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„Daheim bin ich hier nicht“: Zwischen Gefängnis, Abschiebung + Seelsorge

23. Juni 2026

Rote Zahl-Kunstinstallation zu 1300 Jahre Erzdiözese- und Korbinianjubiläum auf dem Freisinger Marienplatz.

Ein politisch und gesellschaftlich streitbares Thema beschäftigt GefängnisseelsorgerInnen aus Bayern, der Schweiz und Österreich bei ihrer 71. Alpenländischen Jahrestagung im Freisinger Pallotti Haus: Menschen mit Fremdheitserfahrungen, Inhaftierung und drohender Abschiebung. Dabei steht eine Exkursion zum Flughafen München und das Gespräch mit der Bundespolizei und der Flughafenseelsorge im Mittelpunkt.

Impressionen

Eröffnung der 71. Alpenländischen Tagung der Gefängnisseelsorge in Freising: v.l.n.r. Dr. Helmut Eder (Österreich), Alfredo Diez (Schweiz), Dr. Andreas Magg (Landes-Caritasdirektor), Ordinariatsdirektorin Ruth Huber (Erzdiözese München und Freising), Mario Kunz (Vorsitzender der bayerischen Konferenz), Ltd. Ministerialrat Hannes Hedke (Bayerisches Staatsministerium) und Dr. Matthias Belafi (Katholisches Büro Bayern).

Grußworte aus Politik und Kirche

Den Auftakt zur einwöchigen Tagung von etwa 30 GefängnisseelsorgerInnen bilden die Grußworte aus Politik und Kirche. Mario Kunz, Vorsitzender der bayerischen Konferenz und Gefängnisseelsorger im Jugendvollzug der JVA Ebrach berichtet von einer Szene im Knast. Dort wollte ein Kollege einen Gefangenen in seinen Haftraum zurückbringen und sagte so beiläufig: „Jetzt bringe ich Sie wieder heim…“. Darauf kommt prompt zurück: „Daheim fühle ich mich hier nicht!“. Eine Inhaftierung will nicht, dass sich Menschen „daheim“ fühlen, führt der Leitende Ministerialrat Hannes Hedke vom bayerischen Staatsministerium aus. „Insgesamt sind Menschen aus 107 Nationen in Bayern zurzeit inhaftiert. Sprachbarrieren und Fremdheit sind lautlose Facetten, mit denen Sie als Gefängnisseelsorgerinnen umgehen müssen“ erzählt Hedke.  Die Seelsorge kann Brücken bauen und emotional unterstützen. Ordinariatsdirektorin Ruth Huber von der Erzdiözese München und Freising ist das Gefängnis fremd. Sie kennt die Abläufe hinter den Mauern nicht. So würde es Menschen draußen genauso ergehen.

Es gehe um Resozialisierung und um ein „Zurückführen“ in die Gesellschaft, meint der Landes-Caritasdirektor Dr. Andreas Magg. Die jüdisch-christliche Tradition ist die Geschichte einer langen Heimkehr zwischen Vertreibung und Suche nach einer Heimat (Dtn 26, 1-11). Dass dies gelingen kann und eine Ressource sei, fügt der Leiter des bayerischen Katholischen Büros Dr. Matthias Belafi hinzu. „Es gibt eine gutes Miteinander zwischen Staat und Kirche, auch wenn wir als Kirche keine Entscheidungsbefugnis über Bleiberechte haben“, sagt Belafi. Der Dienst im Gefängnis geschieht oft im Verborgenen. Alfredo Diez, Präsident des schweizerischen Vereines für Gefängnisseelsorge, weiß dies nur zu gut. Die Fremdheit in vielfältiger Weise und auch in sich selbst tragend, führen zur Entwurzelung und Sprachlosigkeit. Doch ein ganzheitlicher Blick ist notwendig sowie eine Orientierungshilfe, wie die des Infobusses vor schweizer Justizvollzuganstalten für Angehörige Inhaftierter. Der neue Vorsitzender Arbeitsgemeinschaft Gefängnisseelsorge in Österreich, Dr. Helmut Eder, rundet die Grußwortrunde mit den besten Wünschen von den KollegInnen aus Austria ab.


Rückführungen am Flughafen München

Der Flughafen München ist ein Ort,  an dem ausreisepflichtige Personen aus Deutschland „rückgeführt“ werden. Die Begegnung mit dem Flughafenseelsorger Franz Kohlhuber, dem Seelsorger der Bundespolizei, Dr. Gabriel Wolf, einer Abschiebebeobachterin und BeamtInnen des Rückführungsdienstes der Bundespolizei stehen in der Christopherus-Kapelle des Großflughafens im Mittelpunkt. Eigens für die Abschiebungen soll ein Terminal gebaut werden. 6000 Rückführungen waren 2025 geplant, wovon tatsächlich ca. 2500 durchgeführt werden konnten. 186 davon seien aus unterschiedlichen Gründen gescheitert, so der polizeiliche Leiter des Rückführungsdienstes.

