Blickt Oliver Föhr aus seinem Büro, sieht er die Mauer des Gefängnisses in Kempten. Drinnen spielen Glauben und eine gesunde Portion Humor eine große Rolle.
Oliver Föhr arbeitet im Gefängnis. Er ist der Seelsorger in der JVA Kempten und hat ein offenes Ohr für jeden Inhaftierten. Kempten Oliver Föhr hat freiwillig „lebenslänglich“ gewählt. Das sagt der 52-Jährige in seinem Büro im Gefängnis in Kempten – und lacht dabei laut auf. Denn Föhr ist seit 16 Jahren Seelsorger in der JVA. In dieser Zeit hat der Diakon schon einiges erlebt. Und in den Allgäuer Justizvollzugsanstalten in Kempten und Memmingen hat sich ebenso manches verändert.
Nicht immer kann Föhr das, was er in den Gesprächen mit Tätern erfährt, vergessen. Manche Sorgen nimmt der Familienvater gedanklich mit nach Hause. Was sich genau getan hat, erzählt Oliver Föhr in seinem Büro, hinter den Gefängnismauern. Er hat es sich dort gemütlich eingerichtet. Er sitzt in einem schwarzen Bürostuhl. Hinter ihm stehen religiöse Bücher, kleine Kreuze liegen bereit. Sie schickt er immer wieder an Inhaftierte. Vor ihm hängt ein Trikot an der Wand: Föhr engagiert sich im Sportverein seiner Heimat im Unterallgäu. Das und die Musik gehören zu seinem Ausgleich zum Berufsalltag „hinter Gittern“, wie er sagt.

Im Gefängnis sind die Gefangenen mit ihren Gedanken auf sich allein gestellt. Einer der Hafträume der Justizvollzugsanstalt Kempten. Foto: Imago/Astrid Schmidhuber
Viele verschiedene Nationalitäten
In allen bayerischen Gefängnissen gibt es Seelsorgerinnen und Seelsorger der evangelisch-lutherischen Kirche und der katholischen Diözesen, erzählt Föhr. Mit seiner Kollegin besucht er Gefangene, bietet Gruppenstunden wie Bibelkreise an oder hält sonntags abwechselnd mit anderen Geistlichen den Gottesdienst im Gefängnis. Diesen kann jeder Inhaftierte besuchen, egal ob jemand katholisch, muslimisch oder buddhistisch ist. Einmal im Monat kommt ein Imam.
Dass Menschen mit verschiedenen Religionen auf ihn zukommen, ist für Föhr nichts Ungewöhnliches. Allein in Kempten haben die derzeit 274 Gefangene 35 verschiedene Nationalitäten, sagt Anja Ellinger, Leiterin der beiden zusammengehörenden JVA. In Memmingen sind es 260 Straftäter unter anderem aus Rumänien, China, Russland, der Ukraine, Spanien, Kolumbien, Lettland oder dem Kongo sind dort untergebracht. Auch im Glauben unterscheiden sie sich.
Seelsorge ist auch Konfrontation
Zu Konflikten führen die verschiedenen Religionen aber allenfalls nur sehr selten, sagt Ellinger. Kommt es zum Streit zwischen Häftlingen, dann seien „psychische Auffälligkeiten“ die häufigste Ursache dafür. Das ist es auch, was Föhr Sorgen bereitet. Viele verschiedene Nationalitäten gebe es schon lange in der Justizvollzugsanstalt. Doch psychisch kranke Täter hätten gefühlt zugenommen. Geht es einem Inhaftierten nicht gut, weiß der Diakon nie, wie derjenige im Gespräch reagieren wird. Föhr hat jedoch in einem Kurs gelernt, wie er sich im Ernstfall selbst verteidigen könnte. Außerdem befinden sich Justizvollzugsbeamten in Reichweite.
Zu seinen schwierigeren Aufgaben gehöre es, einem Häftling eine Todesnachricht zu überbringen. Etwa, weil ein Angehöriger verstorben ist. „Draußen“, sagt Föhr, helfen Familie und Freunde bei Todesfällen. Im Gefängnis sind die Gefangenen mit ihren Gedanken auf sich allein gestellt. „Seelsorge ist auch Konfrontation“, sagt Föhr. Mit den Tätern – in Kempten sind nur Männer untergebracht – redet er auch über das, was sie getan haben. Ebenso mit denjenigen in U-Haft, für die die Unschuldsvermutung gilt. Er unterliegt in den Gesprächen der Schweigepflicht. Das helfe, einen Raum der „absoluten Vertraulichkeit“ zu geben, sagt er. Dabei stellt der Diakon immer wieder fest, dass es den Verurteilten guttut, wenn sie damit konfrontiert werden, dass sie Unrecht getan haben.
Humor bei seiner Arbeit
Föhr hat eine religiöse Herangehensweise für die Gespräche: „Hasse die Sünde, aber liebe den Sünder.“ So stehe es sinngemäß in der Bibel, sagt Föhr. Natürlich gebe es schlimme Taten, bei denen es ihm schwerfalle, nach diesem Motto zu handeln. Außerdem habe es schon etwas mit ihm gemacht, von so vielen Gewalttaten zu hören. Seine Gegenüber seien schließlich Drogendealer, Sexualstraftäter oder Gewalttäter. Besorgt um seine eigene Familie sei er natürlich schon. „Ich weiß, wie schnell man Opfer werden kann – aber auch Täter.“ Lähmen würde ihn diese Besorgnis aber nicht. Das will man dem 52-Jährigen auch sofort glauben. Neben dem Glauben hilft ihm auch der Humor bei seiner Arbeit. Sein Büro ist voll von Fröhlichem. Lustige Sprüche etwa. Wer in sein Büro eintritt, kommt nicht an diesem vorbei: „Heute ist ein schöner Tag, ich denke, ich kleide mich schwarz.“ Eine sarkastische Anspielung auf die dunkle Kleidung der Geistlichen. Und dann ist da noch etwas. Nämlich die Begegnungen mit Verurteilten, die ihm etwas zurückgegeben haben. Immer mal wieder komme es vor, dass er ehemalige Inhaftierte „draußen“ wieder trifft. Kürzlich etwa bei McDonalds, erzählt er. Schön sei es, wenn die Betroffenen es geschafft hätten und nicht wieder straffällig geworden seien. Besonders in Erinnerung bleibt ihm ein Verurteilter, den er nach dessen Haftstrafe verheiraten durfte.
Marina Kraut | Mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung





