch Vernachlässigung, soziale Ausgrenzung oder Traumata. Diese Erfahrungen können neuronale Muster festigen, die Empathie und Verantwortungsbewusstsein hemmen. RJ ermöglicht TäterInnen, Verantwortung für ihr (zukünftiges) Denken und Handeln zu übernehmen, und hilft ihnen, sich ihre Würde wieder bewusst zu werden, indem sie als Menschen mit Potenzial zur Veränderung gesehen werden. Diese Anerkennung kann ihre Bereitschaft zur Reue und Versöhnung stärken.
Förderung kollektiver Verantwortung
Emotionale Erfahrungen, die die Würde betreffen, hinterlassen tiefe Spuren im Gehirn. RJ schafft solche Erfahrungen, indem sich TäterInnen und Betroffene von Straftaten in einem sicheren und geschützten Rahmen begegnen, dort erzählen und einander zuhören können. Betroffene erleben, dass ihre Verletzungen ernst genommen werden und Täter:innen entwickeln Empathie und Verständnis für die Auswirkungen von (ihren) Straftaten. Dieser Dialogprozess aktiviert emotionale Netzwerke im Gehirn und fördert authentische menschliche Beziehungen. RJ geht jedoch über die individuelle Heilung hinaus und stärkt auch die Würde der Gesellschaft durch die Förderung kollektiver Verantwortung.
Gemeinschaften werden eingeladen, sich aktiv an der Wiederherstellung des sozialen Gleichgewichts zu beteiligen. RJ ist eine Möglichkeit, das Bewusstsein für Würde als Grundwert zu stärken und soziale Strukturen humaner zu gestalten. RJ zeigt eindrucksvoll, dass das (Wieder-)Bewusstwerden der eigenen Würde ein zentraler Faktor für Heilung und soziale Transformation ist. Indem TäterInnen, Betroffene von Straftaten und die Gesellschaft in ein RJ-Verfahren einbezogen werden, wird nicht nur die persönliche Würde gestärkt, sondern auch ein kollektives Bewusstsein für Verantwortung und Gerechtigkeit geschaffen.

Daniela Hirt

Daniela Hirt arbeitet als Projektleitung, Fachberaterin und Fortbildnerin im Bereich RJ in der Justiz und führt Gewaltpräventionsangebote im In- und Ausland durch.
Ihre Erfahrungen als Systemische Familientherapeutin, Traumapädagogin und Fachkraft für Täterarbeit Häusliche Gewalt ergänzen ihre Tätigkeit als Projektkoordinatorin für RJ Angebote im Strafvollzug auf Grundlage ihres Konzepts “Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug”. Kurskonzept BoAS downloaden….
boas(at)daniela-hirt.de
Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug BoAS
BoAS ist ein Konzept der RJ zur opferbezogenen Vollzugsgestaltung in Form von Kreisdialogen. Diese Kreisdialoge sind Gruppenprozesse, bei denen sich Inhaftierte und Betroffene einer Straftat (nicht ein und derselben Straftat) nach gründlicher individueller Vorbereitung gemeinsam mit Menschen aus der Gesellschaft mehrmals hintereinander treffen. Zunächst finden Einzelgespräche mit allen Teilnehmenden der jeweiligen Personengruppe statt, dann Gruppensitzungen, an denen die Personengruppen getrennt voneinander teilnehmen. Anschließend werden alle in gemeinsamen Gruppensitzungen zusammengeführt, in deren Zentrum das Erzählen der erlittenen und begangenen Straftaten steht. Nach Abschluss des Projekts findet ein Nachsorgetreffen für die jeweiligen Personengruppen statt. Eine Evaluation wird entweder durch das Projektteam oder eine wissenschaftliche Begleitung durchgeführt. Die externe, speziell ausgebildete Projektleitung steuert in ihrer neutralen und unabhängigen Funktion den Prozess der RJ-Maßnahme betroffenensensibel und traumainformiert.
Die Umsetzung erfolgt in ressourcenorientierter Zusammenarbeit mit Personen der jeweiligen Fachdienste (Psychologischer Dienst, Sozialer Dienst, Seelsorge) der Justizvollzugsanstalt und hat bereits in JVAs in Niedersachsen und NRW stattgefunden. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden verdeutlichten einen tiefgreifenden Perspektivwechsel: Für die Betroffene war es eine Erfahrung der Entlastung, in der sie ihre Würde und Selbstwirksamkeit zurückgewinnen konnten durch Bewusstheit und Perspektivwechsel. Sie berichteten von der Möglichkeit, offene Fragen zu klären und den:die Täter:in als Menschen wahrzunehmen, was zu mehr Verständnis führte. Auch die Täter:innen berichteten von einem Perspektivwechsel und Erleichterung durch den Austausch. Sie fühlten sich in der Lage, etwas zurückzugeben, und sahen die Teilnahme als eine Möglichkeit, sich auf das Leben nach der Entlassung vorzubereiten.
Fazit
RJ bietet eine transformative Perspektive für den Strafvollzug und das Strafrecht im Allgemeinen. Sie ergänzt traditionelle Ansätze der Bestrafung durch einen Fokus auf Heilung, Wiedergutmachung und soziale Reintegration. Indem RJ die Bedürfnisse der von Straftaten Betroffenen, der TäterInnen und der Gemeinschaften gleichermaßen berücksichtigt, schafft sie die Grundlage für eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft. Besonders im Strafvollzug zeigt sich, dass RJ nicht nur von Straftaten Betroffenen die Möglichkeit gibt, ihre
Erfahrungen zu verarbeiten und wieder Vertrauen in sich und die Gesellschaft zu gewinnen, sondern auch die Resozialisierung von TäterInnen verbessert. Im Gefängniskontext bietet RJ eine Plattform für den Dialog zwischen Inhaftierten, Betroffenen und der Gesellschaft. Der Dialog fördert das Verständnis auf allen Seiten, unterstützt das Bewusstsein für die eigene Würde und kann langfristig zu einer besseren Wiedereingliederung der Gefangenen in die Gesellschaft führen.
Zudem wird niemand, der sich seiner Würde bewusst ist, andere Menschen würdelos behandeln, sie also zum Objekt eigener Absichten machen. Die Integration von RJ in traditionelle Justizsysteme kann komplex sein, da rechtliche Rahmenbedingungen und Verfahren angepasst werden müssen. Qualifizierte Fachkräfte und eine sorgfältige Vorbereitung sind entscheidend für den Erfolg eines RJ-Verfahrens wie dem Kreisdialog. RJ-Programme benötigen ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen, was in Justizsystemen eine Herausforderung darstellt. Trotz dieser Herausforderungen bieten RJ Verfahren wie der Kreisdialog eine wertvolle Alternative oder Ergänzung zu traditionellen Strafjustizverfahren. Sie fördern Heilung und Wiedergutmachung und können dazu beitragen, langfristige soziale Auswirkungen von Kriminalität zu verringern. Insgesamt zeigt sich, dass RJ-Verfahren nicht nur als ergänzendes Modell zur traditionellen Strafjustiz gesehen werden können, sondern auch als wirksames Mittel zur Förderung des Bewusstseins von Würde, Verantwortung und sozialem Frieden.
Daniela Hirt | Quelle: Spektrum der Mediation 99/2025






