Im polnischen Gefängnis in Lublin haben Inhaftierte die Möglichkeit, direkt im Gefängnis ein Vollzeitstudium zu absolvieren. Es ist ein in Europa einzigartiges Studium für Gefangene, das von der Katholischen Universität Johannes Paul II. in Lublin (KUL) angeboten wird. Jetzt haben sieben Häftlinge ihr Studium abgeschlossen.





Soziale Arbeit und Streetworking
Die Bachelor- und Masterspräsenzstudium für Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt Lublin dient anderen als Inspiration. Ausgangspunkt waren Forschungs- und Umsetzungsprojekte im Bereich des Strafvollzugs und der Resozialisierung nach der Haft. Über den Direktor des Bezirksinspektorats des Strafvollzugsdienstes in Lublin wurde bei der Generaldirektion in Warschau die Genehmigung beantragt. Nach deren Erteilung entwickelte die Katholische Universität Lublin ein Studienangebot mit mehreren Fachrichtungen, die unter den Bedingungen der Isolation durchgeführt werden konnten. Dazu gehörten unter anderem Soziale Arbeit mit der Spezialisierung Streetworking, Familienwissenschaften mit der Spezialisierung Assistenz für pflegebedürftige Menschen, Informatik sowie Klassische Philologie.
Verlegung nach Lublin
Auf Grundlage der gesammelten Informationen aus mehr als einhundert Justizvollzugsanstalten in Polen zeigt sich, dass das größte Interesse unter den Inhaftierten die beiden zuerst genannten Studiengänge fanden: Soziale Arbeit und Familienwissenschaften. Die Kandidaten melden ihre Bereitschaft an, das Studium in der Haftanstalt aufzunehmen, in der sie ihre Freiheitsstrafe verbüßen. Die zuständigen Vollzugskommissionen geben eine Stellungnahme zum jeweiligen Bewerber ab. Nach einer positiven Entscheidung reichen die Kandidaten die erforderlichen Unterlagen bei der Universität ein, die zum Beginn des Studiums berechigen. Anschließend können sie ihr Studium beginnen. Die überwiegende Mehrheit der zugelassenen Gefangenen wird vom Ort der Strafverbüßung in die Untersuchungshaftanstalt Lublin verlegt.
Vollzugsrelevante Herausforderung
„Viele Einrichtungen möchten unserem Beispiel folgen, auch außerhalb Polens. Das Studienzentrum der KUL in der Untersuchungshaftanstalt Lublin wurde bereits von zahlreichen internationalen Gästen besucht. Sogar Papst Franziskus richtete einen Brief an die Inhaftierten, auf den sie ihm geantwortet haben“, sagt Prof. Mirosław Kalinowski, Priester und Rektor der Universität und Initiator der Idee eines Hochschulstudiums für Gefangene. Das Knast-Studium stellt sowohl eine akademische als auch vollzugsrelevante und logistische Herausforderung dar: Ausgangsgenehmigungen für die Lehrveranstaltungen, die von 8:20 Uhr bis 16:30 Uhr an fünf Tagen pro Woche stattfinden; strenge Sicherheitsverfahren beim Betreten des Gefängnisgeländes; der Weg durch mehrere vergitterte Tore und Sicherheitsschleusen zu fünf Hörsälen, der Handbibliothek und dem Computerraum.
Das Verlassen der Einrichtung erfolgt nach denselben strengen Sicherheitsvorschriften. An den Lehrveranstaltungen beteiligen sich im Laufe eines Studienzyklus nahezu vierzig Hochschullehrende. „Die Offenheit und Unterstützung der Bediensteten des Strafvollzugsdienstes haben nicht nur den Start des Studiums für Menschen mit ganz unterschiedlichen Strafurteilen ermöglicht, sondern auch wesentlich dazu beigetragen, dass dieses Bildungsprogramm seit dreizehn Jahren ohne Unterbrechung fortgeführt wird“, betont Prof. Kalinowski. Die durchschnittliche Haftdauer der inhaftierten Studierenden beträgt etwa sechzehn Jahre.
Studium schenkt Lebensfreude
Die inhaftierten Studierenden werden weder nach den Umständen ihrer Straftat noch nach der Dauer ihrer Freiheitsstrafe gefragt. Ebenso wenig werden Erkundigungen nach ihrer Einstellung zur Religion oder nach ihrer Teilnahme am religiösen Leben eingeholt. Häufig erzählen sie ihre Lebensgeschichten von sich aus, meist in den Pausen zwischen den Lehrveranstaltungen. Einer der inhaftierten Studenten stellt fest: „Das Gefängnis hat mir das Leben gerettet und das Studium schenkt mir Lebensfreude,“ so der Gefangene. „Unser Wunsch ist es, dass die inhaftierten Studierenden an das Potenzial des Guten glauben, das in ihnen steckt, ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstakzeptanz stärken, den aufrichtigen Wunsch entwickeln, Verantwortung für ihre Straftaten zu übernehmen und den verursachten Schaden wiedergutzumachen sowie gut auf ihre Rückkehr in ein Leben in Freiheit vorbereitet werden“, erklärt Prof. Niewiadomska, die das Seminar leitet.
