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Wer im Justizvollzug Seelsorge ausübt, bewegt sich zwischen Welten

1. Juli 2026

Die GefängnisseelsorgerInnen der Alpenländischen Tagung aus Bayern, der Schweiz und Österreich feiern mit dem Freisinger Weihbischof, Wolfgang Bischof, einen Gottesdienst in der Benediktuskirche auf dem Domberg. „Daheim bin ich hier nicht“ steht im Titel der internationalen Tagung, auf den der Weihbischof in seiner Predigt am Johannestag eingeht.

Liebe Schwestern und Brüder,

liebe Gefängnisseelsorgerinnen und Gefängnisseelsorger aus Bayern, Österreich und der Schweiz,

Der Dom St. Maria und St. Korbinian in Freising.

„Daheim bin ich hier nicht!“ Unter dieses Leitwort haben Sie Ihre diesjährige Tagung gestellt. Ein Satz, der nachklingt. Ein Satz, der viele Gesichter hat. Er könnte von einem Gefangenen stammen, der hinter Mauern lebt und nicht weiß, wie sein Leben weitergehen soll. Er könnte von einem Menschen stammen, der vor einer Abschiebung steht und nicht weiß, wohin er gehört. Er könnte von jemandem stammen, der in einem fremden Land angekommen ist und dessen Sprache kaum versteht. Vielleicht könnte er aber auch von manchen von Ihnen stammen. Denn wer im Justizvollzug Seelsorge ausübt, bewegt sich oft zwischen Welten. Sie gehören zur Kirche und arbeiten zugleich in einer staatlichen Institution. Sie sind Gesprächspartner für Gefangene und zugleich Teil eines Systems mit klaren Regeln und Sicherheitsanforderungen. Sie erleben Menschen in ihren tiefsten Krisen und müssen dabei selbst tragfähig bleiben. Manchmal mag auch bei Ihnen die Frage aufkommen: Wo bin ich eigentlich zuhause?

Fremder theologischer Ort

Das heutige Fest der Geburt Johannes des Täufers gibt auf diese Frage keine einfache Antwort. Aber es eröffnet eine Perspektive. Johannes ist von Anfang an ein Mensch an der Grenze. Seine Geburt ist außergewöhnlich. Sein Leben verläuft anders als erwartet. Später wird er nicht im Tempel von Jerusalem wirken, nicht in den religiösen Zentren seiner Zeit, sondern draußen in der Wüste. Die Wüste wird sein Ort. Und genau hier berührt sich das Evangelium mit Ihrer Tagung. Denn die Theologie kennt einen bemerkenswerten Begriff: locus theologicus alienus – einen „fremden theologischen Ort“. Damit sind Orte gemeint, die auf den ersten Blick nicht zu den klassischen Orten der Kirche gehören und an denen wir dennoch etwas Entscheidendes über Gott lernen können.

Wenn wir an Kirche denken, denken wir an Kirchenräume, Klöster, Wallfahrtsorte oder Pfarrgemeinden. Doch Gott ist größer als unsere kirchlichen Räume. Die Bibel erzählt immer wieder davon, dass Gott gerade an den unerwarteten Orten spricht: in der Wüste, am Brunnen, auf der Flucht, im Exil, auf dem Meer, unter dem Kreuz. Und vielleicht gehören auch Gefängnisse zu diesen fremden theologischen Orten. Orte, an denen die Kirche nicht wirklich zuhause ist und an denen sie doch etwas über Gott lernt, was sie anderswo leicht vergessen könnte. Denn hinter Gefängnismauern stellen sich die großen Fragen des Lebens mit besonderer Schärfe. Was ist Schuld? Kann ein Mensch neu anfangen? Was bleibt von der Würde eines Menschen, wenn vieles zerbrochen ist? Wie sieht Hoffnung aus, wenn die Zukunft ungewiss ist? Was bedeutet Vergebung?

