„Und morgen sind sie wieder unsere Nachbarn!“ Etwa 60.000 Menschen, meist Männern, sind zurzeit in deutschen Gefängnis inhaftiert. In der Regel wissen wir kaum etwas von ihnen, außer dass sie tatsächlich oder mutmaßlich eine Straftat begangen haben. Das Podium mit dem bayerischen Staatsminister Joachim Herrmann möchte dazu dienen, unsere künftigen Nachbarn in den Blick zu nehmen. Es soll aber auch den Wunsch wecken, unserer Gesellschaft ein gemeinsames Haus zu verwandeln, in dem alle in guter Nachbarschaft wohnen können.
Ein Kontakt zu Gefangenen und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft sind aus vielerlei Gründen keine leichte Aufgabe. Wir wollen daher nicht nach perfekten Lösungen suchen, sondern einfach damit beginnen, hinter die Mauern zu schauen. Dabei nehmen wir nicht den Blick eines Richters oder Sozialarbeiters ein. Auch deren Blicke haben ihre Berechtigung. Unsere Augen sollen die von gläubigen Christen sein. Sie haben eine eigene Weise, wie sie mit den Herausforderungen des Lebens umgehen können. Die Bibel enthält viele hoffnungsvolle Geschichten, denen wir vertrauen dürfen. Christen dürfen glauben, dass mit Gottes Kraft alles möglich ist, auch das Unmögliche, dass man Wege finden kann, Mauern und Hindernisse zu überwinden.

Begegnung in der Anstaltskirche der Justizvollzugsanstalt Würzburg.
Immer wieder neue Chancen geben
Dies erscheint mir eine wichtige Haltung im Umgang mit Gefangenen, wo es zunächst um die negativen Seiten des Lebens geht, wo Enttäuschung und Frustration an der Tagesordnung sind. Deswegen herrscht in den Haftanstalten oft ein Eindruck von Dunkelheit – nicht nur, weil in manche Zellen wenig Licht von außen fällt. Es ist leicht, sich vom Dunkel gefangen nehmen zu lassen, wenn jemand sein Leben nicht auf die Reihe bekommt oder sich bei manchen Insassen Abgründe auftun. Aber das gilt nicht nur für die Gefängniswelt. Papst Leo hat alle Christen dazu aufgerufen, sich nicht mit der Finsternis abzufinden, sondern „als Generation der Morgenröte“ zu leben, also sich selbst, der Welt und somit auch den Gefangenen immer wieder eine neue Chance zu geben und das Gute, das in uns allen ist, zum Vorschein zu bringen.
Auch in Haftanstalten kann man viel Gutes finden. Während der Pandemie lud ich Gefangene ein, an mir bekannte Menschen, denen es nicht so gut ging, einen Gruß zu schreiben. In Belgien schlug eine Kollegin Inhaftierten vor, von ihrem Einkauf eine Kleinigkeit an Obdachlose abzugeben. „Wie kann man denen das Wenige, das sie haben, auch noch abknöpfen?“, war die Reaktion von Kollegen, während diejenigen, die sich an den Aktionen beteiligten, glücklich waren, etwas Gutes tun zu können.
Glaube ist Thema im Knast
Zu den Schätzen, die man im Gefängnis entdecken kann, zählt auch der Glaube. Obwohl die meisten nicht in einer kirchlichen Gemeinde beheimatet sind, ist vielen von ihnen ihr Glaube sehr wichtig. Oft ist es ein Glaube, der durch Prüfungen gegangen ist. Gefangene sagen manchmal: „Ich bin von so vielen Menschen enttäuscht worden, Gott hat mich nie enttäuscht.“ Eine ganze Reihe von ihnen wünscht sich eine Bibel, weil sie sich Antworten erhoffen auf ihre Fragen, weil sie glauben, dass sie aus ihren Worten Kraft schöpfen und im Glauben einen Halt finden können, nachdem so viele andere Stützen weggebrochen sind. Gefangene haben oft aufgrund ihrer Erfahrung von Versagen und Schuld existentielle Fragen. Wenn ein Straftäter über das Fegefeuer sprechen will, meint er damit keine theologischen Diskussionen, sondern die Frage, welches Urteil Gott am Ende über ihn fällen wird. Sollte das nicht ebenso eine Sorge von uns allen sein?
Schließlich geht es dabei auch darum, was das Leben ausmacht. Wer auf der Sonnenseite steht, ist versucht, nur das zu zählen, was glatt läuft, wo man erfolgreich war oder glückliche Momente hatte. Wie ist es mit Krankheiten, Behinderungen oder Leid, wenn Aussehen, Vitalität und Stärke das Maß unserer Zeit sind? Kann ich guten Gewissens einem Leben Sinn zuschreiben, bei dem jemand doch wieder nur auf der Straße landen wird oder von den Drogen nicht wegkommt? Kann man Menschen, die so leben, nur bedauern oder legen sie nicht auch, oft ohne es zu wissen, ihre Finger in die Wunden unserer Zeit? Manchmal ist es auch mir ein Rätsel, warum einige viel durchmachen müssen und andere es leichter haben. Papst Franziskus, der den Gefangenen in besonderer Weise verbunden war, fragte einmal: Warum ihr und nicht ich? Für ihn war dies eine Frage nach dem Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes.