Seit zwei Jahren haben Frauen, die eine Freiheitsstrafe verbüßen, die Möglichkeit zu studieren. Sie nehmen in eigenen Lehrgruppen getrennt von den Männern am Unterricht teil. Während des Studiums wird vermittelt, dass das Studium sowohl eine Belohnung als auch eine Chance für eine mehrdimensionale Entwicklung ist. „An sie werden dieselben Anforderungen gestellt wie an Studierende unter Bedingungen der Freiheit, und manchmal, dies muss ausdrücklich betont werden, erfüllen die inhaftierten Studierenden ihre Verpflichtungen in Übungen, Seminaren, Praktika und Abschlussarbeiten gewissenhafter als Studierende in Freiheit“, fügt der Rektor der Katholischen Universität Lublin hinzu.
In Beziehung gehen
Ein besonderes Merkmal des entwickelten Bildungsmodells ist die Integration und Zusammenarbeit mit den Psychologiestudierenden der KUL. Im Rahmen der Integration der inhaftierten Studierenden mit angehenden PsychologInnen werden gemeinsame empirische Forschungsprojekte durchgeführt, Bachelor- und Masterarbeiten betreut sowie wissenschaftliche Artikel erarbeitet und in Fachzeitschriften veröffentlicht. Darüber hinaus werden mehrtägige Konferenzen organisiert, auf denen beide Studierendengruppen Poster präsentieren, die die Ergebnisse ihrer Untersuchungen in der Population der Inhaftierten veranschaulichen.
Wie bedeutsam die regelmäßige Präsenz von Psychologiestudenten unter den Inhaftierten für die spätere berufliche Tätigkeit ist, darauf weist die Aussage von Bartosz hin, der zwei Jahre lang ein Mal pro Woche an einem gemeinsamen wissenschaftlichen Seminar teilnahm. Bartosz betonte die Bedeutung des langsamen Prozesses der Veränderung seiner eigenen Haltung gegenüber den Verurteilten – von der Angst, die ihn zu Beginn der Begegnungen begleitete, über die gemeinsame Arbeit und das wachsende Engagement bei der Verwirklichung der gesetzten Forschungsziele bis hin zum Aufbau einer auf Vertrauen basierenden Beziehung zu den inhaftierten Studierenden.
Förderung sozialer Reintegration
Diese werden in mediale Projekte eingebunden. Darüber hinaus erschienen zahlreiche Presseberichte in polnischen und internationalen Medien. Die Gefangenen engagieren sich ehrenamtlich im „Hospiz des Guten Samariters“, das vom Rektor der Katholischen Universität Lublin geleitet wird, und beteiligen sich an karitativen Aktivitäten, beispielsweise durch die Teilnahme am Projekt „Lauf für das Hospiz“, das seit 2019 in der Haftanstalt Lublin organisiert wird und an dem neben Gefangenen Vertreter der Polizei, des Militärs, des Strafvollzugsdienstes, der Grenzbeamten sowie Hochschullehrende teilnehmen. Diejenigen, die ihre Haftstrafe verbüßt haben, setzen ihre Ausbildung häufig fort.
Ein Teil der Absolventen bleibt in engem Kontakt mit der Universität. „Wir laden sie zu kulturellen, integrativen und wissenschaftlichen Veranstaltungen ein, beispielsweise zur Teilnahme an Podiumsdiskussionen über Faktoren, die die soziale Reintegration nach dem Verlassen der Haft fördern. Wenn wir sehen, dass sie nach einigen Jahren in Freiheit arbeiten, Familien gründen und sogar Menschen helfen, die sich in derselben Situation befinden wie sie selbst vor ihrer Inhaftierung, sind wir überzeugt, dass unsere Arbeit sinnvoll ist“, fasst der Rektor der KUL zusammen.
„Wer ich nie wieder sein will…“
Nach dem traditionellen akademischen Kalender finden im Studienzentrum der Katholischen Universität Lublin in der Untersuchungshaftanstalt Lublin die Verteidigungen von Bachelor- und Masterarbeiten statt. Im Juni legen sieben Inhaftierte ihr Bachelorstudium erfolgreich mit der Abschlussnote „Sehr gut“ ab. Es gab Stress, Freude und gegenseitige Unterstützung unter den Inhaftierten, die die Abschlussprüfung intensiv miterlebten. „Ich habe das Gefühl, als hätte ich ein zweites Leben geschenkt bekommen. Das Gefängnis werde ich aufgrund meiner Haftstrafe von 49 Jahren vermutlich nicht mehr verlassen – ich habe bereits 24 Jahre verbüßt und werde meine Strafe im Alter von 82 Jahren beenden. Doch das, was ich seitens der KUL erhalten habe, ermöglicht mir endlich zu verstehen, wer ich war, wer ich bin und wer ich nie wieder sein möchte“, sagt Przemek, einer der Inhaftierten.
Die Katholische Universität Lublin begann das Modell der Hochschulbildung für Inhaftierte im Jahr 2013. Derzeit werden Bachelorstudiengänge sowie darauf aufbauende Masterstudiengänge angeboten. An den Lehrveranstaltungen nehmen 32 Studierende aus ganz Polen teil, sowohl Männer als auch Frauen. Das Programm stößt international auf Interesse, unter anderem prüfen Justizvollzugseinrichtungen in Rom die Einführung eines vergleichbaren Studienangebots in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Theologischen Akademie und der Universität LUMSA.
P. Prof. Mirosław Kalinowski, Prof. Iwona Niewiadomska
Monika Stojowska KUL | YouTube…





