Wieder so ein Buch mit exzessiven Drogengeschichten und die Lösung durch Jesus? Wenn man das Buch von Ruben Deckwerth (Jahrgang 1985) liest, kommt man zu einem anderen Schluss. Der Glaube kommt darin vor, aber nicht als die Lösungsformel. Er ist Teil seiner Geschichte, nicht das Patentrezept am Ende.

Heute arbeitet Deckwerth in der IT-Branche. Er ist drogen- und spielsüchtig. Im Jahr 2024 hat er seine Sucht-Geschichte unter dem Frage-Feststellung „Das ist nur eine Phase, oder?“ veröffentlicht. Geschrieben hat er das Buch zusammen mit seiner Mutter Elke. Die Sicht seiner Mutter fließt über ihre damaligen Auszüge aus ihrem Tagebuch mit ein. Deckwerth beschönigt seine Süchte nicht.
Glücksgefühle halten nur kurz an
Das Buchcover zeigt zwei Profilgesichter des Autors: als „Gangster“ und als „Normaler“. Ein Mensch mit unterschiedlichen Seiten? Beides kann in uns sein und viele Graustufen dazwischen. Ob sein exzessiver Weg im Drogenkonsum und seiner Spielsucht ihm einen Sinn gezeigt haben? Heute sagt Deckwerth dazu, dass ihn erst das Gefängnis aufrüttelte. Schon früh war er auf der Suche nach einem Sinn für sein Leben. Die christliche Prägung im Elternhaus ergeben für ihn erst einmal keine Antworten. Mit seiner fünf Jahre alten Schwester, die einen Punk heiratetet, versucht er rauszukommen. Er rebelliert, wie er schreibt. Obwohl er in der Schule in den Jugendjahren gut mitkommt, bricht er sie ab. Er beginnt, Drogen zu konsumieren, weil diese ihm angeblich „Frieden“ bringen. Keine bohrenden Fragen und keine Auseinandersetzung mit komplizierten Lebensentwürfe. Im Spielen findet der Brandenburger Glücksgefühle. Doch das hält meist kurz an.
Familie ist Co-Abhängig
Seine Mutter, die im Buch aus ihren Tagesbuchaufzeichnungen zitiert, gibt sich alle Mühe, den Jungen in Elbingerode in die Entgiftung und in die Therapie zu schicken. Erst später erkennt sie, dass sie Co-Abhängig ist. Schließlich ist die Familie klar und distanziert sich, indem sie ihn aus der Wohnung werfen. Alles nur eine Phase? Auch dieses eindeutige Zeichen versteht Ruben nicht. Vielleicht ist das, was die Eltern wollen, nicht das, was der Betroffene denkt und tun will. Er muss seine eigene Erfahrung machen. Vielleicht sind solche schmerzhaften Erfahrungen sinnstiftend, ohne den Grundsätzen von Glauben der Familie zu folgen. „Freilassen“ ist ein Thema, auch wenn man sieht, dass der Sohn offenen Auge in den Abgrund stürzt. In der Schweiz findet Ruben in auf und als Gelegenheitsjobs und lebt in verschiedenen Wohngemeinschaften. Durch Briefe und Treffen im Schwarzwald halten sie trotz allem Kontakt zueinander.
Belohnungssystem Gott
Langfristig planen kennt der bis dato fast 30-Jährige nicht. Mühsam lernt er und versucht sich selbst zu belohnen. 30 bis 50 km pro Woche läuft er buchstäblich gegen seine Süchte und die eingeübten Verhaltensmuster an. Mehrere Muskathlons, Spenden-(Ultra)Marathons für mehr Gerechtigkeit in Uganda, Ruanda, Tansania und Kenia sind extreme Sportaktivitäten, die ihn „belohnen“. Bei der christlichen Bewegung ICF in der Schweiz findet der Autor Halt und spielt dort Schlagzeug. Das markante, charismatische Auftreten mit Musik, Gemeinschaftserlebnissen und emotionalen Gottesdiensten zieht viele junge Menschen an, die sich von der Inszenierung angesprochen fühlen. Die persönliche Atmosphäre in den Small Groups schafft enge Bindungen. Das Entweder-oder, man steht auf der dunklen Seite oder ist gerettet oder verloren. Diesen ungesunden Perfektionismus spürt der Schreiber des Buches, stellt sich dem aber immer wieder entgegen durch seine Rückschläge und bleibt sich und Gott, wer immer das sein mag, treu. „Mir war klar, dass Gott hier seine Hände im Spiel haben musste. Dass er trotz meiner Unzulänglichkeiten und Fehler führte, stark machte und im Hintergrund managte, die ich nicht im Griff hatte“, schreibt Deckwerth.
Keine halben Sachen
Das Buch erzählt Geschichten von Extremen. Heute hier, morgen dort und ein schleichendes „sich Festigen“ durch ein Studium mit immer neuen „Ausrutschern“. So muss er nach einem „sich hängen lassen“ den Führerschein abgeben. Die Begegnung mit seinem Papa auf Sansibar heilt manche Wunden, die in der Familie offen waren. Der Kontakt zu einer Kenianerin verhindert den weiteren Alkoholkonsum. Ein Hoch und ein Tief jagen das Nächste. Finanzielle Nöte und Schulden ziehen sich durch die gesamte Erzählung. Höhepunkt ist die kenianische Familien-Zeremonie um die Heirat mit seiner Freundin Rudhy sowie die zivile Hochzeit in der Schweiz. Doch die Suchtproblematik unter den Teppich zu kehren funktioniert nicht. Ein erneuter Klinikaufenthalt tut not, da hilft kein Glaube mehr. Dass Gott einen Plan für einen hat, wird oft gesagt. Ist das ein Gottesbild, das tragen kann? Die Sucht wird Ruben Deckwerth sein Leben lang begleiten. Es bleibt nicht nur eine Phase. Auch sein Glaube an Göttlichkeit wird sich verändern. „Denn wieder aufzustehen ist göttlich“, liest man im Epilog.
Michael King | Titelfoto: Ralf Litera