Die Aufgabe des Flughafenseelsorger und der Sozialpädagogin Karin Alt bei Rückführungen ist es, dies so human wie möglich zu gestalten. Sie können und wollen nicht die Entscheidungen der Abschiebung diskutieren. „Manche haben ihr Bleiberecht auch verwirkt beispielsweise durch Straftaten“, sagt Kohlhuber. Nach dem „Münchner Modell“ sind sie bei Rückführungen persönlich dabei, vermitteln Zigaretten oder besorgen falls nötig noch Medikamente, die nötig sind.


Hoheitliche Aufgabe

Zwei Stunden vor Abflug werden Ausreisepflichtige an den Flughafen gebracht. Die Bundespolizei ist anschlie0end zuständig. Sie begleiten die Menschen in sogenannten Sammelcharter-Flügen oder regulären Linienflügen in das Zielland. Wie es sich mit den hoheitlichen Aufgaben außerhalb von Deutschland verhalten würde, ist eine Frage eines Gefängnisseelsorgers. „In der Regel ist der Flug mit den Behörden vor Ort abgesprochen und es wird Unterstützung angeboten“, sagt der stellvertretende Bundespolizei-Beamte. Eine Grauzone sei es aber allemal, wenn es zu Komplikationen während des Fluges kommen sollte. „In der Regel leisten die ausreisepflichtigen Personen Widerstand“, führt er aus. Doch mit Empathie werden Zwangsmaßnahmen wie die einer Fesselung mit Klettverschlüssen verhinderbar. Die Beamten tragen keine Waffen und Stahlfesseln mit sich.

Begleitung der BeamtInnen

Der Bundespolizeiseelsorger und der sozialwissenschaftliche Dienst sind für die polizeilichen KollegInnen psycho-soziale AnsprechpartnerInnen bei belasteten Einsätzen und im Dienstalltag. Ein Familienvater der Bundespolizei nimmt eine Abschiebung eher belastend wahr, wenn eine Familie mit Kindern das Land verlassen müssen. „Die Kümmerer sind für die Bediensteten da, so wie die Gefängnisseelsorge für die KollegInnen im Allgemeinen Vollzugsdienst (AVD)“, sagt der quirlig wirkende Pater und verweist auf (s)ein Heft mit dem Titel „10 x 10 Gebote für die Bundespolizei“ mit berufsethischen Impulsen aus der Praxis. Im Nachgang meint einer der Gefängnisseelsorger, „dass die Erläuterungen und Berichte den Anschein eines Hauches von Selbstbeweihräucherung für eine gute Abwicklung von Rückführungen hätte.“ Dass dem nicht immer so ist, zeugen die Erzählungen der BundespolizistInnen aus ihrem Alltag. „Der Dienst ist ambivalent und belastend, daher sind wir froh und dankbar für ein gutes Miteinander mit der Seelsorge“, betont der Leiter des Rückführungsdienstes.


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Fremd-sein ist ganz nahe

„Dahoem bin i net“, so drückt sich ein oberbayerischer Gefängnisseelsorger aus. Um sich selber auf die Spur zu kommen und seine eigene Migrationsgeschichte anzuschauen, dazu bringt Bernhard Sorgenfrei von der JVA Hof Musikvideo-Clips ein. Die Gruppe setzt sich zudem in Schreibgesprächen mit Fremd-sein in der eigenen Biografie und im Knast auseinander. Am AndersOrt der JVA treffen Menschen aufeinander, die sich sonst draußen vielleicht nie getroffen hätten. „Was ist mir als Gefängnisseelsorger fremd in dieser Welt geblieben“, lautet eine Frage an die TeilnehmerInnen, obwohl manche schon jahrelang ihren Dienst hinter den Mauern tun. „Vielleicht ist es die Sprache und bestimmte Ausdrücke, die man so hört. Vieles kann man als GefängnisseelsorgerIn nicht nachvollziehen, weil ich eben anders geprägt wurde“, sagt eine Gefängnisseelsorger aus der Schweiz.

„Das Fremd-sein ist doch ganz nah“, unter diesem Titel lädt die Referentin Leslie Seymor einen Tag lang die internationalen TeilnehmerInnen ein, dem Befremdlichem im eigenen Lebenslauf nachzugehen. Seymor arbeitet als Klinikseelsorgerin in Augsburg und spezialisierte sich auf Biographiearbeit. Sie ist im Rhein-Main-Gebiet in Hessen aufgewachsen und lebt seit 2016 als „Zuagroaste“ in Bayern. Nicht nur mit Worten ermutigt sie die „Knast-TheologInnen“ Methoden mit inhaftierten Menschen anzuwenden, die weiterführen und tiefe Gespräche eröffnen können. „Etwas weniger Fremde“ entsteht mit einer Holzkugel und Erzählungen, was im Leben eine runde Sache war.

Michael King

 

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