Herr Friedrich.
Ich arbeite in einer Justizvollzugsanstalt als Seelsorgerin. Die Männer und Frauen im Vollzugsdienst sind gut ausgebildet. Sie reden mit den Gefangenen, kennen oft ihre Sorgen und Nöte, schlichten Streit, beruhigen, ermutigen, bestärken oder trösten. Sie sind die ersten, die sehen, wenn sich ein Häftling das Leben genommen hat. Mit Herrn Friedrich – so nenne ich ihn heute mal – komme ich zwischen Tür und Angel oft ins Gespräch. Er sagt: Es ist nicht leicht nicht abzustumpfen, nicht gleichgültig zu werden, manchen Ärger und Beschimpfung, manche mangelnde Erziehung oder Gewalt zu ertragen und die Menschen, die aus verschiedensten Kulturen und Schichten kommen, zu verstehen. Er macht seinen Dienst gern. Und wir sind uns einig: Jeder Mensch hat Würde in sich, der Gefangene und der Beamte.

Justizvollzugsanstalt Heidering in Ludwigsfelde bei Berlin. Fotos: Imago
In einem Psalm in der Bibel heißt es: Was ist der Mensch, dass du Gott an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst. Du Gott hast ihn nur wenig geringer gemacht als dich selbst. Ich wünsche allen diese Zuversicht, dass Gott sich jedes Menschen annimmt. Auch durch unser Mittun. Uns allen Gottes Segen zur Nacht.
Andreas der Tapfere
Ich arbeite in einer Justizvollzugsanstalt als Seelsorgerin. ich denke an Andreas. Er hat seine Strafe abgesessen, über 20 Jahre. Den ersten Teil seines Lebens hat er im Kinderheim und dann auf der Straße verbracht. Als er kam, war er dürr, hatte lange verfilzte Haare und einen ungepflegten Bart. Er musste erstmal unter die Dusche, zum Frisör und irgendwann nahm er auch seinen Bart ab. Andere Mitgefangene schenkten ihm etwas zum Anziehen. Er scheint glücklich. Oft kommen wir ins Gespräch und gern schnorrt er sich mit einer liebenswerten Geschichte mal ein bißchen Kaffee in einer Plastikdose.
Ein paar Tage später hat er wieder Gesprächsbedarf, schnorrt sich ein bißchen Tabak. Die Kekse zum Kaffee in meinem Büro lege ich ihm unbemerkt abgezählt hin. Ein paar ißt er gleich, ein paar nimmt er für den Nachbarn mit und ein paar für später. Ich schmunzle. Er ist ein Lebenskünstler auf der Straße. Nun ist er entlassen auf Endstrafe, sagt man bei uns, ganz frei. Eine Wohnung hat ihm niemand besorgen können. Mit einem großen Schlafsack, ohne Ausweis ist er losgezogen. Ich denke an ihn und manchen, der auf der Straße lebt. Gott, ich bitte dich, beschütze sie und alle deine Menschenkinder. Gib allen eine gesegnete Nacht.
Adom
Ich arbeite in einer Justizvollzugsanstalt als Seelsorgerin. Oft frage ich mich, warum ist ein Mensch so geworden, wie er jetzt hier sitzt – ja sitzt – im doppelten Sinne des Wortes. Heute ist Kindertag, und ich denke an Adom – so nenne ich ihn heute. Und ich stelle mir seine Kindheit vor. Was hat er alles erlebt und durchgemacht. Als Kind wurde er von vielen Männern mißbraucht, verkauft und irgendwann, ist er mit dem Flugzeug nach Europa gekommen. Aber man nimmt seine Geschichten und sein Leben mit – egal wohin. Und wie kommt man dann hier an und wird heimisch?
Adom spricht ein liebenswertes Deutsch, er ist fröhlich und kontaktfreudig. Und ja, er ist wieder in die gleiche Bahn, wie damals geraten. Seine Drogenabhängigkeit hat ihn fest im Griff. Sie schützt ihn, lässt ihn vieles, was in Rotlicht-Kabinen geschieht, aushalten. Aber sie macht ihn auch zum Straftäter, mit dem Urteil: Beschaffungskriminalität. Er ist mehrmals in die Anstalt gekommen. Nun ist er in die Freiheit entlassen. Ich wünsche ihm und allen, die solche schweren Wege gehen müssen – innere Freiheit. Uns allen wünsche ich eine gute gesegnete Nacht
Herr Kunz
Ich arbeite in einer Justizvollzugsanstalt als Seelsorgerin. Oft frage ich mich, warum ist ein Mensch so geworden, wie er jetzt hier ist und einen ziemlichen eintönigen Tag leben muss. Herr Kunz, so nenne ich ihn, ist fleißig und ordentlich. Er ist für die Gemeinschaftsküche auf der Station verantwortlich. Oft steht Herr Kunz in meiner Bürotür und wir erzählen über das Essen, über dies oder das und dann macht er fragend die Tür hinter sich zu, damit wir ungestört reden können. Es braucht Zeit, bis ein Mensch Vertrauen findet. Herr Kunz denkt darüber nach, was er tun kann, wenn er rauskommt.
O, denke ich, einer, der so fleißig und verlässlich ist wie Sie – der wird sicher etwas finden. Und dann rückt er heraus. Mich wird keiner nehmen. Ich habe soviele Einträge in meinem Register. Ein vom Arbeitgeber angefordertes Führungszeugnis wird nicht gut aussehen. Tja, wer soll ihn einstellen? Wer gibt ihm eine Chance? Herr Kunz ist bereits in Freiheit. Ich wünsche ihm, dass er die fröhliche Lebensart, die er hat, auch draußen lebt und eine Arbeit gefunden hat. Uns wünsche ich Gottes Segen für die Nacht und eine gute neue Woche.

Christina Brath, JVA Heidering | rbb Juni 2026





