Als Seelsorger in Österreichs größtem Gefängnis, der Justizanstalt (JA) Wien-Josefstadt, trifft Jonathan Werner oft auf Menschen, die eigentlich nicht wissen, was sie wollen. Es geht ihnen vielleicht wie dem Zöllner Zächaus in der Bibel, der sich von oberflächlichen Wünschen leiten ließ und schließlich an den Rand gedrängt wird. Jesus ruft ihn und er folgt. Gedanken über Berufung und Selbsterkenntnis.
Ein Satz aus dem Talmud sagt: „Man wird des Weges geführt, den man wählt.“ Will man das gleiche mit Berufung ausdrücken müsste man wohl sagen: „Man ist zu dem berufen, dessen Ruf man folgt.“ Die eigentliche Frage, die hier mitschwingt, ist aber die, ob Gott konkrete Vorstellungen für das Leben von uns Menschen hat und ob man das Leben in den Sand setzt, wenn man diesen Vorstellungen nicht gerecht wird. Das Entscheidende des Talmudsatzes ist meines Erachtens nicht die Vorstellung Gottes, nicht der Weg und nicht die Wahl, es ist die bleibende Begleitung Gottes, unabhängig davon, wofür sich der Mensch entscheidet: „man wird geführt!“ Damit man geführt werden kann, muss jemand da sein, der die Führung übernimmt, oder dem man die Führung übergibt. Für mich als Christ kommt diese Rolle Gott zu.

Jonathan Werner ist leitender Anstaltsseelsorger in der Justizanstalt Wien-Josefstadt.
Leben wollen
Im Psalm 16,11 heißt es: „Du zeigst mir Herr, den Weg zum Leben“. Das ist der eigentliche Punkt: Gott will, dass wir leben, dass wir nicht an unserer Lebenswirklichkeit vorbeileben und dass wir im Frieden mit uns, den Mitmenschen, der Schöpfung und dadurch mit ihm leben. Nicht an sich selbst vorbeizuleben ist aber eine komplizierte Angelegenheit, die im Laufe des Lebens eingeübt werden muss und je mehr man das tut, umso mehr erkennt man sich selbst und damit seine eigentliche Berufung. Im Rückblick erschließt sich sehr gut, wie man immer wieder gehandelt hat, was man eigentlich durchgehend entschieden und was man immer wieder vergeigt hat. Darin zeigt sich viel eher, wozu man berufen ist, als in den emotionalen und unausgereiften Wünschen, Zielen und Träumen, die einen als junger Mensch bewegen und anspornen, dieses oder jenes zu tun.
Selbsterkenntnis
„Erkenne dich selbst“ und du erkennst Deine Berufung, das müsste also als Apostolat vor jeder Berufungsgeschichte stehen und sie ständig begleiten. Vielleicht erinnern sich manche an das Buch „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. In diesem wunderbaren Buch gehtes stets um die Frage, wie der Held Bastian seinen wahren Willen findet. Als Seelsorger im Gefängnis treffe ich auf zahlreiche Menschen, die sich nicht im Klaren darüber sind, was sie wirklich, wirklich wollen.Hinter Geld, Macht, Karriere, Freiheit, Luxus, Sex verbergen sich meist viel tiefere und wichtigere Wünsche: Zuwendung, gesehen werden, geachtet werden, gehört werden, teilhaben, mitmachen dürfen und manches mehr.
Was wollte wohl Zachäus, der untreue Zöllner, der eher klein gewachsen war, mit seinem gestohlenen Geld? Ich glaube er wollte „jemand sein“, gesehen werden, wahrgenommen wer- den, dazugehören. Der Weg, den er gewählt hat, um dieses unbewusste Ziel zu erreichen, führte ihn jedoch genau zum Gegenteil: in die Isolation. Eben genau deshalb, weil er sich nicht seiner eigenen Wirklichkeit stellen konnte oder wollte. Er hat versucht, sich selbst durch Geld zu überhöhen, um seine Niedrigkeit zu kaschieren. Das Gegenbeispiel hierfür ist Maria, die sagen kann: „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat Gott geschaut!“ Sie hat kein Problem mit ihrer Einfachheit, ihrer „Niedrigkeit“, Genau deshalb kann Gott sie darin ansprechen und begleiten. Und sie wird zum Urbild eines Menschen, der auf Gottes Ruf antwortet.
Annahme der Lebensrealität
Berufung ist nicht dazu da, durch Weihe, Amt und Würde einen wie auch immer gearteten Mangel zu kompensieren, oder sich durch Statusänderung, quasi als „upgrade“, selbst zu überhöhen. Berufung erfordert die demütige Annahme der eigenen Lebensrealität mit all ihrer Unzulänglichkeit und die Hingabe des wahren Selbst an die Begleitung und Führung durch Gott. Berufung bedeutet Reife und Authentizität. Im Blick auf Michael Endes „Unendliche Geschichte“ gesprochen: Berufung heißt: wissen, was man wirklich will. Ich bin überzeugt, dass Gott nichts für den Menschen will, was nicht zutiefst aus dem Menschen selbst entspringt und ihm entspricht. Ganz einfach deshalb, weil der Heilige Geist Gottes in jedem von uns atmet und lebt und zwar nicht als etwas uns Entgegengesetztes, sondern als zutiefst uns Eigenes, uns Führendes und Begleitendes.
Jonathan Werner






