parallax background

Bibel „queer“: Räume öffnen für Menschen, die sich nicht gesehen fühlen

16. Juni 2026

Die Bibel „queer“ zu lesen sei „brisant“ und „polarisierend“, räumt selbst das Katholische Bibelwerk mit Sitz in Stuttgart ein. Doch die Heilige Schrift soll unvoreingenommen nicht als Normensystem gelesen werden. Es gehe nicht darum, „moderne Identitäten in alte Texte hineinzulesen“, so ein Sprecher. Es geht um die Frage, „welche Formen von Liebe, Körperlichkeit und Zugehörigkeit die Bibel erzählt – und welche vielleicht nur angedeutet werden?“ Andreas Sturm hat die Ausgabe der Zeitschrift „Bibel und Kirche“ angeschaut.

 

Identität ist nicht das Problem

Vor ein paar Tagen habe ich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Bibel und Kirche“ zum Thema „Bibel queer lesen“ gelesen – und ich finde sie ausgesprochen gelungen. Die Ansätze sind spannend und wichtig. Sie weiten den Blick. Sie nehmen ernst, dass wir die Bibel immer aus unserer eigenen Lebenswirklichkeit heraus lesen. Und sie öffnen Räume für Menschen, die sich lange nicht gemeint oder gesehen fühlten. Genau das leistet dieses Heft: Es lädt dazu ein, vertraute Texte neu zu hören – und Stimmen wahrzunehmen, die viel zu oft überhört wurden. Während ich noch überlegt habe, ob ich dazu nochmal etwas schreiben soll, hat mich ein lieber Freund auf einen Insta-Post aufmerksam gemacht, der diverse aktuelle Studien (u.a. Goodman 2024; Park & Hsieh 2023) aufgreift. Sie zeigen: Queere Menschen tragen ein deutlich erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizidalität und wenn sie außerdem noch christlich sozialisiert sind ist es nochmal höher. Dabei ist nicht ihre Identität das Problem – sondern die Ablehnung, die sie erfahren.

Sohn sei gestorben bei Outing

In diesem Zusammenhang kam mir eine Erfahrung aus dem Jahr 2000 wieder in den Sinn. Während meiner Ausbildung in Klinischer Seelsorge am Beth Israel Medical Center in New York war ich u. a. in einem AIDS-Hospiz eingesetzt – zu einer Zeit, in der eine HIV-Diagnose oft noch ein Todesurteil war. Ein junger Mann im Sterben bat uns, seine Eltern zu kontaktieren. Wir riefen an: „Ihr Sohn liegt im Sterben. Wenn Sie ihn noch einmal sehen möchten, sollten Sie bald kommen.“ Die Antwort: „Wir haben keinen Sohn mehr. Der ist schon längst gestorben.“ Wir hatten nicht die falsche Nummer gewählt. Für diese – sehr frommen – Eltern war ihr Sohn an dem Tag gestorben, an dem er sich geoutet hatte. Ich weiß nicht um welche Konfession es sich gedreht hat, aber ich war fassungslos. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. Und wenn ich durch diese Studienergebnisse scrolle oder manche Kommentare oder private Nachrichten auf meinen letzten Beitrag hierzu lese, dann drängt sich mir eine unbequeme Frage auf: Sind wir wirklich so viel weiter als vor 25 Jahren?

Doppelte Nicht-Zugehörigkeit

Die Forschung beschreibt die Belastung queerer Menschen als Minority Stress: Es geht zum einen um erlebte Ablehnung, aber auch um erwartete Ablehnung und vor allem um internalisierte Scham. Und nirgendwo sitzt diese Scham tiefer als dort, wo sie im Namen Gottes ausgesprochen wird. Christlich queere Menschen leben oft in einem doppelten Spannungsfeld: In queeren Räumen fehlt manchmal Verständnis für ihren Glauben und in kirchlichen Räumen fehlt oft Akzeptanz für ihre Identität. Diese doppelte Nicht-Zugehörigkeit macht einsam und sie hat Konsequenzen. Studien zeigen sogar: Während für viele heterosexuelle Menschen Religiosität stabilisierend wirkt, kann derselbe Raum für queere Menschen sehr belastend sein. Nicht wegen des Glaubens – sondern wegen der Botschaften, die dort vermittelt werden.

Ich möchte deswegen meinen Beitrag zum Pride Month leisten, weil wir als Kirche(n) eine große Verantwortung haben. Ich glaube auch nicht, dass trotz aller Errungenschaften der alt-katholischen Kirche dies nicht auch ein Thema sein könnte. Synodenbeschlüsse alleine, verändern noch nicht automatisch die Einstellung in den Gemeinden. In unseren Kirchen und Gemeinden sitzen queere Menschen. Manche wissen es längst. Manche kämpfen still darum, beides zu sein: gläubig und queer. Was wir sagen – und was wir verschweigen – erreicht sie. Und es hat Konsequenzen. Darum lasst uns Räume schaffen, in denen Menschen wirklich willkommen sind – nicht nur im Juni, sondern an allen Tagen des Jahres.

Andreas Sturm | Alt-Katholische Kirche Singen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert