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Bewusst wählen: Sichtbar sein und Ermutigung nicht zu schweigen

24. August 2026

„Das Ganze ist die Ermutigung, sichtbar zu sein“, erklärt der Gefängnisseelsorger Christoph Tekaath, der die Aktion koordiniert.

Die Initiative „Bewusst wählen!“ warnt in Sachsen-Anhalt vor einer Machtübernahme der AfD. In ihrer Kampagne zur Landtagswahl setzen sie Hetze und Häme christliche Werte wie Nächstenliebe, Dialog und Solidarität entgegen und halten die Menschenwürde hoch. Die Kampangne „Bewusst wählen!“ setzt Akzente.

Wahlplakat „Dein Nachbar wählt uns auch“ und das Entgegengesetze „Wir nicht – Eure Nachbarn“ in Karlsruhe. Foto: Michael Drescher

Vier stilisierte Hände in den Farben lila und orange, dunkelgelb und pink greifen in- und übereinander, bilden zusammen ein Kreuz – ein Wahlkreuz auf einem Wahlzettel. Wobei die Farben extra nicht in Zusammenhang mit den Parteien stehen, die am 6. September in Sachsen-Anhalt antreten. Denn das Logo der katholischen Kampagne zur Landtagswahl soll keine Wahlwerbung sein, sondern ein Appell: Bewusst wählen!

Kampagne „Bewusst wählen“

Was tun, wenn die AfD nach der Macht greift – und das zum ersten Mal mit realistischer Chance? Mit dieser drängenden Frage sehen sich auch KatholikInnen in dem ostdeutschen Bundesland konfrontiert. Und weil der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Landesverband der AfD in Umfragen aktuell bei knapp über 40 Prozent steht und sogar die absolute Mehrheit holen könnte, war für die Leute im Bistum Magdeburg klar: „Wir können jedenfalls nicht nichts tun!“ Unter dem Motto „Bewusst wählen!“ haben sie im Mai gemeinsam die Kampagne zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gestartet: das Bistum Magdeburg mit seinem Bischof Feige, die diözesane Caritas, der Katholiken- und der Bistumsrat, der Diözesanverband des Bundes der deutschen katholischen Jugend BDKJ und der der katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands kfd, die Katholische Erwachsenenbildung im Land Sachsen-Anhalt, Alexianer und Kolping.

Als Kirche(n) sichtbar sein

„Das Ganze ist die Ermutigung, sichtbar zu sein“, erklärt der Diakon Christoph Tekaath, der die Aktion koordiniert. „Wir wollen als katholische Kirche sichtbar sein mit unseren Werten Nächstenliebe, Dialog, Solidarität und Menschenwürde.“ Dazu haben sie Banner, Fahnen und Plakate mit ihrem Logo und den Schlüsselworten bedrucken lassen und verteilen sie an alle, die auf diese Weise Farbe bekennen wollen: Gemeinden und Gruppen, Verbände und Initiativen, Institutionen und Einrichtungen, Schulen und Kitas, Krankenhäuser und Pflegeheime und natürlich auch Einzelpersonen. Tekaath denkt zum Beispiel an den Mann, dem die ganze Aktion erst „zu radikal“ schien, der sich schließlich aber doch ein „Bewusst wählen!“-Banner an den eigenen Gartenzaun hängte, um dem Einheitsblau der vielen AfD-Wahlkampfplakate etwas entgegenzusetzen. Und natürlich soll die Kampagne Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Was nicht einfach ist, denn obwohl statistisch gesehen natürlich auch in den katholischen Gemeinden AfD-Sympathisanten sein müssen, geben diese sich oft nicht zu erkennen.

Wenige Katholiken

Dass die katholische Kirche, die in dem überwiegend säkular geprägten Bundesland nur eine kleine Minderheit von gerade einmal 3 Prozent ausmacht, nicht einfach mal eben das Meinungsruder herumreißen kann, war allen von Anfang an klar, sagt Tekaath. „Aber wir wollten eben nicht schweigen, sondern laut und deutlich für das eintreten, was uns wichtig ist.“ Das sei schon jetzt gelungen, meint er und verweist auf den Kampagnen-Auftakt, über den breit und weit über die Landesgrenzen hinaus berichtet wurde. „Und die Aufmerksamkeit von außen motiviert dann wieder die eigenen Leute.“ Er selbst merke durchaus, dass sich jetzt in den Gemeinden noch etwas bewege, dass in der heißen Phase Mobilisierung passiere, dass wenige Wochen vor der Wahl viele Menschen Material anforderten und Gesprächsabende organisierten.

Auch Diözesan-Caritasdirektor Thomas Keitzl hat als Gründungsmitglied von „Bewusst wählen“ in den Einrichtungen des katholischen Wohlfahrtsverbandes die lilafarbenen Banner aufhängen lassen. Auch bei der Caritas bieten sie ein Forum für Austausch- und Gesprächsrunden, wo immer das möglich ist. Wobei Keitzls Erfahrung ebenfalls ist, dass die AfD oft der Elefant im Raum ist, über den lieber nicht gesprochen wird. Gleichzeitig gelänge es aber in den oft über lange Zeit gewachsenen Gemeinschaften der Caritashäuser auch immer wieder, Sorgen und Ängste zu benennen und im Idealfall zu entkräften. Dass dann durchaus auch kritische Töne zum Tragen kommen, wertet er als Zeichen eines gelingenden Dialogs. Ganz offen diskutieren sie auch darüber, was es denn für die eigenen Sozialangebote bedeuten würde, käme die AfD tatsächlich an die Macht. Schließlich hat die Partei vom Rechtsaußen-Rand den Kirchen empfindliche Kürzungen angedroht, gerade auch was Projekte im Bereich Migration und Integration betrifft. „Aus Eigenmitteln allein können wir das nicht stemmen. Im Zweifel hängen auch Arbeitsplätze an solchen Kürzungen.“

Hämische Reaktionen

Franziska Windirsch hat als Referentin für Kinder- und Jugendpastoral im Bistum Magdeburg sowie der BDKJ-Landesstelle Sachsen-Anhalt die ganz Jungen im Blick. „Wir machen mit bei ‚Bewusst wählen!‘ um in die Gesellschaft hinein ein Zeichen zu setzen, dass nicht alles trist und hoffnungslos ist, sondern dass es Hoffnung gibt.“ Auch die katholische Jugendarbeit, stellt sie klar, sei in vielen Bereichen auf finanzielle Förderung angewiesen. „Dass wir auch weiter unseren Platz im Finanzplan haben, geht eben nur mit der richtigen Regierung.“ Dass eine AfD-Regierung in ihren Augen nicht die richtige wäre, braucht sie nicht eigens zu sagen. Am Wahlergebnis, meint Franziska Windirsch, könnten sie vermutlich mit ihrer Kampagne nicht viel drehen. Eine ganze Menge Aufmerksamkeit hätten sie aber schon jetzt generiert. Dass die AfD reflexartig hämisch auf die Kampagne reagiert, der Kirche vorwirft, politisch zu agitieren statt sich auf die Seelsorge zu konzentrieren – das dürfte wohl ein gutes Zeichen sein.

Hilde Regeniter | domradio.de
Titelfoto: Bistum Magdeburg

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