Gefängnisseelsorge gehört in die Mitte

Das sind keine theoretischen Fragen. Sie begegnen Ihnen täglich in konkreten Gesichtern und Lebensgeschichten. Und vielleicht liegt gerade darin die besondere Bedeutung Ihres Dienstes. Sie bringen Gott nicht einfach an einen Ort, an dem er vorher nicht gewesen wäre. Vielmehr helfen Sie der Kirche, Gott dort zu entdecken, wo er längst gegenwärtig ist. Denn Jesus selbst hat uns einen bemerkenswerten Hinweis gegeben. Im Matthäusevangelium sagt er nicht: Ich war im Tempel, und ihr habt mich besucht. Er sagt: „Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“ Das ist mehr als ein sozialer Auftrag. Es ist eine Offenbarung darüber, wo Christus selbst zu finden ist. Darum gehört die Gefängnisseelsorge nicht an den Rand kirchlichen Handelns. Sie gehört in seine Mitte. Sie erinnert die ganze Kirche daran, dass Gott nicht nur dort wirkt, wo alles geordnet, erfolgreich und sichtbar ist. Er wirkt auch dort, wo Menschen an ihre Grenzen kommen. Vielleicht sogar besonders dort.

Evangelium verlangt keine Perfektion

Johannes der Täufer hat genau das verstanden. Seine Größe bestand nicht darin, sich selbst wichtig zu machen. Er verstand sich als Wegbereiter. Er zeigte auf einen anderen. Auf Christus. „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ Dieser Satz ist kein Ausdruck von Selbstverkleinerung. Er ist Ausdruck großer Freiheit. Johannes weiß: Nicht er muss die Welt retten. Nicht er muss alle Probleme lösen. Nicht er trägt die Last der Erlösung. Er darf auf Christus verweisen. Vielleicht ist das eine wichtige Botschaft für uns alle. Gerade in einer Zeit, in der die Anforderungen wachsen. Sie erleben in Ihrem Dienst die zunehmende psychische Belastung vieler Menschen. Sie erleben sprachliche und kulturelle Herausforderungen. Sie erleben religiöse Vielfalt. Sie erleben die Folgen knapper werdender personeller Ressourcen. Und nicht selten erleben Sie auch die eigenen Grenzen. Manchmal entsteht daraus ein Druck, allem gerecht werden zu müssen. Aber das Evangelium verlangt keine Perfektion. Es verlangt Treue. Es verlangt die Bereitschaft, da zu sein. Zuzuhören. Mitzugehen. Hoffnung wachzuhalten.

Menschen nahe sein

Nicht jede Begegnung wird sichtbar Frucht bringen. Nicht jedes Gespräch wird eine Lebenswende auslösen. Nicht jeder Mensch wird einen neuen Anfang wagen. Aber kein Wort des Trostes ist verloren. Keine Geste der Achtung ist umsonst. Kein Gebet verhallt ungehört. Denn Gottes Wirken übersteigt unsere Möglichkeiten. Darauf verweist Johannes. Und darauf dürfen auch wir vertrauen. Papst Leo XIV. hat in den ersten Monaten seines Pontifikates immer wieder die Aufmerksamkeit der Kirche auf die Peripherien gelenkt. Er erinnert uns daran, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche nicht zuerst daran gemessen wird, wie stark ihre Strukturen sind, sondern daran, ob sie den Menschen nahe bleibt, die leicht übersehen werden. Sie tun genau das. Sie gehen an Orte, die viele meiden. Sie begleiten Menschen, deren Geschichten oft belastend sind. Sie halten die Hoffnung Gottes dort wach, wo andere längst aufgegeben haben. Dafür danke ich Ihnen heute von Herzen.

Heimat liegt in Gott

Und vielleicht dürfen wir das Leitwort Ihrer Tagung am Ende noch einmal anders hören. „Daheim bin ich hier nicht.“ Als Christen ist das in gewisser Weise immer wahr. Unsere letzte Heimat liegt nicht in unseren Institutionen, nicht in unseren Sicherheiten und nicht in unseren Gewissheiten. Unsere Heimat liegt in Gott. Gerade deshalb können wir uns den fremden Orten dieser Welt zuwenden. Gerade deshalb können wir an die Ränder gehen. Gerade deshalb können wir Menschen begleiten, die selbst nicht wissen, wo sie zuhause sind. Denn wir vertrauen darauf: Wo Menschen auch sein mögen – hinter Mauern, auf der Flucht, in Schuld, in Angst oder in Hoffnung –, Gott ist schon dort. Und manchmal lernen wir gerade an diesen fremden Orten am tiefsten, wer Gott wirklich ist. Amen.

Weihbischof Wolfgang BischofEs gilt das gesprochene Wort

 

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