Die Seminarkirche des Priesterseminars in Trier war von 1570 bis 1773 Kirche des Jesuitenordens. An diesem Ort der dreischiffigen gotischen Hallenkirche versperrt zurzeit am Eingang eine Art Garderobe aus weißen T-Shirts den Weg in die Kirche. Schnell wird klar, es geht um den Sexuellen Missbrauch in Kirche und Gesellschaft. Die T-Shirts verdecken den uneingeschränkten Blick in die Dreifaligkeitskirche.



Kinderschutzexperten aus sechs Ländern haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Daraus entstand, so ist zu lesen, die Kunstinstallation mit T-Shirts und den aufgedruckten Illustrationen von Uliana Krekhovets aus der Ukraine. Sie ist Ikonenschreiberin und Kunstmanagerin. „Seit Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in der Ukraine begann ich, all den Schmerz über den barbarischen Angriff, die Ungerechtigkeit und die Unmoral in schnellen, emotionalen Skizzen auszudrücken. Sie entstanden mit einfachsten Mitteln, die mir zur Verfügung standen: Einem Stück Papier, einem Bleistift, einem Filzstift und meinem Zeigefinger“, schildert die Gestalterin der Illustrationen auf den T-Shirts.
Zeit des Krieges offenbart Alltagsprobleme
Dass in den Kirchen nicht alles unbefleckt weiß erstrahlt, zeigen die Aufdeckungen zum sexuellen und spirituellen Missbrauch von Klerikern in den letzten Jahren. „Das Projekt des UCU Child Dignity Centers zum Thema des Kindesmissbrauchs in der Kirche ist eine Fortsetzung der visuellen und assoziativen Darstellung von Krieg, Verbrechen und Ungerechtigkeit. Wahrscheinlich offenbart die Zeit des Krieges viele Probleme des Alltagslebens, die zwischen den konkreten Schwarz-Weiß-Tönen in hundert Grautönen verschwimmen“, führt die Künstlerin aus. Die Gesellschaft ist hinsichtlich sexueller Gewalt sensibler geworden. Offen und in einfacher Sprache über die Gefahren in hierarchischen Strukturen zu sprechen ist wichtig. Ob die Katholische Kirche mit ihren moralischen Werten und ihrer Männerstruktur dazugelernt hat? Präventiv wird alles getan, dass solche Verbrechen nicht mehr passieren können. Doch es ist wie in dieser Kunstinstallation: Ein Dickicht von aufgehängten T-Shirts, die mit ihrer weißen Farbe kaum die Grafiken darauf erkennen lassen.
„Hochwürden“ haben gegen Würde gehandelt
„Assoziative Bilder, Gesten sowie symbolische Attribute skizzieren im Rhythmus begleitendende Textpassagen. Es scheint alles sehr einfach zu sein, aber es geht um etwas sehr Komplexes, Wichtiges und Verletzliches“, sagt die Ukrainerin. T-Shirts sind eine leichte Kleidung, die Kinder und Jugendliche tragen. Kirchenleute haben als Kleriker ihre Vertrauensstellung ausgenutzt. Die verdeckten Strategien von Tätern sind nicht offenkundig. Zu lange wurde von Verantwortlichen vertuscht, weggeschaut und „auf Zeit gespielt“. „Ab in die Garderobe…“, sagt ein Kirchenbesucher. „Dort verstauben die Vorfälle und sehr mühsam werden Täter entlarvt und bestraft“, sagt er energisch. „Hochwürden“ haben die Würde vieler Kinder und Jugendlicher missbraucht. Jetzt werden Plätze, die nach Kardinälen benannt sind, umbenannt oder wie in Essen die Skulptur von Kardinal Franz Hengsbach entfernt. Damit ist es aber nicht getan. Es braucht Mahn- und Denkorte inmitten solch einer Kirche und dem Ort der Priesterausbildung. Die Kunstinstallation wird vier Wochen lang den Weg in die heiligen Hallen versperren, aber was kommt danach?
Michael King
Hintergrund
Die Ausstellung entstand im Rahmen des internationalen Projekts „Safeguarding. Kindersicherheit im kirchlichen Umfeld” des Zentrums für Kinder-Würde der Ukrainischen Katholischen Universität. Die gezeigten Skizzen sind Teil eines Online-Kunstkurses für Kirchenvertreter, der unter Beteiligung von ExpertInnen der katholischen Kirche aus sechs osteuropäischen Ländern (Kroatien, Tschechien, Ukraine, Polen, Slowakei und Ungarn) entstanden ist. Die Installation wurde in Lviv, Kyjiw, Warschau, Košice, Berlin und Prag präsentiert. Sie wird betreut vom Child Dignity Center (UCU) der Ukrainischen Katholischen Universität. Das Hilfswerk Renovabis ist Kooperationspartner. Während der „Heilig-Rock-Tage“ des Bistumsfestes Trier, hingen die mit Bildern und Texten bedruckten weißen T-Shirts im Kreuzgang des Trierer Doms. Wer den sakralen Raum passieren wollte, musste zwischen ihnen hindurchgehen.“ Das ist die Absicht der internationalen Ausstellung mit dem Titel „Erkennen. Reagieren.“ Die Installation will auf die realen Missbrauchserfahrungen hinweisen und dadurch präventiv wirken.