Schuldgefühle sind wie Tinnitus
Gefangene bringen uns dazu, uns mit dem Thema „Schuld“ zu beschäftigen. Wir verdrängen oft, dass schuldig werden zum Menschsein gehört. Die eigentliche Frage ist also nicht, wie ich Schuld vermeiden kann, sondern wie ich mit ihr umgehe. Wer noch nie von einem Richter schuldig gesprochen wurde, ist trotzdem im Sinne Gottes nicht frei von Schuld. Auch Unterlassen, Gleichgültigkeit oder falsche Bescheidenheit können zur Sünde werden. Bei einem Literaturwettbewerb verglich eine inhaftierte Frau ihr Schuldgefühl mit einem Tinnitus, der sich statt im Ohr in der Seele äußert. Dieses Bild zeigt, dass Schuld wie ein Grundrauschen immer vorhanden ist. Das gilt für alle Menschen. Während man Schuld vor dem Gesetz mit dem Entzug der Freiheit abzahlt, weiß der religiöse Mensch, dass eine Schuld vor Gott nur vergeben werden kann.
Sich mit Gefangenen zu beschäftigen, ist somit eine Chance, das Leben besser zu verstehen. Sie wiederum brauchen unsere Hilfe für einen Neuanfang, und erst recht, wenn sie im Leben wieder dauerhaft Fuß fassen wollen. Dafür ist eine Resozialisierung wichtig. Unsere Strafvollzugsgesetze besagen, dass der Vollzug der Freiheitsstrafe nicht nur dem Schutz der Allgemeinheit dient, sondern er soll „die Gefangenen befähigen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen.“
In den Justizvollzugsanstalten gibt es bereits viele gute Behandlungsmaßnahmen. Es gibt den sozialen, den psychologischen und den seelsorglichen Dienst oder Therapien für Sexual- oder Gewaltstraftäter. Es gibt Programme für schulische Maßnahmen, die Drogenberatung, professionelle kirchliche Angebote zur Stärkung von Familien oder Partnerschaften. Es gibt Ehrenamtliche, die einzelne Gefangene betreuen oder bei Gruppenangeboten mitwirken. Aber diese Angebote sind tatsächlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es sind zu wenige und sie sind bei weitem nicht allen zugänglich, weil Sicherheitsgründe und Tagesabläufe dagegensprechen.
Perspektiven seitens der Kirche(n)
Unser Augenmerk bei diesem Katholikentag gilt jedoch in erster Linie der Kirche und kirchlichen Gruppen und Gemeinden. Die deutschen Bischöfe betonen, dass die „ganze Kirche … Trägerin der Gefängnisseelsorge ist.“ Es ist mir wichtig, im Blick zu haben, dass viele Gefangene Teil unserer kirchlichen Gemeinschaft sind und dass diejenigen, die keiner Kirche angehören, unserer Fürsorge anvertraut sind. Die Bischöfe schlagen vor, Briefkontakte zu pflegen, Pfarrbriefe zu schicken, die Familien draußen zu begleiten, nach der Entlassung Hausbesuche zu unternehmen, usw. Haupt- und Ehrenamtliche fragen sich oft: Was sollen wir noch alles tun? Es geht jedoch nicht darum, neue Aktivitäten einzufordern, sondern einen Blick auf die Inhaftierten als Menschen zu entwickeln. Es ist schon ein wichtiger Schritt einzusehen, dass Gut und Böse nicht getrennt, sondern auf beiden Seiten der Mauer anzutreffen ist.
Fenster, die sich öffnen
Es ist gut, in der Gemeinde ein Fenster für sie geöffnet zu haben, um sie im Blick zu behalten. Vielleicht reicht es schon, wenn im Gottesdienst ab und zu eine Fürbitte für Gefangene formuliert wird ebenso wie für ihre Familien, die ja weiterhin unter uns wohnen und sich durch diese Bitte gestärkt fühlen, selbst wenn sie sich nicht outen wollen. Darüber hinaus gibt es allein in Würzburg bereits viele unterschiedliche Initiativen, die Brücken bilden: die IniZelle der KHG, gemeinsam gestaltete Gottesdienste mit Pfarreien oder Chören, eine ökumenische Weihnachtspaketeaktion, externe Priester, die zum Gottesdienst kommen, eine langjährige Plätzchenbackaktion, eine jährliche Weihnachtsfeier für die Frauen der JVA, die durch die Gemeinschaft Sant’Egidio und andere Ehrenamtliche mitgestaltet wird. Nicht jede traut sich einen direkten Kontakt zu Inhaftierten zu, nicht jedem ist es ganz geheuer, eine JVA zu betreten, nicht alle haben ausreichend Zeit, einen Inhaftierten persönlich zu begleiten. Es würde schon reichen, wenn ein Lektorenteam dem gleichen Team einer JVA einen Weihnachtsgruß sendet, eine Organistin sich mit einem inhaftierten Organisten austauscht, wenn Gefangene Papierblumen basteln, die beim Pfarrfest verschenkt werden, oder einen Bericht für die Homepage der Pfarrei schreiben…
Es geht nicht um große Aktionen, sondern um Fenster, die sich öffnen. Welche Art von Haus wird gebraucht, in dem Entlassene als Nachbarinnen und Nachbarn mit uns leben können? Papst Leo sagte am Ostermontag: „Weltweit ist es wünschenswert, dass jede Gemeinde ein ‚Haus des Friedens‘ werden soll, wo man lernt, Feindseligkeit durch den Dialog zu entschärfen; wo Gerechtigkeit praktiziert wird und Vergebung gelebt wird.“ Es ist ein wichtiger Dienst für den Frieden ebenso wie für die Resozialisierung von Gefangenen, an einem solchen Haus zu bauen und mitzuwirken. In diesem Sinne können selbst Gefangene einen wichtigen Friedensdienst leisten, wenn sie hinter Mauern, mit ihrer Schwäche und Schuld ihre Steine für dieses Haus setzen und Farben für den Anstrich miteinbringen, die aus ihrer Lebenssituation hervorgehen.
Doris Schäfer | Impuls Podium, Katholikentag 2026 in Würzburg






